Dierk Seidel

Eine Garantie gibt es fast nie

Ich stehe mit den Füßen im Wasser, mein Blick ist zum Land hin gerichtet. Andere sehen von hier sicherlich Strandkörbe, Zelte, Sandburgen und spielende Kinder. Ich sehe nichts außer meiner Vergangenheit.

Ich blicke mit leeren Augen weit nach hinten ins Nichts. Und es stellt sich mir die immer währende Frage, was bleibt eigentlich übrig von alledem? Und warum hängt man häufig alten Zeiten hinterher?

Es ist wie eine Flucht. Für andere ist es nur Urlaub. Das Wasser kitzelt meine Beine und ich bin allein. Schon so lange Zeit.

Er hinkt seinem Leben immer wieder hinterher. Steht da im Wasser, blickt auf die Strandkörbe und wartet, bis ihn die nächste große Welle erfasst. Er wird lange warten müssen. Es ist Ebbe, es ist windstill. Er will diese Welt verlassen. So wirkt es zumindest. Warum nur? Seinen Kummer kann man aus weiter Entfernung erkennen. Er wirkt unheimlich traurig. Die anderen Menschen tollen rum, ergötzen sich der Sonne, der Erfrischung des kühlen Nass und genießen ihre Zeit. Warum kommt man hierher ins Paradies, wenn man die Zeit nicht genießen kann?

07-2015-Dierk-Seidel-Kurzgeschichte-Eine-Garantie-gibt-es-fast-nieSie schwimmt nun schon mehrere Minuten unter Wasser. Das Schwimmen, insbesondere das Schnorcheln, hat sie lange geübt. Zuhause in ihrem Schwimmbad im Keller ihres Hauses. Aber es ist etwas anderes hier im Salzwasser der Nordsee. Trotz Windstille, trotz Ebbe, schwappt ab und an ein bisschen Wasser in ihren Schnorchel. Sie erträgt es. Wenn es nach ihr gehen würde, würde sie nie wieder auftauchen. Zeitlos, einfach tief unten bleiben. Das Salz schmecken. Mit dem Meer Eins werden. Aber es geht nicht nach ihr. Ihre Mitarbeiter, ihre Kunden, ihre Verpflichtungen – ihr Korsett, das irgendwann mal selbst gewählt wurde. Das Meer. Die Freiheit für fünf Tage.

Ich habe das Gefühl, als würde ich verfolgt. So als wäre jemand ganz nah bei mir. Nicht nur hier im Urlaub. Schon einige Zeit. Frau Dr. Merthens sagte, ich bilde mir das nur ein. Der Stress beunruhige meine Gedanken. Machen sie mal Urlaub.

Aber auch hier, hier im Urlaub spüre ich, dass irgendetwas nah bei mir ist. Aber wie soll das gehen? Umgedreht, nichts gesehen. Ich muss ruhig bleiben. Nicht zu tief tauchen, sonst läuft Wasser in den Schnorchel. Wäre es nicht so wind- und wellenstill müsste ich schon längst aufgeben, obwohl ich nicht will. Wenn ich auftauche holt mich alles ein. Nicht die Vergangenheit, damit habe ich abgeschlossen. Nein, die Gegenwart wird mich holen. Verpflichtungen, Meetings, Abschlüsse, Risiken, endlose Diskussionen und Kalkulationen. Frau Dr. Merthens sagt, manchmal sei es gut, sich auf die Vergangenheit zu besinnen, um die Ruhe wieder in den Körper einkehren zu lassen. Schöne Worte. Aber die Vergangenheit ist vorbei. Sie wird mich nicht mehr quälen. Ich werde die Vergangenheit nicht mehr quälen.

Er wendet seinen Blick von den glücklichen Familien hin zum Wasser und geht auf und ab. Das Wasser plätschert an seinen Beinen hoch und befleckt das helle Muster seiner Karoshorts. Sehnsüchtig blickt er  aufs Meer. Ein Hoffnungsschimmer, ein Lichtblick. Könnte ich nur in ihn reingucken. Er muss jemanden verloren haben. Er wirkt verloren in dieser Welt. Er wird warten, bis weniger los ist. Er ist einfach viel zu früh an den Strand und ins Wasser gegangen. Es zieht ihn nie aus dem kniehohen Bereich des Wassers. Aber ich bin mir sicher. Irgendwann kommt der Moment, indem er sich in die Fluten stürzen und nie wieder auftauchen wird. Ich bleibe gespannt und hoffe, dass er es sich anders überlegt. Das ist Leben kann doch so schön sein.

Man weiß oft nicht weiter. Es ist, als würde ich wie im Büro die ganze Zeit auf und ab gehen. Nur, dass meine Beine im Büro nicht nass werden. Ich arbeite nur noch so vor mich hin. Es macht doch alles keinen Spaß mehr, seit dem.

Ich spüre das Wasser an mir. Ich spüre die Freiheit, komme aber nicht an sie heran.

Sie leitet eine große Agentur in Hamburg. Sie weiß, dass sie nicht ewig schnorcheln kann. Und sie weiß nicht, dass sie den einsamen Mann bald treffen wird.

Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen. Trotz Taucherbrille kann ich kaum was sehen. Kaum sichtbar mein Blick. Überall wird der Sand aufgewirbelt. Ich schwimme beinahe blind. Meine Arme weitgestreckt, berühre ich ganz plötzlich etwas Haariges. Ich streife hoch und runter. Haarige Männerbeine. Was mach ich nun? Einfach weitertauchen? So tun, als hätte ich nicht soeben sanft seine Beine berührt und hat er es überhaupt gespürt? Wie alt mag er sein? Mein Alter? Jünger, älter? Einatmen, auftauchen.

Es werden plötzlich ein paar Bläschen an der Oberfläche sichtbar und das Wasser wird unruhiger. Und irgendetwas ragt aus dem Wasser heraus. Ohhh, es bleibt spannend für mich. Für mich, der hier mit einem Bier in einer Hand und einem Fernglas in der anderen Hand auf der Lauer liegt. Das Leben der Anderen, so interessant. Jeden Tag ein neues Leben, um mich zu erfreuen.

Sanft spüre ich was an meinen Beinen. Zu vielfältig, als dass es eine Qualle sein könnte. Hätte ich den Eindruck, es sei eine Qualle, ich hätte ausgetreten wie ein wildes Pferd. Ich kann durchaus wild sein. Zumindest konnte ich es früher mal. Zuhause wird man es mir sicherlich nicht glauben.

Ich blicke starr nach unten und warte ab, als ich den Schnorchel wahrnehme. Er ist blau. Sehr trickreich hier im Meer.

Langsam blubbernd taucht sie auf.

Langsam zuckend hilft er ihr auf.

Langsam schauen sie sich an.

Er kennt sie aus der Vergangenheit.

Sie hat mit der Vergangenheit abgeschlossen.

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