Torsten Schoeneberg

Mart’n aus Nuhf’nländ

Mart’n aus Nuhf’nländ. Seine Eltern aber waren Tschechen, die 1968 ausgewandert sind. Noch nie war er in Tschechien, aber er würde gerne einmal. Ob ich schon einmal dort gewesen sei? Was ich darüber wüßte? – Mehreren schwärme ich nachher von seiner Stimme vor, die einmalig rauh und tief ist; und er spricht den Neufundländer Dialekt, ruhig, kräftig, ein dröhnender Monoton, der nichts aussprechen kann, ohne es dabei tief zu berechtigen. Jeden Satz spricht er, als schlösse er mittendrin für ein oder zwei Worte die Augen, vielleicht tut er’s; und nachher fühlt man sich, als hätte man eben eine Rock-Ballade gehört. Er sieht mein Notizbuch und sagt, ich sei wohl Kafka.

06-2015-Torsten-Schöneberg-Kurzgeschichten-Menschen-MartnPaar Tage später setzt er sich – es ist Abend im Gemeinschaftsraum – zu mir, ich müsse ihm mehr über diese billigen tschechischen Nutten erzählen. Seine schwarzen Strubbelhaare sind jetzt geschnitten und er ist rasiert: Ja, die zwei Wochen Ferien seien um, übermorgen gingen die Kurse wieder los. Ich sage, ich würde ihn gerne einmal singen hören. Sein stetes, leise angebotenes Lächeln zieht sich auseinander: Liebend gerne würde er das einmal für mich tun, mit Gitarre. (Aber dann kommt es nicht dazu). – Er sagt, es wundere ihn, wenn Leute in einem fremden Land sagten, nach einer Weile dächten sie in der anderen Sprache: Er verstehe nicht, was sie meinen, er denke überhaupt nicht in Sprache. – Wir sprechen über das richtige Alter fürs Reisen, er findet es „great“ (er findet überhaupt vieles „great“, „that is great …“, ganz langsam und tief und mit einem betäubt-betäubenden Lächeln ausgesprochen, wie am Rand eines Canyons sitzend) – „great“, daß ich es jetzt mache und nicht, wie viele, schon nach der Schule, denn da könnte man doch noch (Augen zu) so wenig wertschätzen. Es sei (Augen zu) lustig. Er habe einmal seinen Sohn mitgenommen zum Whale-Watching, und für ihn selbst sei es (Augen zu) so überwältigend gewesen, die Wale zu sehen, aber den Kleinen habe es beinah gar nicht interessiert. „That is funny“.

Ja, er hat einen Sohn, in zwei Wochen (Augen zu) darf er ihn wieder sehen. Er zeigt mir ein Handyvideo, wie der kleine zum ersten Mal auf Skiern steht, dann zeigt er es mir noch einmal, und dann sagt er dreimal, wie großartig der Kleine das schon mache. Kinder seien überhaupt das Großartigste. Ich erzähle, daß meine Ex eine kleine Tochter hat. – „You must miss her!“ – Es ist das Einzige, was er dazu sagt, und von allen, denen ich das erzähle, ist er der Einzige, der das sagt; mit weit offenen Augen.

Mo-eh, die fröhliche Japanerin, setzt sich zu uns, er überredet sie später, mit ihm noch einen Nachtspaziergang am Hafen zu machen. Ehe er anderntags abreist, erzählt er, sachte dröhnend, sie seien nur spazieren gegangen, es sei (Augen zu) so schön gewesen. Spät in der nächsten Nacht, bei einer Pizza, fragt sie mich, ob ich eine Nummer oder Mailadresse von ihm hätte.

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