Malte Klingenhäger

Fieber

August befindet sich plötzlich in einem weißen Raum. Er ist so weiß, dass er Boden und Decke eigentlich nicht von den Wänden unterscheiden kann, aber es fühlt sich halt räumlich an. Eine mittelalte, schöne Frau im Businesskostüm und mit wild abstehenden Locken steht ihm gegenüber und plötzlich fühlt er sich völlig fehl am Platz. Nicht, weil er bis grade eben noch im Zimmer seines WG Kollegen stand und sich nun – genau einen Wimpernschlag später – hier wiederfindet, sondern weil die Frau jetzt abfällig den Kopf schüttelt, als ob sie absolut unzufrieden mit ihm sei.

„Ist das die Auskopplung?“ Die Stimme hinter ihm lässt August zusammenfahren. Noch während er sich umdreht, wird er fast von einem dunkelhäutigen alten Mann mit weißem Rauschebart und Toga umgerannt, der geschäftig an ihm vorbei in Richtung der Frau schreitet.

„Es ist das, was du wolltest. Eine Schnapsidee …“, murmelt die Frau gelangweilt. Der alte Mann taxiert sie eine Weile, dann lächelt er breit und wendet sich dem jungen Biologiestudenten zu, der alles aus großen Augen beobachtet.

Malte Klingenhäger Kurzgeschichte: Fieber„Ich hätte da ein paar Fragen“, beginnt der Alte.

„Wo bin ich?“, fragt August seinerseits.

„Du befindest dich in einer Art Interface, damit wir kommunizieren können. Und das ist wichtig, weil ich, wie gesagt, einige Fragen an dich habe.“

„Wer sind sie?“, fragt August verängstigt.

„Ich bin alles“, antwortet der Alte. „Deswegen das Interface.“

„Ich verstehe nicht …“

„Es soll dir die benötigte Struktur bieten, damit du mich verstehen kannst, aber anscheinend funktioniert es noch nicht richtig. Eigentlich solltest du nur Dinge wahrnehmen, die deine neuronale Auskopplung interpretieren kann.“

„Auskopplung?“, fragt August verzweifelt.

„Das Hirn. Es ist nicht geschaffen, mich zu begreifen. Es kann mich eigentlich nicht wahrnehmen. Also habe ich mir das kompatibelste dieses Planeten gesucht und eine Schnittstelle geschaffen, um ihm ein paar Fragen zu stellen.“

„Sind Sie …?“

„Ich bin alles“, wiederholt der Alte. „Inzwischen unter anderem etwas ungeduldig. Also zu meiner ersten Frage …“

Da bricht August wimmernd zusammen. Der alte Mann schaut verdutzt, die Frau streicht sich einige Haare aus dem Gesicht und seufzt.

„Ich habe dir doch gesagt, dass du auf diese Weise keine Antworten bekommst“, sagt sie und betrachtet August abfällig.

Der Alte tritt schließlich mit mitleidsvollem Blick zu ihm und hebt ihn überraschend kräftig hoch. Die Berührung gibt August etwas Halt.

„Wie war dein Tag?“, fragt ihn der Alte. „Erinnere dich, das wird dich beruhigen. Deine Synapsen takten sich vielleicht wieder ein, wenn sie in Bekanntem schwelgen.“

„Ich bin heute Morgen von einem Surren aufgewacht „, beginnt August.

„Sehr gut, und weiter?“

„Das ist nicht normal, weil Sonntag ist, da schlafen wir eigentlich alle aus. Also bin ich aufgestanden und habe die Quelle des Geräusches gesucht.“

„Und hast du sie gefunden?“

„Ja“, bestätigt August verwirrt, entscheidet aber folgsam zu sein und erzählt, wie er sich zunächst in der Küche einen Kaffee geholt hat. Dann wieder in den Flur schritt und die Quelle des Geräusches im Zimmer seines Mitbewohners Paul fand, den er dabei überraschte, wie der mit einem eingeschalteten Vibrator die Wand entlangfuhr.

„Da habe ich ihn gefragt, was das soll und er sagte mir, wenn die Frequenz des Vibratorbrummens sich ändert, dann hätte er den Kabelschacht in der Wand gefunden. Und ich hoffte die ganze Zeit bloß, dass es nicht der Vibrator von Katja, unserer gemeinsamen Mitbewohnerin ist, weil  – Scheisse – die würd‘ sich unfassbar aufregen. Kam ich gar nicht drauf klar.“

„Kamst du nicht drauf klar, ne?“, fragt der Alte.

„Ne“, sagt August und schüttelt den Kopf.

Der Togaträger streicht sich durch den Rauschebart und wendet sich dann verärgert der Frau zu, die ihnen inzwischen den Rücken zugewandt hat und in die weiße Leere starrt.

