Torsten Schoeneberg

Ein Jude

Ein Jude vibriert im Gemeinschaftsraum des Hostels in Halifax, Kanada. Er steht in einer Ecke, richtet sich nach einer Richtung aus; eine Art weiße Flachs-Schürze hat er sich umgehängt, ein kleines zerlesenes Buch in der Hand, und dann hat er den Kopf (mit Kippa und Schläfenlocken) entweder in seinen langen grauschwarzen Bart gesenkt, oder er schaut entrückt „woanders“ hin, während er seine Litanei aufsagt, klagt, sich oft wiederholt. Es scheint Englisch zu sein, was er herunterbetet, aber das meiste ist unverständlich. Mehrfach am Tag macht er’s; einmal fragt er vorher, ob die Wanduhr die richtige Zeit anzeige.

Der Raum um ihn nimmt es gelassen, Essen und Gespräche gehen weiter, allenfalls mit von Tisch zu Tisch geworfenen staunend-lächelnden Blicken. Einmal fragen wir uns, was er wohl gegen Kabeljau (englisch cod) hat: denn eine dauernd wiederholte Phrase klingt wie not a cod – not a cod – not a cod – not a cod – … (so lange, daß er mehrmals zwischendurch Luft holen muß, dann wieder mit Kraft:) not a cod! not a cod! not a cod not a cod not a cod …

Nun hatte Esther (das Model, das in der israelischen Armee Panzer gefahren ist) mir letzte Woche erzählt, das jüdische Neujahr stehe an; einmal, als er in einer Pause zwischen den Herden und Töpfen in der Küche im Gemeinschaftsraum steht und die Box mit seinen Lebensmitteln umräumt, frage ich ihn danach. „Rosch ha-Schana ist vorbei!“ murmelt er energisch in die Luft neben mir, dann schaut er mich an und fragt: „Bist du Jude?“ doch ohne eine Antwort abzuwarten, den Blick nach unten, sagt er: „Nein, du bist kein Jude, du interessierst dich bloß dafür …

05-2015-Torsten-Schöneberg-Kurzgeschichten-Menschen-Ein-JudeDrei Tage geht es, ein achselzuckendes Lächeln umgibt ihn, und getuschelt wird bloß immer die Frage „Aber warum hier?“. Nur die Rezeptionisten sind merkbar genervt, wohl weil er sie öfter um mehr oder weniger obskure Sachen bittet, Dinge nachfragt, und auch häufiger dieselben. – Der finnische Rezeptionist verdreht die Augen und sagt, es sei nicht die Religiosität, sondern er sei einfach anstrengend, und: „der will Aufmerksamkeit“. Der deutsche Rezeptionist aber grient schließlich, daß der Typ ja übermorgen endlich abreise, und dann würde er ihn auf eine „schwarze Liste“ setzen, die es „für so Spinner“ natürlich gebe, „dann kommt der in dieser Stadt in überhaupt kein Hostel mehr“, und dann setzt er – er ist Anglistik-Student im Auslandssemester – noch zu einem weltpolitischen Monolog an mit der Kernthese, daß Fundamentalismus in allen Religionen kacke sei. (Später Melanie, die mit mir sein Publikum hatte bilden müssen: „Du hast ja gehört, wie das in die falsche Richtung ging.“)

Der Jude nun spricht abends zwischen den Herden die Luft neben mir an, ich solle ihm seine Box da herunterholen. Und jetzt solle ich seinen Namen (ein Name holländischer Herkunft: van …) darauf schreiben. Dafür, beides nicht selbst zu können, gibt er jeweils seltsame Begründungen: er sei zu klein (ist er nicht), er sehe schlecht (aber sein Büchlein?); mir fällt dann ein, daß es Freitag Abend ist.

Einmal meine ich zu hören, daß er in seiner Litanei auf Deutsch, oder es wird Jiddisch sein, zählt: Eenunzwanzig, zweyunzwanzig, dreyunzwanzig …
Und dann einmal plötzlich soll ich ihm bei einem Ritual helfen. Er gibt eine grobe Erklärung und sagt, er dürfe, sobald es einmal angefangen hat, nicht mehr mit mir sprechen, weswegen ich noch einmal um genauere Anweisungen bitte, aber er hört mich nicht an. Er habe mit dem Rabbi abgesprochen, daß zwei Streichhölzer genügten, eins nicht, aber zwei, und daß Cranberry-Saft in Ordnung sei, sogar gut sei, er dürfe bloß nichts verschütten – was ihm mit dem randvollen Plastikbecher auf dem Weg von der Küche zum Ecktisch erstaunlicherweise gelingt (er ist drahtig, zittrig, ich schätze ihn auf Anfang 50). Ein Mädchen, das noch im Raum sitzt, lächelt mir einen „Viel Glück“-Blick zu und schaut gespannt. „Es ist nicht leicht Jude zu sein!“ den Satz hatte man ihn schon einige Male im Treppenhaus, aus seinem Zimmer, an der Rezeption und hier im Raum ausrufen hören. Zu mir hatte er noch gesagt, das möge auf mich alles verrückt wirken, aber für ihn sei es sehr wichtig, und jetzt hat er schon etwas auf Hebräisch gesagt und befiehlt mit den Augen und einem Kopfnicken, ich solle die Streichhölzer anzünden und hoch halten. – Höher! ist der nächste Augenbefehl, und da gehen sie schon aus, Die nächsten!, er spricht etwas und hält die Hände darüber, aber wieder gehen sie zu früh aus. Er ist erregt und macht verzweifelt brummend mit Kopf und Augen Zeichen nach der Rezeption, ich laufe neue zu holen (der finnische Rezeptionist: „Noch mehr Streichhölzer!?“), komme zurück und entzünde – wieder nicht lang genug. Beim vierten Mal, das mir zwar nicht anders auszugehen scheint, scheint’s ihm aber zu genügen, ein weiterer Spruch wird angehängt, und dann trinkt er den halben Liter Cranberry-Saft ohne abzusetzen aus. Und schroff verscheucht er mich, es sei vorbei.

Eines Nachts steht er neben der Rezeption am Telephon. Seine Stimme hat die gleiche Intonation wie bei den Litaneien, klagend, und viele Fragen drei-, vier-, fünfmal wiederholend, ehe wer immer am anderen Ende ist antworten könnte.

Zwei Tage nachdem er abgereist ist, sagt der deutsche Rezeptionist feixend, der habe sein Buch hier vergessen. Aber am Telephon – von einer Stadt hunderte Kilometer westlich hat er angerufen – „habe ich gesagt, es wäre nicht hier. Damit der bloß nicht zurückkommt“.

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