Malte Klingenhäger

Hinter Glas

Malte Klingenhäger Kurzgeschichte: Hinter GlasAm Horizont waren Gewitterwolken aufgetaucht. Leonard schritt zu Fuß durch die Stadt und beobachtete sie misstrauisch. Noch waren sie weit entfernt, wirkten aber schon ziemlich massiv. Leonard war zwar in der Lage, Omen als solche zu erkennen, glaubte aber nicht an sie und hatte sich schon oft gefragt, wieso diese Tatsache keinen Widerspruch für ihn darstellte. Wahrscheinlich gehörte der eine Gedanke seinem Bauch, der andere seinem Kopf und vielleicht respektierten sich die beiden zu sehr, um über solche Nebensächlichkeiten zu streiten. Am Ende entschied ja doch das Schicksal und für diesen Fall hatte er einen Schirm im Rucksack. Also hatte Leonard sich ganz entspannt seine schwarze Mähne aus dem Gesicht gestrichen und seine Gedanken und Füße weiterwandern lassen.

Etwa zwanzig Minuten später schrubbte er eine kleine Blutlache vom Flurboden des Altenheims – seinem Flur. Die zwölf von ihm während seines Zivildienstes betreuten Bewohner waren hier auf zwölf Zimmer verteilt, dazu gab es einen Gemeinschaftsraum mit neuem Plasmafernseher. Mit Leonard selbst waren es dreizehn Personen. Er schnaufte amüsiert und ging in die Hocke.

Das Blut war schon getrocknet, ließ sich aber schnell einweichen. Ein paar Tropfen waren die Tür zu Herberts Zimmer hinauf gespritzt. Leonard wischte die roten Flecken mit einem feuchten Lappen ab. Herberts Zimmer gegenüber lag das Zimmer von Herrn Nemark, aus dem nun der Hausarzt hinaustrat. Leonard drehte sich zu ihm um und der Arzt nickte ihm zu. Durch die Tür konnte er den alten Mann in seinem Bett liegen sehen.

Herr Nemark war der einzige Bewohner, der sich von Leonard nicht duzen ließ. Waschen ja, rasieren sowieso, aber nicht duzen. Um diesen Gefallen hatte der hagere Alte ihn bereits am ersten Tag gebeten. Herr Nemark war es wichtig, dass er an diesem Ort eine Dienstleistung empfing und weder verwahrt wurde noch abgeschoben worden war, wie er ihm mit den für ihn üblichen, sanften Worten erklärte, die zwar zu seinen warmen Augen, aber nicht zu seinem sonst strengen Gesicht passten. Leonard war selbstverständlich einverstanden gewesen und hatte sich – bis auf zwei Ausrutscher, die ihm Herr Nemark großzügig nachgesehen hatte – an die Abmachung gehalten.

Herbert dagegen durfte er wie alle anderen duzen. Der untersetzte Schriftsteller war sich, anders als Herr Nemark, absolut sicher, von seiner Familie zur Verwahrung hierher abgeschoben worden zu sein. Das erzählte er jedenfalls ständig. Meist an den Tagen, an denen sein Flurnachbar Nemark seine Enkel zu Besuch hatte. Am Tag nach diesen Besuchen hatte Herbert dann besonders schlechte Laune. Heute morgen vor dem Frühstück hatten sich die beiden geprügelt, wie ihm Sabine von der Nachtschicht erzählt hatte. Die letzten Spuren dieser Prügelei kratzte Leonard gerade mit einem Schaber aus der Seitenfuge. Was genau passiert war, wusste er noch nicht. Laut Sabine war die Polizei bereits hier gewesen, aber die Sache hatte sich bis dahin schon beruhigt gehabt.
Herbert hatten sie mit einem ausgerenkten Arm ins Krankenhaus gebracht. Er würde bis morgen dort bleiben. Die garstige Platzwunde an Herrn Nemarks Kopf war soeben vom Hausarzt genäht worden. Herbert hatte ihn mit dem alten Briefbeschwerer erwischt, der sonst bei ihm auf dem Schreibtisch stand. Der hagere Alte erholte sich nun in seinem Zimmer. Seine derzeitige Freundin, eine alleinstehende ehemalige Pilotin aus einem der anderen Flügel, brachte ihm etwas Naschwerk, gab ihm einen Kuss auf die Stirn und verschwand dann zu ihrem Yoga-Kurs. “Ganz schön knackig”, hatte er ihr einmal nachgeflüstert. Leonard hatte das zufällig mitbekommen, worauf ihm der zutiefst beschämte Alte eine echte kubanische Zigarre geschenkt hatte.

