Kurzgeschichten, Fabeln uvm.

Dierk Seidel Kurzgeschichte: Der Mensch, der nicht Verstand.

„Aha, aha, aha“, sag` ich zu dir. Und du nickst mit dem Kopf und wippst mit dem Beat.
Pegida, Pegida, Pegida, sagst du zu mir und wippst mit dem Beat.
Von Aha zu Pegida ist jetzt aber mal ganz schön weit hergeholt, sag‘ ich und wippe nicht mit dem Beat.

Du stehst mit einem Kollegen an einem Tisch in der Bahnhofsbäckerei Wuppertal-Oberbarmen und weil du dem Elend um euch nur so viel Lästerei zugestehst, wie dein heimlicher Elitarismus zum Atmen braucht, gehen euch irgendwann die Gesprächsthemen aus. Die Bahn nimmt darauf keine Rücksicht und wird pünktlich, aber doch erst in gut einer halben Stunde kommen. Also beißt man ins Croissant und surft mit dem Handy, bis der Akku qualmt. Und dann, dann fällt deinem Kollegen auf einmal so ein Satz aus dem Mund wie: „Eigentlich bin ich ja ganz froh, dass es diese Anti-Islam-Demos gibt oder gab.“

Jemand riet ihm, wenn die Verbindung zum Publikum mit wachsender Routine abzustumpfen drohe, wenn das Lampenfieber fehle, das Gähnen auf der Bühne sein Pendant im Publikum zu übertönen begänne, dann solle er sich an seine Message klammern: die Weisheit unters Volk bringen. Seine Mission als Mann des Geistes annehmen, seine Weltsicht pointiert formulieren und mit der Kraft der Stimme sprechen, die nur im Kokon der vollkommenen Überzeugung von sich und seinen Ideen heranwachsen kann.

Dierk Seidel Kurzgeschichte: Zwischenwelten

Ich bin wach und voller Ungeduld und fühle mich nicht frei. Warum? Ich warte auf den Tag an dem jemand kommt und etwas sagt. Wer es ist, das weiß ich nicht. Ich starre an die Decke, liege auf meinem Bett, ohne Decke, und starre vor mich hin. Das Neonlicht der Gedanken zermürbt mein Empfinden und ich schließe die Augen und erblicke einen leeren Raum. Meine Kleidung weiß, alles weiß und die Wände kommen näher.

Dierk Seidel Kurzgeschichte: Spiegelgesicht

Soll ich mich rasieren oder lieber nicht, frage ich mein Spiegelbild und es schweigt.
Ziehe ich eine Jeans an oder lieber eine Stoffhose, frage ich mein Spiegelbild. Und es schweigt.

Dierk Seidel Kurzgeschichte: Fisch ist tot

„Du bist langweilig“, sagte Fisch.
„Ich weiß, ich weiß, das hat mir vorhin schon einer gesagt. Aber ich weiß nicht so ganz, was ich dagegen machen kann. Ich suhle mich den ganzen Tag in einem Eimer voll Aufmerksamkeit. Schwimme förmlich darin, und dennoch sagt man, mein Wesen sei langweilig. Passt nicht. Gestern noch. Ich dachte, dreh‘ ich mal voll auf. Hab den Fernseher ganz laut gemacht und das Fenster aufgemacht. Dazu hab ich meinen Apfelsaft aus der Flasche getrunken.“