Yasmin Alinaghi

La Diana

„Was wollte der Typ von der Autovermietung denn die ganze Zeit?“ Trixi sprach kein Italienisch, daher hatte sie von der lebhaften Diskussion ihrer Freundin Dorina mit dem Angestellten der Mietwagenfirma nichts verstanden. Na ja, fast nichts; seine schmachtenden Blicke in ihre Richtung und seine wiederholten „La bella bionda“-Ausrufe hatte sie natürlich wahrgenommen. Sie war der blonde Teil des Duos. Ihre brünette Reisepartnerin hatte ihr ausführlich dargelegt, dass Italiener – leider – auf Blondinen stehen. Trixi war zum ersten Mal im Land und hatte geglaubt, dass ihre Freundin – wie so häufig – übertrieb. Jetzt beschlich sie eine Ahnung, dass Dorina in diesem Fall eher untertrieben hatte.

Yasmin Alinaghi Kurzgeschichte: La DianaDorina hieß eigentlich Doris. Zu ihrem Leidwesen lebte sie in Gelsenkirchen statt in Rom, Neapel oder Florenz. Sie war fest entschlossen, im Anschluss an ihr Abitur nach Italien zu ziehen. Daher belegte sie bereits seit der 9. Klasse die Italienisch-AG am Schalker Gymnasium. Trotz ihrer sehr guten Italienischkenntnisse konnte sie die Frage ihrer Freundin nicht beantworten und gestand:

„Keine Ahnung, was der Typ wollte. Er meinte die ganze Zeit, wir sollten auf uns aufpassen, damit es uns nicht so ergeht wie ,La Diana‘ letzte Nacht.“

„Hä? Welche Diana?“, wunderte sich Trixi.

„Das habe ich ja eben auch nicht geschnallt. Und als ich nachgefragt habe, sagte er, die Frau von Principe Carlo.“ Dorina zuckte mit den Schultern.

„Und wer ist Principe Carlo?“, fragte Trixi ratlos.

„Na Prinz Charles“, erklärte die Freundin.

„Ach so, dann meint er Lady Di“, grinste sie zufrieden.

„Aber die ist doch nicht tot“, erinnerte Dorina.

„Wieso tot? Jetzt raffe ich gar nichts mehr.“ Sie musterte ihre Freundin fragend.

„Der Typ sagte ,La Diana‘ sei tot.“

„Quatsch.“ Trixi, die die Klatschpresse kannte und liebte, winkte ab. „Die olle Camilla ist vor ein paar Tagen vom Pferd gefallen, aber die lebt noch.“

„Eben“, bekräftigte Dorina.

Inzwischen hatten die jungen Frauen den Parkplatz der Autovermietung erreicht. Sie blickten sich um und entdeckten ihren Mietwagen sofort. Es war der kleinste Wagen auf dem Stellplatz. Sie luden ihre Rucksäcke in den Kofferraum und studierten die Straßenkarte. Auf der Fahrt zu ihrem Hotel, dem Piccolo Paradiso, vergaßen sie das Rätsel um „La Diana“. Denn um unfallfrei ins Dörfchen Marina della Lobra bei Sorrent zu gelangen, mussten sie sich konzentrieren; Dorina aufs Fahren und Trixi auf das Lesen der Karte.

Am nächsten Tag lag Dorina gemütlich am Pool. Trixi hatte nur kurz etwas zu trinken holen wollen, war aber schon längere Zeit überfällig. „Wahrscheinlich verfolgt sie die Prozession“, mutmaßte Dorina. Jedenfalls schloss sie aus dem Gejaule und Geheule, das seit einigen Stunden von der Straße zur Terrasse heraufdrang, dass ein kirchlicher Umzug durch den Ort stattfand. Für diesen kleinen Ort schien ihr die Heiligenprozession zwar ungewöhnlich lang, aber der Inbrunst betender Katholiken konnte offensichtlich auch die pralle Mittagssonne nichts anhaben.