Als Leonard den Flur fertig gewischt hatte, schob er neugierig die Tür zu Herr Nemarks Zimmer auf und leerte dessen Mülleimer. Zunächst grunzte der Alte nur, als er den Zivi bemerkte, dann gewann jedoch seine Höflichkeit und er grüßte freundlich. Seine linke Augenbraue sah geschwollen aus, über der rechten lag ein Verband.

“Was ist passiert”, fragte Leonard beiläufig. Er wusste nicht, ob Herr Nemark reden wollte. Er war keine stille Natur, schien sich aber stets zu überlegen, was er sagte. Schwer vorstellbar, das er sich mit Herbert gerauft haben sollte.

“Ging um das Hintergrundbild auf meinem Computer”, antwortete Herr Nemark und zeigte mit seinen dünnen Fingern in Richtung des Schreibtisches. “Weißt doch, das Bild von den Beatles, das Plattencover, wo sie über die Straße stiefeln. Haben mir meine Enkel gestern mitgebracht, um mir eine Freude zu machen.”

“Herbert hat doch das gleiche Bild an der Wand hängen”, bemerkte Leonard erstaunt.

“Nicht nur das Bild. Er hat sich die ganze Platte eingerahmt. Er hat gesagt, als Bild auf dem PC sei es Quatsch, unecht, belanglos und darüber haben wir dann gestritten.”

“Sie haben sich geprügelt”, verbesserte Leonard.

“Prügel ist die Fortführung des Streitens mit anderen Mitteln”, hustete Herr Nemark und griff nach dem Wasserglas neben seinem Bett. “Außerdem hat er angefangen”, bemerkte er dann.

“Einfach so?”

“Ich habe ihn einen verbitterten Hurensohn genannt”, gab Herr Nemark zu und zuckte mit den Schultern. “Ich war wütend. Ich hatte von seiner Stänkerei gegen meine Enkel die Schnauze gestrichen voll – nur weil ihn seine nie besuchen,” murmelte er und schüttelte den Kopf. “Es tut mir aber sehr leid, dass Du den Schlamassel jetzt saubermachen musst. Aber du bist ja gewöhnt, dass hier nicht jeder seine Körperflüssigkeiten bei sich behalten kann.”

Leonard musste lachen. “Schon gut. Mach Dir nichts draus”, sagte er und biss sich sogleich auf die Zunge. Der dritte Ausrutscher. Aber Herr Nemark nickte nur und legte sich wieder hin. “Ich bin drüben”, verabschiedete sich der junge Zivi, “Bis später”.

Leonard nutzte Herberts Abwesenheit und schlurfte auf dessen überdachten Balkon. Als ihm das Regenpanorama auf der Straße zu trostlos wurde, zündete er sich eine Zigarette an und blickte durch das milchige Glas zurück ins Zimmer. Herbert hatte die Möbel in seinem Zimmer aus seiner alten Wohnung mitgebracht – schweres, dunkles Holz – ein krasser Kontrast zum hellen Neubau. Selbst der eigentlich recht moderne Plattenspieler wirkte auf seine Art in der Zeit verloren. Leonard hatte noch nie Musik aus diesem Zimmer schallen hören und ein Kopfhörer war auch nicht zu sehen.

