Dierk Seidel

Zwischenwelten

Er

Dierk Seidel Kurzgeschichte: ZwischenweltenIch bin wach und voller Ungeduld und fühle mich nicht frei. Warum? Ich warte auf den Tag an dem jemand kommt und etwas sagt. Wer es ist, das weiß ich nicht. Ich starre an die Decke, liege auf meinem Bett, ohne Decke, und starre vor mich hin. Das Neonlicht der Gedanken zermürbt mein Empfinden und ich schließe die Augen und erblicke einen leeren Raum. Meine Kleidung weiß, alles weiß und die Wände kommen näher. Sie rücken zu mir in die Mitte und wollen mich zerdrücken. Ich sehe keinen Ausweg, kein Fenster, keinen Weg ins Nichts aus dem Nichts der weißen Wände. Ich öffne meine Augen wieder. Auf dem Fußboden 5 Bleistiftstummel. Und viele Striche auf dem Linoleum. Wie lange ich schon keinen Stift mehr habe? Ich weiß es nicht. Warum glaube ich, dass es bald soweit ist? Wer sagt es mir? Eine innere Stimme? Oder ist es eine Äußere? Ich schließe meine Augen. Die weißen Wände sind verschwunden. Sie haben sich formatiert in riesige trichterförmige Megaphone aus Metall. In einer unerträglichen Lautstärke brüllen sie auf mich ein. Immer wieder den gleichen Satz. Immer wieder die gleichen Worte. Immer wieder. Langsam weichen sie zurück. Ich schwebe in einem Raum der umschlossen ist von Megaphonen, die sich entfernen und leiser werden. Ich nehme kaum noch wahr, was sie mir sagen, ich höre kaum noch zu, obwohl es immer die gleichen Sätze sind. Ich öffne meine Augen.

Ich bin müde und voller Unschuld und fühle mich leer. So leer wie mein Bett ohne Decke. So leer wie die Wände in meinen Gedanken. Ich habe Hunger. So leer. Die Zeitungen. Es sind zwei. Ich kenne sie auswendig. Jede einzelne Seite, jeden einzelnen Artikel, jedes einzelne Wort. Der Wetterbericht ist noch das interessanteste. Der Rest? Menschen sterben. Wie? Immer irgendwie gleich. Autounfall, Wetterunfall, Flugzeugunfall, Altersunfall, Auseinandersetzungsunfall. Alles Unfall. Menschen reden. Worüber? Über Politik, Krieg, Sieg, Abstieg. Immer in anderen Facetten, aber trotzdem jedes Mal gleich. Menschen lachen. Worüber? Vielleicht über Menschen sterben Menschen reden. Können Menschen leben?

Es sind die zwei letzten Zeitungen. Die anderen alle verbrannt. Diese zwei bewahre ich mir, bis der Anfang endet und das Ende beginnt. Mir ist kalt und ich blicke mich um. Die Heizung kaputt. Der Ofen aus. Es ist kein Holz zum Heizen da. Die Decke verbrannt. Alles verbrannt. Außer den Bleistiftresten und den Zeitungen. Es sind zwei. Zwei, die berichten über das Schicksal. Über die Gedanken, die man nicht sagt, über mich und dich und uns und euch und alles, was keinen interessiert. Menschen wie du und ich stehen in der Zeitung, finden aber keine Beachtung. Der triste Alltag ödet mich an. Es gibt nichts mehr zu tun. Leiden soll ich? Warum? Was tat ich, um ein Leiden verdient zu haben? Kann man Leid verdienen? Wie viel kostet es? Kann man nicht nur Sachen verdienen, die man auch haben will?