Dorina wollte ihren Durst nicht länger ignorieren. Seit Stunden hatte sich zu ihrer Verwunderung kein Kellner mehr am Pool blicken lassen. Daher schälte sie sich aus ihrem Liegestuhl und schlenderte zur Bar. Doch weder an der Bar noch im Restaurant befand sich eine Menschenseele; kein Gast, kein Kellner, keine Trixi weit und breit. Irritiert machte sie sich auf die Suche. Schließlich fand sie im Wohnzimmer der Hotelbesitzer eine Traube weinender Menschen, die wie gebannt auf den Fernseher starrten. Trixi saß tränenüberströmt mitten unter ihnen. Nach wenigen Minuten wurde Dorina endlich klar, dass der Typ von der Autovermietung recht hatte: Lady Di war tatsächlich tot. Sie war am Vorabend bei einem Autounfall in Paris ums Leben gekommen.

Rai brachte ganztägige Sondersendungen. Trotz ihrer mangelnden Sprachkenntnisse ließ sich Trixi nicht davon abbringen, täglich mehrere Stunden mit den Hotelbesitzern und -angestellten zu trauern und immer neue Berichte über den tragischen Tod von „La Diana“ im Fernsehen zu verfolgen. Zumindest behauptete sie, dass es sich um brandaktuelle Nachrichtenmeldungen handelte. Dorina war die Berichterstattung, die sich laut ihrem Empfinden wie eine Endlosschleife an Wiederholungen anfühlte, völlig schnurz. Sie besuchte Pompei, fuhr nach Capri und genoss die Sonne am Pool. Damit Trixi wenigstens etwas von Italien zu Gesicht bekam, überredete Dorina sie, ihren letzten Abend in Sorrent zu verbringen, wozu hatten sie schließlich den Mietwagen.

„So ein Mist. Der Corso Italia ist ab der nächsten Kreuzung gesperrt. Wie kommen wir jetzt zur Piazza Tasso?“ Dorina schaute fragend zu Trixi, die sich bereits über den Stadtplan von Sorrent beugte, den sie auf ihren Knien ausgebreitet hatte.

„Da vorne rechts geht eine kleine Straße rein, die Vico S. Aniello, sie führt auch auf die Piazza.“ Gesagt, getan. Sie bogen ab. Auf beiden Seiten der schmalen Gasse ragte eine etwa zwei Meter hohe Steinmauer empor. Dummerweise wurde das Sträßchen immer enger, und zwar bedenklich eng, sogar für die Ausmaße ihres winzigen Fahrzeugs. Dorina schaute in den Rückspiegel; hinter ihnen reihten sich weitere Autos, also schien das Gässchen nicht nur für Vespas und Apes befahrbar zu sein. Aber der Platz zwischen den Außenspiegeln ihres Mietwagens und der Mauer betrug nur noch wenige Zentimeter.

„Wir müssen die Seitenspiegel einklappen“, beschloss Dorina. Sie stoppte den Wagen und kurbelte die Scheibe auf ihrer Seite herunter, um den Spiegel auf der Fahrerseite einzuklappen. Trixi machte es ihr auf der Beifahrerseite nach. Ein vernehmliches Klirren ließ sie aufblicken. Sie schaute verdutzt aus dem Beifahrerfenster, dann zu ihrer Freundin und erneut aus dem Wagenfenster.

„Scheiße, der Seitenspiegel ist abgefallen“, verkündete sie tonlos. Dorina fluchte. „So ein Mist. Wir haben 500 Mark Selbstbeteiligung bei Schäden am Auto. Wenn wir die nicht latzen wollen, müssen wir den Spiegel reinholen und wieder ankleben.“ Trixi lachte hysterisch. „Leichter gesagt als getan. Die Mauer ist so nah dran, dass wir die Türen nicht öffnen können.“ Sie schaute ratlos. Dorina wurde nervös, die ersten Autos hinter ihnen begannen, ungeduldig zu hupen. Sie überlegte, während sie ihren Blick suchend durch das Auto schweifen ließ. Sie blickte nach oben.

„Ecco, das ist die Lösung“, grinste sie. „Du musst per Schiebedach raus.“ Trixi war wenig angetan, sah aber ein, dass es keine andere Möglichkeit gab, um an den vermaledeiten Seitenspiegel zu gelangen. Die Fahrer in den wartenden Autos hinter ihnen reagierten begeistert, als sich eine Blondine im roten Minikleid aus dem Autodach schlängelte. Sie angelte den Spiegel unter dem Fahrzeug hervor und tauchte, begleitet von enthusiastischem Hupen und schmachtenden „Bella-“ und „Bionda“-Rufen, mit hochroten Wangen im Auto ab.

