Malte Klingenhäger

Motivationals

„Ich stand letztens so an meinem Fenster und rauchte – das ist im Moment ja immer so krass früh dunkel abends – jedenfalls schau‘ ich so raus auf die gegenüberliegenden Häuser und da hab‘ ich plötzlich so einen Gedanken, wo ich ein paar erleuchtete Fenster sehe, in denen hier und da Kerzen flackern. Ich denk‘ mir so: Ein Mensch, der es schafft, in seinem Heim so ein warmes Licht zu erzeugen, der kann zufrieden mit sich sein. Wer es schafft, ein paar Wohnungen mit so viel Wärme auszuleuchten, der ist schon ein echter Pfundskerl. Aber die ganz, ganz großen, die illuminieren ganze Häuserblöcke!“

Kurzgeschichte Malte Klingenhäger: MotivationalsUnfassbar, denke ich und bin froh, dass Lydia den Joint endlich weitergegeben hat, denn solange Marcel raucht, redet er nicht. Während er geschwafelt hat, war sein Blick meist auf den Boden gerichtet, doch jetzt, wo Plappern mit Genuss kollidieren würde, schaut er sich wieder in der Gruppe um, begierig darauf, dass jemand anders die Stille füllt und zur Abwechslung mal ihn unterhält. Ich würde ja einspringen – es ist meine Bude, es ist meine Bühne – aber irgendwie hakt es. Ich weiß nicht, warum ich unseren ungehemmten Dünnschiss heute nicht genießen kann. Vielleicht schmecken die Allgemeinplätzchen nicht mehr so frisch wie früher? Das wäre schade. Die Ironie meiner Karriererichtung ist, dass mein Kopf nie so produktiv ist, wie wenn er im Leerlauf tuckert. Und das tut er in Runden wie dieser eigentlich am Besten. Ich kann es mir nicht leisten, dass dieser Motor nun stockt.

Als ich dann in einem, in dieser Gruppe fast schon aggressiven, Akt mein Smartphone zücke, mich dem Geplapper um mich damit verweigere und stattdessen in das der sozialen Medien eintauche, da kommt mir die Erleuchtung: Diese ganzen dumpfen Spruchbilder, mit denen ich dort in meiner Timeline konfrontiert werde, lesen sich wie ein Transkript des heutigen Abends, eben wie die Auswürfe bekiffter Poeten, die den Kopf nicht mehr zusammenhalten können. Schreiben meine Leute auch so einen Scheiß? Furzt man aus beiden Löchern, wenn man zu sehr entspannt? Versteckt man sich bei finanzieller Schieflage heute nicht mehr hinter einem Synonym und schreibt billige Erotikromane sondern Facebookspruchbilder? Oder hat der digitale Diskurs unsere Vorstellung von Weisheit so erodiert, dass wir jetzt alle so reden?

Bilder und Selfies kann man bearbeiten. Den Charakter nicht, lese ich und schnaube. Sind Selfies denn keine Bilder? Und kann man Bilder nicht nur deswegen bearbeiten, weil es bloße Kopien der Realität sind? Ein Medium? Und versucht man seinen Charakter durch Vereinnahmung der Aussage mit einem Like unter solchen Bildern nicht auch zu pimpen?

Oder hier, ein Klassiker: Entweder man mag mich so, wie ich bin – oder gar nicht. Eine andere Version von mir gibt es nicht. Das ist ja fast schon eine trotzig-pathologische Entwicklungsphobie. Geschaffen, um sich von aller Verantwortung zur Persönlichkeitsentwicklung freizusprechen und hinter einer passiv-aggressiven Mauer zu verschanzen.

Als jetzt die Klingel ertönt, lasse ich mein Handy wieder in die Tasche gleiten, aber Marcel ist schon aufgesprungen und hastet zur Tür.

„Wer wars?“, frage ich, als er wieder ins Zimmer tritt, aber Marcel zuckt nur mit den Schultern und erklärt: „Wenn es einen Satz gibt, der als Indikator für den unerschütterlichen Glauben an die Tonqualität von Gegensprechanlagen taugt, dann ist es: ‚Ich bin’s‘

Ich freue mich, denn für mich gilt Marcels Bonmot als Indikator dafür, dass der Abend inhaltlich vielleicht doch noch nicht verloren ist.

Es stellt sich raus, dass es Benjamin war, der geklingelt hat. Benjamin, der gutmütige Riese, der einmal in die Runde grüßt, sich dann ein Bier vom Balkon reichen lässt und sich mit erwartungsvollem Blick – den ich nur zu gut nachvollziehen kann – auf den letzten freien Stuhl quetscht. Lydia gibt grade ihre neue Beziehungstheorie zum Besten, mit der sie ihren Roman aufwerten möchte. Ihre dunklen Locken beben an den Spitzen mit, weil sie mittig sitzt und ständig ruckartig durch die Runde guckt, während sie spricht.

„Das Problem ist“, erörtert sie, „dass Menschen, die sehr vorsichtig in Beziehungsdingen sind, sich damit zur Passivität verdammen und damit häufiger an offensivere, dadurch vielleicht aber auch problematischere, Beziehungstypen geraten.“

Ich stürze den letzten Schluck meines Bieres hinunter und stehe auf. Ich will drüber nachdenken, ich will es wirklich. Es klingt gar nicht so dumm und was dumm wäre, ließe sich ja notfalls mit etwas Geduld und ein paar guten Worten zurückdrängen – aber nicht heute.