Ich schließe die Augen. Sehe wieder den weißen Raum. Ich schwebe, aber bin gefesselt. Lederfesseln wie aus einer Irrenanstalt zieren meinen Körper. Mein Mund ist geknebelt, obwohl ich doch ohnehin nichts zu sagen hätte. Heute sagt sowieso niemand mehr was. Eine schweigende Armee, und ihr Gegner ist die Zeit. Eine Armee ohne Waffen und ohne jegliche Chance auf Sieg. Menschen sterben. Autounfall, Altersunfall. Die Zeit hat gesiegt und wir haben noch nicht einmal ein Wort gesagt. Stimmen. Ich höre Stimmen. Menschen kommen auf mich zu. Mit Spritzen und Gesichtsschutz. Ich kann nur ihre Augen sehen. Aber ich erkenne niemanden. Ich schreie. Ich will keine Spritze, aber sie können mich nicht hören. Sie können meinen Schrei nicht hören. Ihren Gedanken sind meine Gedanken egal. Die erste Spritze geht mit voller Wucht durch meinen Brustkorb und trifft mein Herz. Ich öffne schlagartig die Augen. Da liegt es. Das Messer. Immer wieder versuchte ich es. So weiß wie die Wände meiner Gedanken, so weiß der Verband an meinen Gelenken. Das Telefon klingelt. Ich blicke hin. Es ist schwarz und hat eine Wählscheibe, aber ohne Zahlen. Man kann es nicht sehen. Eine Zeitung liegt darauf. Ich will es verdecken. Die Dunkelheit die es ausstrahlt. Man liest so viel in Zeitungen über Strahlungen von Mobiltelefonen. Mobil ist hier gar nichts.

Ich bin wach und voller Ungeduld. Nach dem 6. Klingeln verstummt die schwarze Bestie und ich ertrinke wieder in meinen Gedanken. Ich starre an die Decke, ich starre zum Fenster. Zumindest starre ich dahin wo mal ein Fenster war. Ich starre zur Tür. Sie ist aus Stahl. Feuerfest wurde mir gesagt. Gesagt in einer Zeit, als man noch sprach. In einer Zeit, in der das Schweigen noch in seinen Kinderschuhen steckte. Aber da ist es herausgewachsen. Es klopft. Die andere Zeitung liegt auf dem Stuhl neben der Tür. Der Strick neben dem Stuhl. Er ist gerissen. Es klopft energischer. Ich kann nicht so schnell. Ich werde erhört. Das Schweigen hat ein Ende. Ich höre Bewegung am Türschlitz. Ich hetze hin, aber meine Bewegungen sind wie in Zeitlupe. Ich stolpere, fühle mich schwach. Das Telefon, der Stuhl. Die Zeitungen wehen zueinander und bleiben offen liegen. Ich blicke auf die Seiten. Diese Seiten. Ich kann alles auswendig. Alles, nur diese zwei Seiten nicht. Ich konnte nicht hinsehen und nun bleibt mir der Blick nicht erspart. Menschen sterben, Menschen reden und Menschen lachen. Und die ganze Menschheit schweigt. Nur ein Wort weist daraufhin, oben auf den Seiten. Todesanzeigen. Auf der einen dein Name, auf der anderen… Das Geräusch wird lauter. Der Türschlitz, das Klopfen, ich hatte es vergessen. Die eckige Verpackung fällt hindurch. Kein Wort. Stille. Ich blicke wieder auf die Zeitungen. Auf der einen dein Name, auf der anderen mein Name. Wir sind also tot, aber wo bist du? Immerhin scheine ich noch riechen zu können. Die eckige Verpackung enthält eine Sardellenpizza und eine Quittung, nicht für die Pizza, sondern für mein Leben und für die Zeit danach. Die Pizza ist gratis, steht ganz unten. Wie lange bin ich denn schon hier? So langsam fange ich an zu begreifen. Gefangen in meinem eigenen Ende. Meine Wohnung, so leer und ausgebrannt wie ich selbst, der Strick hat scheinbar nicht gehalten und die Wunden an meinen Handgelenken wurden zu schnell gestillt. Dass ich die Tabletten mitnahm, haben sie scheinbar nicht rechtzeitig gemerkt. Aber die waren doch nicht unser Ende, oder? Meine Gedanken verschwimmen. Wo bist du?

Bin ich jetzt wirklich verdammt dazu, immer hier zu sein? Es scheint mir, dass wir enden, wo wir sterben, nicht da, wo man uns unter die Erde bringt. Ich wünsche keinem lebendig begraben zu werden.

