Marieke Erlenstedt

#notthateasy

Die Welt zieht den Hut vor einem Hashtag, der vor ein paar Tagen auf dem beliebten zwitschernden Nachrichtendienst auftrat. Unter dem Label #notjustsad posten seitdem Tausende über ihren Alltag mit einer Krankheit, die sich in unserer Wohlstandsgesellschaft mittlerweile Volkskrankheit schimpft: die Depression. Beginnend mit einer deutschen Bloggerin veröffentlichen inzwischen viele Betroffene Details ihres Leidens, ihres Alltags, ihrer Herausforderungen. Und die gesamte Medienlandschaft applaudiert. Dazu muss man zunächst sagen, dass die Not derer, die an Depressionen leiden, Respekt und Mitgefühl verlangt und jeder seinen eigenen Weg finden muss um mit der Bürde umzugehen – und sei es über soziale Netzwerke.

Marieke Erlenstedt Essay: #notthateasyDennoch stellt sich die Frage: Sollte eine solche Entwicklung statt Applaus nicht eher grübelnde Gesichter nach sich ziehen? Sind Standing Ovation hier tatsächlich angebracht? In vielen der Artikel wird das Phänomen als ein erster Schritt gefeiert – ein erster Schritt in Richtung mehr Akzeptanz. Doch ist er das? Ist er nicht viel mehr der erste Schritt hin zu einer Banalisierung der Depression und jedem, der darunter leidet? Ein Trending Topic – so werden Hashtags betitelt, die unglaubliche Reichweite haben. Sie werden auf der Startseite der sozialen Plattform angezeigt, freilich ohne genauere Erläuterung was dahinter steckt. So werden nach und nach auch verzweifelte Liebeskummer-Posts mit #notjustsad betitelt werden, Beschwerden über einen schlechten Tag und Berichte über Familienkrach. Ist das ein erster Schritt in eine richtige Richtung?

Ähnliche Entwicklungen sind bereits bekannt, ein Paradebeispiel für die internetgetriebene Bagatellisierung von überaus ernsten Angelegenheiten war die sogenannte #ALSicebucketchallenge. Als dieses Phänomen seinen Siegeszug um die Welt begann, war allerorten pure Begeisterung zu hören. Eine tolle Aktion sei das, so viel soziales Engagement, und die ganzen Prominenten, die sich für den guten Zweck nass machen – zweifelsohne eine beeindruckende Geschichte, sollte man meinen. Doch wer den Verlauf des Internetlauffeuers beobachtete, dem konnte nicht entgehen, wie die Aktion Stück für Stück ihr Gesicht verlor. Junge Menschen begannen, sich gegenseitig dazu aufzufordern, sich einen Eimer Eiswasser über den Kopf zu schütten und ein Video davon ins Netz zu stellen – nicht aus Zivilcourage, sondern als Scherz. Genauso, wie sie sich wenige Wochen zuvor noch gegenseitig dazu aufriefen, vor laufender Kamera eine Flasche Pils zu leeren. Haben ein Haufen begossener Teenager tatsächlich das Bild verändert, das wird von Menschen haben, die an der Muskelkrankheit ALS leiden? Haben sie Aufzüge gebaut, für diejenigen, die heute schon im Rollstuhl sitzen, Akzeptanz geschafft für diejenigen, deren Sprache von Muskelschwächen verzerrt wird? Eher nicht.

Was man im Internet beginnt, kann man nicht kontrollieren – es wird sich verselbstständigen. Was als großartiger, wohltätiger oder mutiger Gedanke entsteht, kann im Evolutionsprozess des Internets ungeahnte Züge entwickeln. Daher sollten sich es all jene, die die lang überfällige Akzeptanz der Depression als Krankheit feiern, fragen, ob sie es sich nicht ein wenig zu leicht machen. Ein Hashtag schafft keine Anerkennung. Er schafft auch keine der dringend benötigten zusätzlichen Therapieplätze. Er kann vielleicht Verständnis schaffen, er kann Veränderungen anregen –  doch er allein verändert noch gar nichts. Auf einem Hashtag darf sich niemand ausruhen. #notthateasy

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