Auf Herberts breiten Schreibtisch stand eine alte Reiseschreibmaschine. Er weigerte sich, an einem PC zu schreiben. Keine Seele, wie er sagte. Es war sogar ein Blatt in die Maschine eingespannt. Leonard wusste nicht, wann Herbert das letzte Mal ein Buch oder ein Gedicht verkauft hatte, vielleicht sogar noch nie. Aber er bezeichnete sich als Schriftsteller und las an manchen Abenden einigen Leuten im Gemeinschaftsraum schwülstige Heimattexte vor. Leonard bezweifelte, dass die Zuhörer die Lesung genossen. Wahrscheinlich wollten sie sich nur einen kulturellen Anstrich geben. Auch so etwas zählte an einem Ort wie diesem noch, manchmal. Von der Heimtypologie her war Herbert ein starker Konservierer. Einer, der sich hinter einer Tür aus Nörgeleien in seiner Vergangenheit einschloss.

Herr Nemark war anders, wahrscheinlich schon immer gewesen. Er hatte die Beatles im Gegensatz zu Herbert erst hier im Heim für sich entdeckt. Überhaupt hatte er zwar einen sehr antiquierten Geschmack, ließ sich von willkürlichen Zeitgrenzen jedoch nicht einschränken: Sein Sohn hatte ihm einen Computer gekauft. Er schaute mit seinen Enkeln zusammen alte Bond-Streifen. Er hatte seiner Freundin ein Handy mit extragroßen Tasten und in ihrer Lieblingsfarbe geschenkt. Er lernte mit mäßigem Erfolg Klavier und rockte mindestens einmal die Woche bis spät in die Nacht zu Nigel Kennedy, bis ihm die Nachschicht den Saft abdrehte. Selbst die Barockmöbel in seinem Zimmer hatte er sich extra für die hiesigen, kleineren Räumlichkeiten gekauft. Zwar hatte auch er einige Erinnerungsstücke in seinem Zimmer, aber die Sammlung stagnierte nicht. Herberts Zimmer hatte sich seit dem Beginn von Leonards Zivildienst nicht verändert. In dieser Zeit hatte Herr Nemark eine Glaskugel mit Wackelelvis, neue Bettwäsche mit van Gogh Motiven, eine elektrische Zahnbürste und einen portablen CD-Player bekommen.
Leonard schnippste die Zigarette auf die Straße und trat zurück in Herberts Zimmer. Er betrachtete die eingerahmte Schallplatte an der Wand und versuchte festzustellen, was an ihr so besonders war. Was war falsch an Herrn Nemarks Bildschirmhintergrund? Berühren konnte sie hinter dem Glas auch Herbert nicht. Was verband er damit? Eine erste Liebe? Das erste Auto? Lustlos trabte Leonard zu seinem Putzwagen und begann Staub zu wischen.

Am nächsten Tag musste er erst zum Nachmittag hin anfangen. Das gefiel ihm, denn die Bewohner gingen meist früh ins Bett und die letzten zwei Stunden seiner Schicht konnte er sich in den Gemeinschaftsraum setzen und fernsehen. Heute musste er sogar noch etwas länger bleiben, denn Herbert war noch nicht zurück und die Nachtschicht hatte Verspätung. So saß er mit seinem Alibibuch im Arm schon etwas eingenickt in einem der großen Sessel versunken, als er den elektrischen Öffner der Flurtür laut surren hörte. Leonard stand leise auf und blickte heimlich durch den Türspalt in den Flur. Es war Herbert, der, den Arm in einer Schlinge und durch die Nachtbeleuchtung geheimnisvoll angestrahlt, langsam durch den Flur schlich. Der kleine Schriftsteller hatte irgendetwas in der Hand, dass er vorsichtig vor Herr Nemarks Zimmer ablegte, bevor er sein Zimmer aufschloss und darin verschwand. Leonard schlich hinüber und betrachtete den flachen Gegenstand auf dem Boden. Es war ‘Abbey Road’ von den Beatles, als CD und mit einem Post-It versehen auf dem stand: “Neu, aber besser als nichts.”

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