Malte Klingenhäger

Das Land der großen Laster

Malte Klingenhäger Kurzgeschichte: Im Land der großen LasterIch liege in einer Badewanne in der Wüste und denke, das beschreibt so ziemlich alles. Im Nebenzimmer arbeiten Steffen und Sabine sehr bemüht an der Grundlage dafür, nach unserem Urlaub behaupten zu dürfen, Sex in einem Motel gehabt zu haben. Leider stellen sie Leidenschaft über Rhythmus, also halte ich meine Ohren unter Wasser, damit meine Gedanken nicht aus dem Takt geraten. Sonst schreie ich noch irgendwann entnervt hinüber, und das will ich nicht. Ich bin sehr rücksichtsvoll. Das Wasser, in dem ich langsam vor mich hinschrumpel, hat sich vom Staub, den meine Haut über den Tag hinweg gesammelt hat, rötlich braun verfärbt. Im Mondlicht, das durch das kleine Badfenster hineinscheint, sieht es aus, als läge ich im Wüstensand. Aussehen als, wirken wie – diesen Urlaub scheine ich in einer Welt zu verbringen, in der ich Traum und Realität nicht immer voneinander trennen kann. Bekannt und fremd vermischt sich zu bekemd, was irgendwie seltsam klingt und damit perfekt beschreibt, wofür mir die Worte fehlen. Das befreundete Pärchen, mit dem ich reise, will in diesem Urlaub – in diesem Land – all die Dinge machen, die man sonst nur im Film sieht. Ich hingegen wundere mich, dass das überhaupt möglich ist. Mit den Motorrädern, die wir uns geliehen haben, fahren wir über die endlosen Straßen, die die Wüste durchziehen, bis hin zur Küste. Dort werden wir surfen und später wieder zurück nach Deutschland fliegen. So habe ich das jedenfalls verstanden.

Die Maschinen machen einen unglaublichen Lärm auf der Straße. Ein brachiales Donnern, als ob Godzilla explosiven Durchfall hat. Eigentlich hatte ich vorgeschlagen, einen echten Straßenkreuzer zu mieten, um mit Tempomat und Rockmusik die eigene Psyche der Wüste schneller anzupassen, aber Steffen und Sabine bestanden auf Motorräder und so gewann Dennis Hopper gegen die ständig wechselnde Besetzung von Black Sabbath. Meine Mitreisenden fahren vorneweg, nebeneinander, hin und wieder in Staub gehüllt, den sie mir nach hinten schicken, wo er sich beharrlich durch jede noch so feine Ritze meiner Lederrüstung kämpft. Derweil kocht die Sonne uns die Köpfe, auch wenn wir die schweren Helme inzwischen durch Tuch und Fliegerbrille ersetzt haben. Zur Mittagszeit fahren wir gar nicht mehr. Die verbringen wir meist in einer der vielen und doch erstaunlich weit voneinander entfernten Raststätten bei kühler Limonade. Apropos Abstände. Jetzt grade überholen wir einen schier endlosen Truck. Ein Gigant, dessen Reifen mir fast bis zu den Schultern reichen: Aufgebläht, laut und möglicherweise der verzweifelte Schrei nach Zivilisation, den sich die hiesigen Menschen angewöhnt haben, um in der von Milliarden Sandkörnern und steinbestimmten Umgebung nicht alle Bedeutung (und irgendwann den Verstand) zu verlieren. Oder es ist einfach billiger so. Der Platz ist ja da, sogar auf der Straße. Ob es die Leute hier stört – diese Masse an einzelnen Sandkörnern, die ihr Leben bestimmt? Ist das nicht Kommunismus, ist das nicht China im Herzen der Staaten? Ein Sonnenstich, das ist es. Ich signalisiere meinen Reisegefährten, dass ich dringend eine Pause brauche.

