Jonas Ohland

Nature One 2013 – A Time to Shine Teil 1: Die Magische Melone

Nature One BannerLegendäre Location, bekannte DJs, tausende Besucher – dieses Jahr war es für mich an der Zeit, meine Jungfräulichkeit bezüglich Musikfestivals an den Nagel zu hängen. Und wenn, dann bitte richtig! Zum Beispiel auf Deutschlands größtem elektronischem Musikfestival, der Nature One. Mit geschätzten 64.000 Besuchern schrieb das Festival bei Kastellaun im Hunsrück dieses Jahr zum 19. Mal Musikgeschichte. Auf über 100 Hektar wuchs innerhalb weniger Tage eine Zeltmetropole, die sich Nachts auf das Gelände der Raketenbasis Pydna entleerte, um dort auf 4 Floors und in 17 Clubs Himmel und Hölle zu vereinen.

Doch war das Ganze wirklich so legendär? Dieses Jahr taten sich DJ Andy Smaller, Yenz O. und meine Wenigkeit zusammen, um Licht in dieses Mysterium zu bringen. Und da es in meinen Berichten normalerweise um Musik geht, gebe ich mein Bestes, auch mal einen Eindruck der zugehörigen Musikkultur zu vermitteln. Jonas Ohland: Nature One Camping

Mit einem bis zum Anschlag vollgepackten Mietwagen und frisch geladenem Ghettoblaster bezogen wir am Freitagmittag die Stellung. Mit drei Zelten, zwei Strandmuscheln, Sonnenschirm, Babypool und Bierkästen konnten wir uns als potentes Camp ansehen. Zumindest, bis wir von französischen Wohnwagen, Lasteranhängern voller Bierkühlern und holländischen Miniclubs umstellt wurden.

Der Ghettoblaster stellte sich schon nach wenigen Minuten als schlichtweg unzureichend heraus. Die gesetzeswidrig powervollen Kilowattanlagen der Holländer begannen sofort damit, Energie aus den mitgebrachten Aggregaten zu saugen und uns aus drei Richtungen mit 170bpm schnellem Gabber und Schranz (härter und lauter geht es nicht) voll zu pumpen. Jonas Ohland: Nature OneEin paar aufgedrehte Mädels mit verdächtig rot unterlaufenen Augen trieben ihr Unwesen und waren nicht in der Lage, ihr Zelt aufzubauen. Dafür gewannen sie sofort neue (sehr männliche) Freunde bei den Anhängerbesitzern gegenüber. Das sorgte bei uns für ein paar sehr erheiternde Minuten, in denen zwei Mädels und vier junge Männer kläglich daran scheiterten, ein einfaches Zelt für zwei Personen zusammenzustecken. Aber da nicht jeder Physik studieren kann, ließen DJ Andy Smaller und Ich uns schließlich herab, sie aus dieser misslichen Lage zu befreien.

Schließlich geht es auf Festivals ja um das gemeinsame feiern. Das Bier war nach so viel Arbeit schnell kühlgestellt und der Picknickgrill röstete ungesunde Käse-Bacon-Würstchen. Man kann die Stimmung auf dem Campingplatz trotz kurioser Erscheinungen und aggressiver Musik wirklich nicht als feindselig bezeichnen.

Nun, das war der erste Nachmittag. Aber die holländischen Hardtechno-Zelte schienen Tageszeitenwechsel nur mit einem An- und Ausschalten der Laserprojektoren zu quittieren. Die Bässe wummerten die ganze Nacht durch, knüpften nahtlos an den Morgen an und hörten auch den ganzen nächsten Tag nicht auf. Das war okay. Schlaf wird ja allgemein überbewertet. Normalerweise sollte man mit einer halben Stunde pro Tag problemlos auskommen. Die betrunkenen Menschen, die über das Zelt stolpern und einem dabei fast den Fuß brechen, haben es ja auch nicht böse gemeint und die ekstatischen „YEEHAAA“-Ausrufe der Franzosen um halb Sieben heben die Stimmung ganz schnell wieder auf gewohntes Niveau.