„Binmakurzraus“, murmel ich und reiche die mir angebotene Tüte sofort weiter.

„Kreislauf?“, fragt Sebi verständnisvoll und nimmt sie vorsichtig entgegen.

„Ne, die Straße hoch und runter“, antworte ich und ziehe die Tür zum Flur schnell zu, bevor ich mit ansehen muss, wie er über meinen blöden Witz zu lange nachdenkt. An der Garderobe entscheide ich mich für den dicken Mantel – die Sonne ist ja schon weg – und dann bin ich schon durch die Tür, die Treppen runter und flugs zur Straße raus. Ich halte mich links und merke, dass es tatsächlich schon deutlich kühler geworden ist. Ich knöpfe den Mantel zu und biege in eine unbelebte Gasse ab, die ins Industriegebiet führt. Bis dahin will ich gar nicht, aber in diese Richtung erwarte ich um diese Zeit die wenigstens Menschen.

Also, frage ich mich, was ist los mit mir? Warum kann ich mich nicht wie sonst rücklings in die Gedankenwatte fallen lassen und im Assoziationsnebel nach Ideenkerzen suchen? Wahrscheinlich kommt man als Schreiberling irgendwann automatisch an den Punkt, an dem man den Worten misstraut und in jeder noch so banalen Aussage über die Unzulänglichkeiten der Sprache stolpert. Das ist dann der Augenblick, in dem auch die Träumer feststellen: Ach Scheiße, es ist doch nur ein Job.

Ja, könnte sein. Vielleicht muss ich aber auch einfach die Zähne zusammenbeißen und auf mein Handwerk vertrauen, doch leider braucht auch das erst eine gute Idee, damit es zünden kann. Einen ersten Schritt … und der wäre dringend nötig, denn ich muss bald mit ein paar neuen Projekten beginnen, darf mein Bewegungsmoment nicht verlieren.

Langsam wird mir kalt. Ich müsste viel zu weit laufen, um meinen Kreislauf in Schwung zu bringen und kehre um. Auch meine Gedanken haben diese kleinen Spaziergänge noch nie angekurbelt, bloß vergesse ich das ständig.

Bald bin ich wieder zurück in meiner Straße. Von weitem schon sehe ich Renée auf meinem Balkon stehen und telefonieren. Null Körperspannung, wie ein Fragezeichen steht sie da. Wäre es eine Antwort, hinter jede Aussage ein Fragezeichen zu denken? Fragen stören mich nicht. Wenn eine Frage dich anpisst, dann ist das nur die Angst davor, etwas lernen zu müssen, denke ich und formuliere damit einen Satz der Sorte, die mich vor 20 Minuten noch aus meiner Wohnung vertrieb. Ich schließe hastig die Haustür auf, bevor meine Hände noch kälter werden und renne die Treppen hoch.

In meiner Wohnung empfängt mich warmes Licht, warmes Lachen, warme Luft und leider auch warmes Bier.

„Da bist du ja! Wir haben grade noch überlegt, wer als nächstes dran ist!“, lacht Benjamin und drückt mir eine Flasche in die Hand.

„Womit?“, frage ich zurück, schiebe mich an ihm vorbei und steuere auf meinen Sessel zu, auf dem Marcel derweil seine Füße geparkt hat.

„Wir überlegen grade, was wir antworten würden, wenn wir auf der Bühne mit dummen Publikumsfragen konfrontiert werden“, erklärt mir Marcel, der jetzt viel frischer aussieht als eben und seine Füße jetzt hastig von meinem Platz herunterzieht.

„Zum Beispiel?“

„Zum Beispiel, wie viel von dir in deinen Texten steckt?“

„Alles und nichts“, gebe ich meine Standardantwort auf diese Frage. Ben und Lydia nicken zustimmend. Ich finde Gefallen an dem Spiel und frage mich, welche glanzvollen Antworten ich durch meinen überflüssigen Spaziergang wohl verpasst habe. Da kommt Renée von draußen rein, streckt uns ihr Handy entgegen und lacht uns an.

„Mike hat die ultimative Standardfrage für uns!“, ruft sie und fragt, wer mit Antworten dran ist. Alle zeigen auf mich.

„Boris“, sagt Renée.

„Ok“, krächzt Mikes Stimme aus den Handyboxen. „Also Boris, welche drei Dinge würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen?“

Ich nehme einen tiefen Zug aus meinem Bier, wische mir den Mund ab und antworte: „Unfassbar viel Stifte, eine noch größere Menge Papier und jede Menge pornographisches Material – ich weiß ja nicht, wie oft ich auf mein eigenes Spiegelbild im Wasser onanieren darf, bevor ich als Narzisst gelte.“

Damit habe ich die Lacher auf meiner Seite. Zufrieden verschwindet Renée mit ihrem Handy zurück auf den Balkon und Benjamin setzt sich wieder aufs Sofa, von dem er am ganzen Körper bebend hinuntergerutscht ist. Nur Marcel lacht nicht und sagt: „Ich glaube, jemand der auf einer einsamen Insel noch auf die Meinung anderer Wert legt, dem lässt sich der Narzissmus nicht mal mehr von Gott auspeitschen.“

Damit hat er wohl recht, denke ich, überlege aber, ob die Antwort nicht doch für eine Bühnensituation taugt. Vielleicht lässt sie sich anpassen. Ich bin jedenfalls froh, dass mein Gedankenmotor wieder tuckert.

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