Ich krieche zurück auf das Bett und schließe meine Augen. Die weißen Wände sind wieder verschwunden. Sie haben sich erneut in die Megaphone aus Metall verwandelt und brüllen auf mich ein. Immer wieder den gleichen Satz. Immer wieder die gleichen Worte. Sie fangen leise an, werden so laut, dass ich Angst habe, dass mir mein Gehirn aus dem Kopf springen wird und werden wieder leiser. Vielleicht werden sie auch nicht leiser, vielleicht höre ich auch einfach nur noch schlechter. Immer wieder die gleichen Worte, immer wieder den gleichen Satz.

Du bist schuld
Du bist schuld

Du bist schuld

Du bist schuld

Du bist schuld

Du bist schuld

Du bist schuld

Du bist schuld

Du bist schuld

Du bist schuld
Du bist schuld

Blut läuft an meiner Wange runter aus meinen Ohren. Ich öffne meine Augen und reibe meinen Kopf am Laken. Das Blut zerrinnt und ich habe Angst, meine Augen abermals zu schließen. Ich will diese Worte nicht mehr hören, auch wenn sie möglicherweise der Wahrheit entsprechen. Ich bin so durcheinander und ich habe das Gefühl, dass meine Erinnerung gerinnt. Sie wird hart und ich kann nicht mehr in sie eindringen ohne sie zu zerbrechen.

Der Zettel, die Quittung in der Pizzaschachtel, ich muss sie studieren, sie wird mir Antworten geben, bestimmt. Ich lasse mein Ohr mein Ohr sein und rolle mich vom Bett herab. Meine Beine wollen nicht so, wie mein Geist es will. Ich bin schwach. Als wäre ich seit Jahren nicht mehr gelaufen. Die Zeit scheint mit Lichtgeschwindigkeit zu wandern. Ich liege mit ausgestrecktem Arm neben meinem Bett und versuche an die Pizzaschachtel und die Quittung zu gelangen. Ohne ein wirkliches Gefühl in meinen Beinen zu haben, robbe ich wie ein kleines Kind oder ein Soldat im Gefecht und schleife meine Beine hinter mir her. Eine ganze Zeit lang später bin ich bei der Pizzaschachtel angekommen und ich bin mir nicht mehr ganz so sicher, was ich hier wollte, als der Geruch mich daran erinnert, dass ich immer noch Hunger habe. Ich reiße den Sardellenpizzakarton auf und starre enttäuscht auf die angebissenen Reste vor mir. Ich schlinge die Reste in mich hinein und fühle mich noch unbefriedigter als zuvor. Wo bin ich hier nur? Ich greife nach der Quittung, als das grelle Neonlicht in meinem Zimmer erlischt und ein verstörend lauter Signalton durch das Zimmer schallt. Ich lasse die Quittung fallen und halte meine Ohren – sie bluten wieder – krümme mich und rolle über den Boden und bleibe auf den Bleistiftresten liegen, als die Geräuschkulisse mich wieder verlässt. Ich schlafe ein.

Sie

Ich liege auf meinem Bett und starre an die Decke. Sie ist bespannt mit einem bunten Tuch. In einer Ecke steht der Fernseher, er läuft irgendwie so vor sich hin. Es ist eine Wiederholung, ich habe das Programm schon mehrfach gehört und gesehen. Ich biege meinen Kopf nach rechts und blicke auf den Boden und sehe das Messer, mit dem du mich erstochen hast. Ich biege meinen Kopf nach vorne und sehe die offene Wunde in meinem Bauch. Du hattest es sehr eilig, wieder herauszukommen. Schriest etwas davon, dass es nur ein Unfall sei und du eigentlich nichts dafür könntest. Während das Blut aus mir rauslief und ich merkte, dass ich langsam starb, fing ich an, dir deine Worte nicht mehr zu glauben.

