Yasmin Alinaghi

La vie en rose

Velden am Wörthersee, Österreich, 2003

Heiner Vogelhuber jr., Juniorchef des Sporthotels Seeblick in Velden, begleitete Fräulein Yuki über den Seecorso auf die Terrasse des hoteleigenen Restaurants direkt am Ufer des Wörthersees.

„Herr Yomoto lässt sich entschuldigen, er führt ein dringendes Telefonat und wird so schnell wie möglich zu uns stoßen“, erklärte Fräulein Yuki in einwandfreiem Deutsch. Die schlanke, junge Japanerin begleitete den Geschäftsmann als Dolmetscherin. Die Yomoto-Group wollte am Wörthersee investieren. Das Sporthotel schien ein lohnendes Objekt. „Die hervorragenden Deutschkenntnisse von Fräulein Yuki werden die Verhandlungen mit dem Konzernchef erleichtern“, dachte Heiner Vogelhuber jr. erfreut.

„Oh ja, ich war bereits in Europa“, erklärte die junge Japanerin auf die Frage des Hotelchefs lächelnd. „Vor zwei Jahren; in Italien und in Deutschland.“

Yasmin Alinaghi Kurzgeschichte: la vie en roseHeiner Vogelhuber stand unwillkürlich ein Reisebus voller Japaner vor Augen, die in fünf Tagen durch zwölf europäische Staaten hetzten. Er glaubte zwar nicht, dass es möglich war, mit dieser Art des Reisens echte Eindrücke der besuchten Länder zu gewinnen, trotzdem fragte er höflich und um die Wartezeit zu überbrücken: „Und was hat Sie auf Ihrer Rundreise besonders beeindruckt, Fräulein Yuki?“

„Nun ja“, überlegte sie, „die Sixtinische Kapelle in Rom ist ohne Zweifel sehr imposant.“

Aus dem Augenwinkel beobachtete Heiner Vogelhuber eine Gruppe deutscher Hotelgäste auf dem Weg zum hoteleigenen Strand. Das Wetter war grandios und natürlich wollte jeder Gast an den Seestrand. Jeder europäische Gast zumindest. Wie er wusste, mieden die Japaner die Sonne wie die Vampire. Auch Fräulein Yuki achtete peinlich genau darauf, im Schatten der Markise zu sitzen. Er musste zugeben, ihr Teint war makellos.

Das Platzangebot am Seeufer war begrenzt, sodass die hoteleigenen Strandabschnitte teilweise direkt neben den Terrassen der Speiselokale lagen. Heiner Vogelhuber hoffte, dass dieser Umstand in den Augen der Japaner keinen Nachteil für den Standort Velden darstellte. Fräulein Yuki und der Juniorchef nippten an ihrem Aperitif, unterdessen unterhielt sich die Urlaubsclique laut und ausgelassen. Im Restaurant konnte man jedes Wort verstehen. Frau Schulten machte keine Anstalten, sich ihrem Mann und den Freunden anzuschließen. Sie war Heiner Vogelhuber bereits während der letzten Tage durch ihre schrille und übellaunige Art unangenehm aufgefallen. Als sich Ehemann Schulten erkundigte, ob sein „Schnäuzelchen” nicht mitkommen wolle, antwortete sie exaltiert:

„Die moderne Frau von heute begibt sich erst nach 14 Uhr an den Strand.“ Fräulein Yuki schaute interessiert auf.

„Sollte das eine Sitte in Europa sein, die mir bisher entgangen ist?“, fragte sie wissbegierig. Heiner Vogelhuber versicherte eilig:

„Nein, nein, keineswegs, Fräulein Yuki.“ Auch die Freunde des Ehepaares blickten fragend in die Runde. Als Frau Schulten genüsslich, nahezu triumphierend, hinzufügte:

„Tja, die Boutique am Seecorso öffnet erst um 14 Uhr und ich brauche dringend einen neuen Bikini“, verstand Fräulein Yuki und kicherte:

„Ah, ein Scherz.“

„Fein“, dachte Heiner Vogelhuber. Sollte Frau Schulten nachkommen, dann blieben ihm und den Gästen im Restaurant ihr durchdringendes Organ bis auf Weiteres erspart.