Die Raststätte sieht aus wie die, welche die Gecko-Brüder im ungeschnittenen Anfang dieses Rodriguez-Streifens in die Luft jagen. Das habe ich aber auch bei der vorletzten behauptet, wie mir grade noch rechtzeitig einfällt, bevor ich Sabine mit meiner Anekdote ein zweites Mal langweile. Wir kaufen uns Hot-Dogs, die der Tankstellenbesitzer in der Mikrowelle aufwärmt. Das Shirt des Mannes hat Ölflecken, von denen einer die Form Afrikas hat. Ich merke, wie ich starre und reiße mich los, laufe ein wenig durch die Gänge. All die bunten Verpackungen, der ganze Laden, selbst die verblichene Werbetafel vor der Eingangstür – in Ansätzen kommt mir alles bekannt vor. Als habe meine Erinnerung einen neuen Marketingchef, der die alte Linie gerne fortführen würde, nur eben mit ein bisschen mehr Wow, Pep und In-ya-face. Ich kaufe mir eine Packung Beef-Jerky – häufig davon gehört, nie probiert, doch die Neugier gewinnt gegen die Scham, nach einer Verpackung zu greifen, die in meinem Land auch Grillanzünder enthalten könnte. Steffen erklärt mir, dieses Gericht wäre tatsächlich ein idealer Proviant, dessen Rezeptvorläufer das sogenannte Pemmikan der Indianer war. Das verwirrt mich noch mehr, denn in meiner Vorstellung essen nur Touristen authentisch. Ich verstecke das Beef-Jerky in meiner Motorradtasche tief unter meinem Schlafsack.

Wir besuchen Jaime, einen Brieffreund Sabines und alten Freund ihres Vaters, der angeboten hat, dass wir bei ihm übernachten können. Er ist knapp fünfzig, sehr hager mit ledriger doch heller Haut und besitzt eine riesige Ranch, auf die er sich aber nichts einbildet. Die haben hier viele. Aber seine Gewehrsammlung zeigt er mit einem gewissen Stolz, den ich gelangweilt nachzuvollziehen versuche, während Steffen im Badezimmer Wasser in die Wanne lässt. Er will seine Luftmatratze ausbessern, die ein Loch hat. Wenn alles glatt geht, wird er sie in diesem Urlaub nicht brauchen, aber er besteht darauf, dass nur die Bereitschaft, jederzeit überall schlafen zu können, ihn wirklich Urlaub haben lässt. Trotzdem mache ich mir Sorgen. Steffen ist ein unglaublich guter Mechaniker, was mich auf dieser Reise eigentlich beruhigt, aber jenseits von seiner Fähigkeit Dinge zu reparieren, ist er auch ein MacGyver der Selbstverstümmelung. Wie er jetzt mit Kleber, Luftmatratze und Flicken im Bad verschwindet, habe ich die Befürchtung, dass er mindestens einen Finger verliert. Tatsächlich verstaucht er sich das Handgelenk. Das passiert ihm allerdings erst später, als er einen der Gartenstühle aufklappen will, auf denen wir von der Terrasse aus den Sonnenuntergang beobachten. Jaime erzählt, er habe sich einmal ausversehen in den Fuß geschossen. Sabine lacht darüber, Steffen flucht, ich denke an Alltägliches, bis uns die blutrote Sonne in ihren Bann zieht.

Die Hälfte des Weges haben wir hinter uns. Der Sand gibt sich nicht mehr damit zufrieden, durch meine Kleidung zu scheuern, er will auch meine Lunge füllen. Ein unangenehmes Gefühl. Ich möchte mich an die Wüste wohl gewöhnen, mich von ihr beeinflussen lassen, aber ich will nicht zu einer werden. Jaime hat mir bestätigt, dass es keinen Sinn macht, die Wüste zu rauchen. Es sei mit ihr wie mit dem Meer – ein Blick und es greift nach deinem Wesen, ein Tag und du bist verliebt, ein Jahr und du kannst nirgendwo anders mehr glücklich werden, aber trinken kannst du es nicht. Er sieht ein wenig traurig aus, als er das erzählt. Ich hoffe nur, dass wir die Küste erreichen, bevor ich unglücklich werde. Das Meer habe ich notfalls auch zuhause.

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