Und nun bin ich hier. Mir wurde gesagt, dass ich den Fernseher auch ausstellen kann, aber wenn ich das machen, und ihn irgendwann wieder anstellen würde, käme das gleiche Programm wie jetzt. Es wiederholt sich immer und beginnt von Neuem, wenn ich nach einem unruhigen Schlaf wieder erwache. Wobei Schlaf kann man das vielleicht gar nicht nennen, denn mir wurde auch gesagt, dass ich tot sei und Tote schlafen bekanntlich eher selten. Kann ich mich glücklich schätzen, zu wissen, dass ich tot bin? Mir wurde auch gesagt, dass diejenigen, die den Tod verdient haben, nicht wissen, dass sie tot sind. Macht es das besser? Ich meine, ich habe den Tod zwar nicht verdient, aber ich weiß, dass ich tot bin. Diejenigen die den Tod nach Ansicht von einem mir nicht bekannten Entscheidungsträger verdient haben, wissen es nicht. Wo ist da Gerechtigkeit? Wenn sie noch nicht einmal mit dem Tod bestraft werden, weil sie gar nicht wissen, dass sie tot sind? Und ich bin nun hier, mit klarem Verstand in dem Zimmer, in dem ich ermordet wurde. Ich kann mich bewegen und ich spüre trotz der klaffenden Wunde in meinem Bauch keinen Schmerz, ich muss weder auf Toilette, noch habe ich das Gefühl, dass sich mein Körper in irgendeiner Form verändert. Ich bin so, wie ich verstarb und so werde ich bis in alle Ewigkeit bleiben und ich kann nichts beeinflussen. Wird es Spuren von mir geben? Wo werde ich begraben? Wird man um mich trauern?

Vielleicht bin ich schon so lange hier, dass meine sterblichen Überreste verdorrt sind und keiner mehr da ist, um zu trauern.

Über Zeit spricht man nicht, wurde mir gesagt, von dem, der als letztes zu mir sprach. Ich richte mich auf, und laufe an meinen Bücherregalen entlang. Ich habe sie sehr sorgfältig nach Genres geordnet. Nur das Regal ganz rechts enthält ungeordnet alle neuen Bücher die ich noch lesen muss. Ich kann mir Zeit damit lassen, denn ich denke, dass es sonst nicht mehr lange dauern wird, bis ich meine gesamten Bücher zum zweiten, zum dritten, zum vierten Mal lesen werde, bis ich ihnen überdrüssig werde. Ich kann nicht über sie reden, denn ich habe keinen, der mir widersprechen würde. Spricht man über Bücher, sollte man immer jemanden haben, der widerspricht, sonst verliert man das Wesentliche, hast du immer gesagt. Ob du jetzt gerade ein Buch liest? Wenn man mich gefunden hat, wird die erste Spur zu dir führen und sie werden dich mitnehmen und befragen. Wahrscheinlich wirst du versuchen ganz hart zu bleiben und zu schweigen. Nicht ohne meinen Anwalt wirst du sagen, weil du es aus schlechten Filmen kennst und dann wird die klar werden, dass dein Anwalt eigentlich immer schon meiner war und meine Eltern ihn bezahlt haben. Er wird dir nicht helfen. In dem Moment deiner Erkenntnis wirst du schwächer werden. Langsam wird deine Abwehr brechen. Du tatest immer stark, aber wirst du in die Enge getrieben, dann jammerst du wie ein kleines Kind. Im Verhörraum wirst du keine Messer haben, mit dem du Menschen erstechen kannst, weil sie deine Worte entwaffnen. Du wirst verlieren, so wie ich mein Leben verloren habe. Du wirst winseln und etwas von Notwehr krächzen und wenn du merkst, dass dir das mit der Notwehr niemand glauben wird, wirst du blockieren und schweigen. Vielleicht bekommst du nur ein, zwei Jahre, weil du und irgendein vom Gericht bestellter Anwalt die Richter überzeugen können, dass du im Affekt und nicht aus Vorsatz gehandelt hast.

Ich lasse die Gesetzesbücher aus meinem ersten Semester Jura hinter mir und blicke auf mein Regal mit Trivialliteratur. Nein, dafür bin ich gerade nicht bereit. Ich laufe auf und ab und bekomme Appetit, keinen Hunger, Hunger habe ich schon länger nicht mehr. Ich blicke auf meinen Couchtisch und sehe eine Pizzaschachtel, die vorher nicht da war. Ich öffne den Karton und blicke auf eine nach Oregano riechende, lecker aussehende Pizza Margarita. Ich nehme mir ein Stück, beisse langsam ab und fühle mich gut. Nach der Hälfte der Pizza ist mein Appetit befriedigt und ich lege mich auf mein Bett, lausche den Klängen des Fernsehers, reibe neugierig über die verkrustete Wunde in meinem Bauch und schlafe irgendwann ein.

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