Torsten Schoeneberg

Menschen: Der Somali

05-2015-Torsten-Schöneberg-Kurzgeschichten-Menschen-Der-SomaliIch war schon länger als eine Stunde durch Downtown Columbus (Ohio) gewandert, ehe ich mir eingestand, nicht daß ich die Bushaltestelle nicht finden würde, sondern daß nach Mitternacht ohnehin kein Bus mehr fahren würde; und so, an den Hochhäusern und dem überdimensionierten Opernhaus mich orientierend, noch über zwei dunkle Straßen und einen Parkplatz, mein Gepäck vor und hinter den Körper geschnallt, inzwischen stark schwitzend, fand ich – zum zweiten Mal, nachdem ich zwischendurch von dort noch eine Suche nach der Haltestelle begonnen hatte – die Greyhound-Station wieder, und ging aufs erste Taxi zu. Ob er mich nicht schon vor zwei Stunden hier gesehen habe, fragt der lange schlanke schwarze Taxifahrer, als er den Kofferraum öffnet.

Er sei aus Somalia, aber keine Angst, sagt er: „Dieses Taxi fährt dich nicht nach Somalia!“ Reisen, schön, sagt er, aber was ist der Zweck? Wie alt ich sei. 50 Jahre ist er alt. Ich sage, er sieht viel jünger aus. (Im Dunkel sehe ich nicht, ob der kurzkrause Haarkranz grau statt schwarz ist, aber seine Haut ist glatt.) Die Adresse sei aber weit draußen. Ob ich denn jetzt noch in dieses Hostel käme? Sei dort noch jemand an der Rezeption? Nein, sage ich, aber sie haben mir geschrieben, wo ich einen Umschlag mit Schlüsselcode finden würde.

Mathematik? Da könne er mir was zeigen! Er macht an der Ampel das Licht an und kramt ein dickes Buch unter seinem Sitz hervor: Statistics 2. Er unterrichtet an der High School. Und um dazuzuverdienen, fährt er nachts Taxi, und wenn keiner kommt, schläft er. Er hat sechs Kinder.

Ob ich reise „to find a new life?“ fragt er, ich überlege kurz und sage dann ja. Das sei gut, sagt er. In dieser Stadt gebe es gute Fischgründe, sagt er: viele Studenten, große Universität, da, hinter den Blocks da rechts sei der Campus. Aber in Deutschland würde ich doch sicher auch eine Frau finden. Erst jetzt begreife ich: Er hat gefragt „new wife“, nicht „life“. Ich druckse herum, das Gespräch stockt. Ob ich die Vereinigten Arabischen Emirate kennen würde? Dorthin gehe er nächstes Jahr, dort könne man viel mehr Geld verdienen. Als wir am Hostel ankommen und uns schon voneinander verabschiedet haben, bleibt das Taxi auf der Straße stehen, bis ich oben auf der Veranda den Umschlag gefunden habe. Ich winke ihm damit zu, der Wagen bleibt immer noch stehen; erst als ich die Tür geöffnet habe und eintrete, höre ich ihn wegfahren.

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