„Sollte ich je wieder nach Italien wollen, färbe ich mir vorher die Haare dunkel“, stöhnte Trixi.

„Ich empfehle eine Mütze, die kannst du dir bei Bedarf vom Kopf reißen, falls dir dein Traummann begegnet“, lachte Dorina.

Als die Freundinnen das Auto am folgenden Morgen auf dem Parkplatz der Autovermietung abstellten, achteten sie darauf, den defekten Seitenspiegel so zu drapieren, dass er bis zur nächsten Berührung in der Halterung blieb. Am Mietwagenschalter erwartete sie derselbe Angestellte wie in der Woche zuvor. Überschwänglich begrüßte er Dorina und „La Bella Bionda“. So langsam ging Trixi das Getue um ihre Haarfarbe gehörig auf den Geist. Sie lächelte gequält. Wieder diskutierte der Mitarbeiter heftig mit ihrer Freundin. Diesmal schien es wenigstens nicht um „La Diana“ oder andere Blondinen zu gehen. Zerknirscht drehte sich Dorina zu ihr um. „Wir haben den Wagen einen Tag zu spät abgegeben.“

„Was?“ Trixi reagierte fassungslos. „Wie konnte das passieren? Wir hatten das Auto doch für eine Woche gemietet.“

„Keine Ahnung“, seufzte Dorina. „Offensichtlich hätten wir den Mietwagen gestern abgeben müssen.“

„Und jetzt?“, fragte Trixi perplex.

„Es gibt eine Lösung“, strahlte die Freundin. „Ich konnte Salvatore überzeugen, dass du enttäuscht wärest, wenn er als Italiener genauso kleinlich reagieren würde, wie die Deutschen. Immerhin geht es nur um einen läppischen Tag.“

„Aha, nur um einen läppischen Tag“, echote Trixi. „Und darauf hat sich der Typ eingelassen?“

„Der Typ heißt Salvatore“, zischte Dorina mit einem Seitenblick in seine Richtung.

„Meinetwegen.“ Trixi verdrehte die Augen.

„Und der edle Herr berechnet uns einen Tag weniger, weil ICH sonst enttäuscht wäre?“ Sie schnaubte. „Wer’s glaubt, wird selig.” Statt einer Antwort schwieg Dorina und fügte nach einer kleinen Pause hinzu:

„Und vollgetankt haben wir auch nicht.“ Trixi blickte auf ihre Uhr: „Ach, das kriegen wir vor unserem Abflug locker hin.“ Dorina klatschte erleichtert in die Hände.

„Ich hatte gehofft, dass du das sagst“, freute sie sich. „Dann lass’ uns gehen.“ Gefolgt von dem Mitarbeiter der Mietwagenfirma liefen sie zum Parkplatz. Dorinas gute Laune ließ Trixi misstrauisch werden. „Wieso habe ich das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt?“ Sie schaute zu dem italienischen Angestellten, der sie immer noch anschmachtete. „Raus mit der Sprache. Was ist los?“

„Na ja“, erklärte Dorina ihrer Freundin kleinlaut. Derweil hielt ihr der Italiener galant die Fahrzeugtür auf. „Wir müssen den extra Tag nicht bezahlen, wenn …“

„… wenn was?“, fragte Trixi drohend, während sie in das Auto einstieg.

„… wenn du mit Salvatore tanken fährst“, presste Dorina schnell hervor und knallte hektisch die Autotür zu. Im gleichen Moment als der Seitenspiegel vor ihren Füßen zerschellte, gab der Angestellte Gas. Trixi explodierte vor Entrüstung und kreischte wütend aus dem Fenster: „Bei dir piept’s wohl!”

„Jetzt stell dich nicht so an”, beschwichtigte Dorina und rief laut, um die quietschenden Reifen zu übertönen. „Er will nur einmal durch die Stadt fahren und sich mit dir bei seinen Freunden zeigen.“

„Warum ausgerechnet mit mir?“, brüllte Trixi weiterhin entrüstet und mit wehenden Haaren aus dem Fenster.

„Das liegt doch auf der Hand, Blondi! Hast du es denn noch immer nicht begriffen?”

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