Gedichte, Songtexte etc.

Dierk Seidel

Im Funkloch

Gib mir Struktur. Ich brauche Struktur.

Im Leben, in diesem, in dem von gestern, in dem, das kommt.

Bin unterwegs. Unterwegs auf den Gleisen.

Der Zug fährt mich von zuhause, ins Zuhause. Hoffentlich geht es den Blumen noch gut.

Weiß genau, wann ich ankomme. Fünf Minuten zu spät, kein schlechter Bahnwitz nur die Realität.

Vor Jahren dachte ich mal, ich muss hier weg. 20 Jahre des Lebens sind genug, wie könne man nur hierbleiben, fragte ich mich.

Ging nach Kiel. Das Motto. Kommt, was kommt, keine Wohnung, keinen Übernachtungsplatz. Durch Zufall Menschen getroffen, aus meiner Heimatstadt.

Schlafplatz sicher. Gute Nacht.

Gib mir Struktur. Ich brauche Struktur.

Im Leben, in diesem, in dem von gestern, in dem, das kommt.

Bin unterwegs. Unterwegs auf den Gleisen.

Die Räder rollen über, ein Vater erzählt dem Kind einen Witz. Ich bin müde und doch hellwach. Ich spreche die Pointe in Gedanken mit.

Unabhängig und trotzdem nicht frei.

Sicherheit, wo ist der Lichtschalter, für das Licht, das den Weg zeigt. Wo ist der Stuhl, auf den ich mich setzen kann, wenn ich mal nicht mehr stehen kann.

Stimmen, von überall Stimmen. Halte sie nicht mehr aus.

Kopfhörer. Ich setze Kopfhörer auf. Und komme dennoch nicht raus.

Bin im Funkloch, und funke nicht raus.

Kiel, Oldenburg, Wanne-Eickel, Recklinghausen, Kiel, Göttingen, Münster. Ostfriesland. Zurück im Hier. Nach Jahren. In der Heimat. Warum wollte ich damals weg? Ich weiß es nicht mehr.

Besuch bei der Familie. Alle werden älter. Nur ich nicht, denk ich.

Man unterhält sich am Tisch, zeigt Fotos, wie man als Kind war. Und will das alles nicht sehen.

Als Kind gab es Struktur, Struktur, die ich nicht sah. Und trotzdem: Sie war da.

Als Teenager gab es eine Struktur. Samstag und Sonntag schlafen, lange, ohne Uhr.

Als Student gab es Struktur. Hühnerfrikassee im Kochbeutel, mit Reis im Kochbeutel. Nur ein Kochtopf benötigt. Sonntags schlafen bis mittags. Pizza vom Kiosk nebenan.

Jetzt. Ich kann nicht mehr schlafen. Wache vor dem Wecker auf. 5:30 Uhr, auch am Wochenende. The End of the Night.

Trotz Wachsein, bin nicht bereit.

Dieser Text sucht Struktur. Dieser Text ist.

Ein Zug, ich bin reisend. Wann komm ich an?

Mein Körper, mein Hirn, meine Seele, meine Gedanken, ein strukturschwaches Land.

Gib mir Struktur.

Im Leben, in diesem, in dem von gestern, in dem, das kommt.

Bin unterwegs. Bin Reisender. Vom Norden in die Realität.

Immer fünf Minuten zu spät.

Struktur, in Dur.

Die Blumen, haben überlebt.