Torsten Schoeneberg

Ein Nihilist

Der fette bebrillte gegelte Dunkelschwarzhaarige an der Rezeption des Motels in White Hall, Arkansas,
breites fahles Gamergesicht, hellgrünes, über das Fett gespanntes Hemd, weite Bluejeans,
der sagt, alles in Amerika sei beschissen – außer: „Freedom!“
er sagt, er ist kein typischer Amerikaner
er sagt, er liebt Sauerkraut
er sagt, er ist einmal in Europa im Zug besoffen eingeschlafen
er sagt, er ist Nihilist
er sagt, er hat Nietzsche gelesen
er fragt, ob ich mit ihm Gras rauchen will
er sagt, er versteht nicht, warum nicht

(ich habe es jemandem versprochen – „aber sie erfährt es doch nie“, sagt er)

von allen Motel-Rezeptionisten

06-2015-Torsten-Schöneberg-Kurzgeschichten-Menschen-Nihilist(manche konnten weniger Englisch als ich
die Oma in Astoria, die auf dem Rechner Farmville spielte
der nette Mexikaner in Kalifornien, der Fußballfan war
das dicke unbeholfene Latina-Mädchen in Santa Rosa
der schwerhörige Uralte in Arizona, zuerst schroff
und dann immer lieber und vertrauensvoll und
„habe ich das richtig eingetragen?“
es tue ihm leid, daß er nicht höre …)

macht er am meisten Umstände und Formalitäten
und das da noch ausfüllen und diese Ermäßigung gibt es nicht, nein
und auf der Rechnung bemerke ich nochmal 10 Dollar mehr, ach, ein Versehen, er lacht
und er lacht über die Deutschen, schon fünf waren es seit diesem Sommer,
die hierher in die beschissenen Südstaaten kommen
wegen dieses Mythos‘.

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