Wer noch mehr Stimmung wollte kam in anderen Bereichen des Campingplatzes auf seine Kosten. Die Anzahl an Holländerdiscos pro Fläche überstieg gefühlt die Anzahl an verfügbaren Plätzen. Das waren jedoch nicht die einzigen Freuden dieses Ortes: Das Grün der Wiese wich im Verlauf des Festivals immer mehr einem Teppich aus den Rückständen allerlei Genussgüter. Der hoffnungsvolle Versuch des Veranstalters, dieses Problem mit „Müllpfand“ einzudämmen, bei dem man 5 Euro erstattet bekommt, wenn man bei der Abfahrt einen gefüllten Müllbeutel zurückbringt, wirkte hier eher wie Augenwischerei. Ob wir uns vergleichsweise im grünen Bereich des Campingplatzes bewegten oder einfach zu wenig Knabberkram mitgebracht hatten, wir wussten es nicht. Auf jeden Fall begannen wir damit, den Festival-Titel „Nature One“ in Frage zu stellen.

Diese Faktoren sollen hier schon einmal ganz unauffällig den Ratschlag vermitteln: Ihr wollt auf die Nature One? Quartiert euch lieber in einem nahen Örtchen ein und benutzt den Shuttlebus, dann haltet ihr länger durch und habt mehr Spaß. Jonas Ohland: Nature One Magische Melone

Spaß hatten wir natürlich auch, trotz der anstrengenden Bedingungen. Unter anderem, als wir uns eine „Magische Melone“ heraufbeschworen. Das funktioniert folgendermaßen: Man nehme eine Wassermelone und halbiere sie. Die Hälfte wird ausgelöffelt, bis nur noch zwei bis drei Zentimeter Fruchtfleisch stehen. Man fülle nun ein Startgetränk ein (bei uns Wodka-Johannisbeere und Eistee) und lasse es 20 Minuten lang ziehen. Von nun an darf jeder ein paar Schlucke aus dem Kelch nehmen, muss aber im Gegenzug dieselbe Menge mit dem eigenen Getränk auffüllen. Klingt widerlich? Nicht vergessen, die Melone ist magisch. Alles, was seinen Weg in die Frucht findet, wird unter Garantie gut schmecken. Als sich zu dem Wodka-Johannisbeere und dem Eistee noch ein gutes Schlappe-Seppel-Bier und Monster Energy-Drink gesellt hatten, schmeckte das Gemisch weiterhin ausgezeichnet und erfrischend! (Wir lassen die Optik hier einmal außen vor, denn der blau-graue Schaum mit blauen Punkten auf dem Getränk sah nicht gerade magisch aus.)

Eine andere Sorte von Magie waren die Drogen. Dass die Nature One als elektronisches Musikfestival eine Hochburg des Drogenkonsums ist, ist weithin bekannt, daher sind wir mit einiger Vorsicht an die Sache herangegangen. Unsere Melone wurde beispielsweise mit niemand Fremden geteilt, um bösen Überraschungen vorzubeugen. Immerhin haben wir halb amüsiert, halb besorgt das Treiben hinter dem LKW-Anhänger beobachten müssen. Der bedenkliche Zustand eines jungen Mannes, der halb ohnmächtig auf dem Fahrersitz des Autos hockte und sich kaum bewegte, wurde schließlich so kommentiert: „Dem fehlt nix. Seine Finger zucken manchmal zur Musik, der feiert nur!“

Einer der Jungs lag schließlich ohnmächtig auf der Wiese und wurde mit nicht viel mehr als ein paar schlecht gezielten Backpfeifen der Kumpels und einem Wurf in das örtliche Planschbecken behandelt. Letzten Endes haben wir doch noch eingegriffen und den Notarzt geholt, doch bevor der kam, war der Kollege wieder putzmunter und hüpfte quer über die Wiese. Dieses Phänomen war ganz klar nicht auf die Mengen von Bier zurückzuführen, die geflossen sind, und es machte die Runde durch die ganze Mannschaft.

Alles in Allem stimmen Andy, Yenz und ich überein: Die Stimmung war gut, aber anstrengend. Und wer kein Partylöwe mit übernatürlichen Konditionen (oder bunten Pillen) ist, sollte sich eine andere Möglichkeit zum Übernachten suchen. Denn die wirklich lohnenswerten Dinge kommen erst auf der Raketenbasis zum Vorschein. Zu diesem Wahnsinn komme ich im nächsten Teil!

Bis dahin: Clear Skies! Ch3shire / Jonas Ohland

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