Kurzgeschichten, Fabeln uvm.

Dierk Seidel Kurzgeschichte: Fisch ist tot

„Du bist langweilig“, sagte Fisch.
„Ich weiß, ich weiß, das hat mir vorhin schon einer gesagt. Aber ich weiß nicht so ganz, was ich dagegen machen kann. Ich suhle mich den ganzen Tag in einem Eimer voll Aufmerksamkeit. Schwimme förmlich darin, und dennoch sagt man, mein Wesen sei langweilig. Passt nicht. Gestern noch. Ich dachte, dreh‘ ich mal voll auf. Hab den Fernseher ganz laut gemacht und das Fenster aufgemacht. Dazu hab ich meinen Apfelsaft aus der Flasche getrunken.“

Dierk Seidel Kurzgeschichte: Das Schweigen der intrinsischen Motivation

Wenn am letzten Tag der erste Ton erklingt, dann spüre ich, dass es nach unendlich langer Zeit geschafft ist. Wenn am letzten Tag der erste Ton erklingt, dann weiß ich, dass wir überlebt haben und dass wir nicht die einzigen sind.Denn wir haben den Ton nicht erklingen lassen. Wie eine Ode an die Freude, wie eine kleine Horrorshow oder eine Rockoper a la Tommy, wie Pink Floyd auf Anabolika, wie …

Eine turbulente Zeit steht Ihnen bevor, las ich heute beim Frühstück, denn das Horoskop meiner Tageszeitung hat sich meinem Beruf nie angepasst. Eigentlich war mir gar nicht nach Aufstehen, aber ich kann es mir nicht aussuchen. Und diese Widersprüche, das erkennt man irgendwann, nehmen über den Tag nicht ab. Alles geht seinen Weg.

„Es war der offensichtliche Kampf in ihr, der mich so angezogen hat“, sagt er und lässt sich rückwärts in mein Bett fallen. Die Bierflasche, die ich für ihn aus dem Kühlschrank gefischt hatte, als er so plötzlich vor meiner Tür stand, drückt er neben sich so fest in die Matratze, als ob er mit ihr vor Anker läge – als habe er Angst, fortgetrieben zu werden.

Die Städte reihen sich an der Autobahn wie Perlen auf einer Kette. Ballungsgebiet, Jobchancen, alles nah beieinander, den Puls der Stadt schon morgens spüren, wenn die Straßenarbeiter den Teer aufreißen. Aber alles nicht so schlimm, es gibt ja auch Grünflächen. Außerdem: Park ’n‘ ride statt stop ’n‘ go. Doch nach 20 Minuten auf der Stadtautobahn – gelangweilt, entnervt und nicht mehr ganz so frisch riechend – klingt es wie der blanke Hohn.

Hallo, junge Dame, Sie gestatten, dass ich mich zu Ihnen setze? Der Sänger und ich, wir wollen mit unserem Auftritt noch etwas warten, es ist noch zu leer. Ich habe Sie schon einmal hier gesehen, da dachte ich, man könnte etwas plaudern. Sie haben vor einigen Tagen doch auch hier gespielt, Mandoline, wenn ich mich nicht irre. Sehr virtuos, etwas Besonderes. Nicht so wie ich mit meiner Gitarre. Mich haben Sie dann ja ebenfalls spielen sehen. Vielmehr ist zu mir auch nicht zu sagen. Wäre ich eine Schüssel, hätte ich einen Sprung.