Herr Schulten bemerkte in Richtung seiner Freunde trocken: „Shopping gehört zu ihren Lieblingsbeschäftigungen.“ Hoffnungsvoll fügte er hinzu: „Somit besteht zumindest die Chance, dass sie ausnahmsweise gutgelaunt zurückkehrt.“

Inzwischen war Herr Yomoto zu seinem Gastgeber und seiner Dolmetscherin gestoßen. Zufrieden registrierte Heiner Vogelhuber, dass das Restaurant ausgebucht war. Auch eine Gruppe Japaner speiste auf der Terrasse des Lokals. Das wertete er als gutes Zeichen für die geschäftliche Transaktion. Er genoss mit seine Gästen den Hauptgang, Lachs an Trüffel mit Rosmarinkartoffeln, als Frau Schulten aus der Boutique am Seecorso zurückkehrte, in den Händen prall gefüllte Designertüten. Ihr Ehemann blickte ihr unruhig entgegen. Die Freunde des Ehepaares drehten sich einer nach dem anderen gespannt um, während Frau Schulten mit viel zu lauter Stimme aufzählte, was sie alles, zu welchem Preis, erstanden hatte. Insbesondere die Nennung der Kaufpreise schien ihr Freude zu bereiten. Heiner Vogelhuber schluckte verlegen, während Fräulein Yuki und Herr Yomoto scheinbar ungerührt weiter aßen.

Zu den Neuerwerbungen gehörten unter anderem ein rosa Kleid und ein roter Bikini. Frau Schulten hatte zwar ein paar deutliche Kilos zu viel auf den Hüften, aber diesen Umstand blendete sie offensichtlich erfolgreich aus. Zum großen Schrecken von Heiner Vogelhuber jr. flehten ihre Freunde sie nahezu an, ihnen die rosa Robe vorzuführen. Ihm wurde heiß und kalt zugleich, während Frau Schulten es zu genießen schien, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Herr Schulten rutschte in böser Vorahnung unruhig auf seiner Liege hin und her. Der Hotelbesitzer konnte es ihm nachfühlen. Mittlerweile hatten nicht nur Fräulein Yuki und Herr Yomoto ihr Essen unterbrochen, auch die Mitglieder der japanischen Reisegruppe reckten ihre Köpfe interessiert in Frau Schultens Richtung. Die ließ sich nicht lange bitten und bugsierte sich auf dem Steg in die neue Robe. Angesichts dieser Geschmacklosigkeit wurde Heiner Vogelhuber fast schwarz vor Augen. Er stöhnte innerlich. Das rosa Kleid war eine Mischung aus Abendkleid und Karnevalskostüm; viel zu rosa, mit voluminösen Volants versehen und vor allem zwei Kleidergrößen zu klein. Henriette Brolin, die Besitzerin der Boutique am Seecorso, hatte ihr Glück sicherlich kaum fassen können, diesen scheußlichen Ladenhüter losgeworden zu sein.

Inzwischen hatten sämtliche Japaner und Nicht-Japaner im Restaurant ihr Essen unterbrochen. Fräulein Yuki stand aufrecht am Tisch und reckte ihren Kopf, Herr Yomoto zückte wie viele seiner Landsleute die Kamera. Bei dem Anblick, der sich ihnen bot, dachte Heiner Vogelhuber unwillkürlich an „Schweine im Weltall“. Ihm wurde elend im Wissen, dass sein potenzieller Investor diese Demonstration schlechten Geschmacks miterlebte. Auch Herr Schulten rang verzweifelt um Fassung und nach den richtigen Worten, brachte aber nur ein erschrecktes „Wo um Gottes Willen gedenkst du dieses Kleid zu tragen?“ heraus. Seine Frau funkelte ihn kampfeslustig an und konterte selbstbewusst: „Nun, mein Goldfrosch, ich erwarte selbstverständlich von dir, dass du einen passenden Anlass findest.“

Die Menge wartete gespannt – teilweise mit offenem Mund – auf die Replik des Angesprochenen. Sie wurden aber enttäuscht, da Herr Schulten formvollendet das Rezept einer funktionierenden Ehe demonstrierte. Er entzog sich einer Antwort, indem er rückwärts von seiner Liege in den Wörthersee glitt und mit kräftigen Zügen weit auf den See hinausschwamm.

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