Marieke Erlenstedt

Weltangst

Es gibt einen deutschen Begriff, der ob seiner Einzigartigkeit und seiner Passgenauigkeit in kaum eine andere Sprache zu übersetzen ist: Weltschmerz. Weltschmerz bezeichnet eine tiefe Traurigkeit oder Melancholie über die Unzulänglichkeit der Welt, manchmal auch über die eigene. Wenn ich in diesen Tagen die Nachrichten sehe, glaube ich, es bedarf einer weiteren Wortneuschöpfung dieser Art: Weltangst.

Marieke Erlenstedt Artikel: WeltangstIn Dresden, einer Stadt mit einem Ausländeranteil von gerade einmal 4,7%, gehen seit Wochen tausende Menschen auf die Straße, um ihrer Furcht vor der angeblich drohenden Islamisierung Ausdruck zu verleihen. Selbstredend ist nicht jeder dieser 4,7% Muslim, und genauso selbstredend ist nicht jeder Muslim Ausländer. Dennoch erscheint es erstaunlich, dass ausgerechnet in dieser Stadt die Stunde Null der Pegida-Bewegung geschlagen hat, nicht etwa in Duisburg, Dortmund oder Oberhausen – Städten, die zum Teil mehr als dreimal so viele Ausländer zu ihren Bürgern zählen. Die Frage, was so viele Dresdener Bürger dazu bewegt, sich dieser Bewegung mit teils deutlich neonazistischen Köpfen anzuschließen, geistert durch Tagesthemen, Zeitungsartikel und Interviews. Womöglich lässt sich hierauf jedoch keine eindeutige Antwort finden, keine simple Ursache, die die Politik dann entschieden angehen könnte. Womöglich steckt hinter allem dem etwas Diffuses, Ungreifbares – etwas wie Weltangst.

In einer Welt, in der die Globalisierung sowohl geographische, technische als auch psychische Grenzen einreißt, in der konstante Säulen des Lebens anfangen zu bröckeln, mag sich manch einer verloren, ja verlassen fühlen. Das Normalarbeitsverhältnis verschwindet, Mobilität und Flexibilität werden gefordert und machen manchen Lebensentwurf zunichte. In den Nachrichten jagt eine Schreckensnachricht von Kriegen und Bürgerkriegen, von Anschlägen und Hungersnöten die nächste. Klassische Familienideologien verschwinden, die Individualisierung greift um sich. Was daraus entsteht, ist ein latentes Gefühl der Unsicherheit, der Bedrohung, des auf-sich-allein-gestellt-seins. Leicht, dieses Gefühl auf einen plakativen, leicht erfassbaren Grund zurückzuführen, einen Grund wie die vorgebliche Islamisierung. Gibt es einen Grund, gibt es auch eine Lösung. Denn letztendlich bietet Pegida genau das: eine einfache Lösung, für alles, was vermeintlich schief läuft in unserer Gesellschaft. Dem Islam auf diesem Wege alle Schuld zuzusprechen, fällt natürlich leichter, wenn man den Islam kaum kennt. Hätten mehr Menschen, die sich heute auf Pegida-Demonstrationen finden, einen muslimischen Nachbarn, Freund oder Kollegen, fiele es ihnen sicher nicht so leicht, ihnen all diese Vorwürfe anzuhängen.

Doch am Ende wird eine Begrenzung der Zuwanderung niemandem seine Weltangst nehmen können, am Ende wird sich die Weltangst der Menschen immer wieder einen Weg bahnen. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass auf jeden Pegida Demonstranten zwei Gegendemonstranten folgen, die der vermeintlich einfachen Lösung ihren Zauber nehmen. Die laut verkünden, das Fremdenhass nicht die Lösung sein kann. Die jedem deutlich machen, dass es keinen einfachen Weg gibt – nur einen beschwerlichen. Einen, den wir nur alle gemeinsam gehen können.

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