Dierk Seidel

Die Tankstelle unten am Fluß

Am Montag gehst du zur Arbeit und fragst dich wieso.
Du stehst mit dem Eis in der Hand an der Tankstelle, in der Nähe vom Fluss und denkst:
„Gut, dass das Eis keine brennende Zigarette ist.“
Und dann, dann bricht das Eis. Und du weinst. Es ist zwar nur ’ne Kleinigkeit, aber du bist völlig überfordert von der Situation, gehst nach Hause, obgleich du eigentlich baden wolltest. Eisbaden im Kanal im Winter.

Am Dienstag gehst du Eisessen, obgleich die Arbeit ruft. „Vorher noch tanken“, rufst du und kippst dir Holundersaft übers Knie. „Gut, dass es kein Benzin ist“, denkst du, „dass geht immer so schwer heraus.“

Am Mittwoch ist die Mitte von wochenlanger Suche nach dem Buch, das du schreiben wolltest. Schon so lange Zeit. Der Tag wie unendlich. Der Tag niemals endlich, wenn man das große Ganze sucht.

Am Donnerstag scheint die Sonne und du hast deine Schuhe an der Tankstelle vergessen. Deine Gedanken sind wie Luft mit Pollen drin, und die Tankstelle ist auch nur ein Synonym für-, ach du weißt es doch selbst gut genug.

Am Freitag macht die Kneipe dicht, aus Frust, denn die nächste Woche ist in Sicht. Und du gehst zum Optiker, denn seit Tagen siehst du schlecht.
Ob er seine Brille nicht trage, fragt er und du denkst, wen meint er nur, du seist doch eine sie und grammatikalisch auch irgendwie.

Dierk Seidel Kurzgeschichte: Die Tankstelle unten am FlussAm Samstag da würdest du gern mal so richtig ausschlafen und vollends entspannen. Doch Freitagnacht kannst du nicht einschlafen, weil du zuviel denkst.
Einfach mal Pfandflaschen sortieren, das hätte was und du fängst an zu träumen, dass schon Sonntag wäre.
Ein Sonntag wie in Filmen über Schnee. Ein Sonntag mit Rucksack auf dem goldenen See. Ein Sonntag wie ein alter Mann, der dein Opa sein könnte. Doch der ist schon lang fort.
Ging weg, war nur noch schwach im Wort, sein Geruch, war wie alte Menschen so riechen. Ab und an da kommt er vorbei.
So ein Sonntag im September leitet das Ende von allem ein.

Und am Montag träumst du von Arbeit, doch du bleibst liegen, bis fünf nach halb sieben, ehe du aufschreckst und schreist, in Panik, so hell wie ein dunkles Glas mit hellem Bier, wie die schwarzen Tasten auf deinem Klavier.

Geht die Woche wieder los: Das Eis, die Tankstelle, irgendwann, das weißt du, ruft dein Opa an. Vielleicht in Form einer Stichsäge oder eines Winkelschleifers oder eines leeren Notizbuches auf dem „Bau 413“ geschrieben steht.
Ein Anruf ohne Ton, ein Ton ohne Papier.
Bleib deinen Gedanken so treu wie nur möglich, sonst geht es vorbei.

An jedem Freitag in diesem Jahr zündest du dir lächelnd eine Zigarette an und gehst auf eine Tankstelle zu, doch du biegst kurz vorher ab, denn es herrscht doch Rauchverbot in diesen Gesellschaftsräumen.
Und du fängst wieder an zu träumen und der Tag fängt neuerdings – wie gestern schon – immer erst am Abend an.
Und dein Eis tropft auf die Hose und vermischt sich mit Holundersaft und du denkst: „Ach!“

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