„Du hast mir den Falschen gebracht, ich brauche diese Paul-Auskoppelung!“, erzürnt er sich. „Der hier ist viel zu beschränkt – nichts für ungut.“

Die Frau dreht sich um und August meint noch sehen zu können, dass sie mit den Augen rollt, aber dann lenkt ihn Paul ab, der plötzlich neben ihm steht – einen Nagelhammer in der linken und Katjas Vibrator in der rechten, wobei der eine auch die Produktbezeichnung des anderen sein könnte.

„Woah“, sagt Paul. „Wo bin ich?“

„In einem Interface, dass uns die Kommunikation ermöglichen soll, da ich einige Fragen habe“, erklärt der Alte ein zweites Mal.

„Schieß los“, sagt Paul, während er versucht, Vibrator und Hammer hinter seinen Gürtel zu klemmen.

„Euer Planet hat Fieber, ihr induziert eine künstliche Erwärmung. Aber warum?“, fragt der Alte und August fühlt sich plötzlich seltsam ertappt und ist froh, dass Paul für ihn antwortet.

„Glaub‘ das liegt an Emissionen und so.“

„Achso, nein, ich will nicht wissen, wie – das sehe ich selbst – ich verstehe bloß die Motivation nicht. Ist mir noch nicht untergekommen, bei keiner Auskoppelung und in keinem der drei Universen.“

„Es gibt drei?“, fragt Paul neugierig. Der Hammer rutscht aus seinem Gürtel, macht aber kein Geräusch, als er auf den Boden fällt.

„Es war mal als eines geplant, jetzt sind es drei. Geschaffen an einem Tag, an dem ich etwas genervt war“, erklärt der Alte. Die Frau kommt zu ihnen und lacht, ihre Locken hüpfen bei jedem Schritt mit.

„Du warst stinksauer“, sagt sie.

„Ich war etwas genervt. Wenn ich stinksauer bin, sieht das ganz anders aus“, behauptet der Alte.

„Ach bitte, die Leier wieder: Du hast mich noch nie richtig wütend erlebt!“, äfft sie ihn nach. „Immer einen draufsetzen wollen. Natürlich warst du sauer.“

„Dann SIND Sie-!“, wirft August triumphierend ein, wird aber unterbrochen.

„Ich bin Alles“, wiederholt der Alte nur.

„Ist das nicht öde?“, fragt Paul stirnrunzelnd.

„Man fragt doch nicht, ob seine Existenz öde ist!“, schreit August und packt sich an den Kopf.

„Aber er hat recht“, sagt der Alte verzückt. „Alles zu sein ist ganz, ganz furchtbar öde. Grenzenlos sein ist alles und nichts. Also habe ich versucht, etwas grenzenlos Begrenztes zu schaffen. Etwas, das aus immer kleineren Einheiten besteht, denn wenn Alles-sein so öde ist, verspricht das Gegenteil doch ordentlich Spannung. Aber das hat nie ganz geklappt, denn was grenzenlos begrenzt ist, ist auch irgendwie unbegrenzt und damit war ich wieder bei mir. Als mir das aufging, da wurde ich wohl etwas … wütend.“ Der Alte schielt zur Frau, die selbstgefällig in die Luft starrt und fährt dann fort. „Jedenfalls habe ich in meiner Wut aus dem aktuellen Experiment oder Universum, wie du es nennst, dann drei geschaffen. So wie wenn du etwas kaputtschlägst, dass dann in seine Einzelteile zerfällt, bloß eben eine ganze Ecke kreativer.“

„Wir leben in Scherben?“, krächzt August.

„Kreative Scherben, äußerst kunstvoll“, verbessert der Alte. „Aber das Ziel ist erreicht, ich habe etwas Simpleres, Begrenzteres erschaffen, das ich beobachten kann und das mich erfreut.“

„Aber wenn Sie immer noch alles sind, dürfte Ihnen das Verstehen doch nicht schwer fallen. Wozu fragen Sie uns?“, will Paul wissen und scheint jetzt ernsthaft interessiert zu sein. August sucht derweil die Umgebung ab und hofft, in dem Weiß um ihn durch geschicktes Hingucken einen Fluchtweg zu erkennen.

„Damit ich beobachten kann, musste ich tatsächlich einige wilde Grenzen ziehen. Das meiste wirkt halt trotzdem vertraut, so wie du deine Gliedmaßen wahrnimmst vielleicht, aber dieser Planet … dieser Planet ist wie ein … Kribbeln! Hier gibt es halt Teile von mir – dich zum Beispiel – die ich nicht verstehen kann. Die Grenzen, die ich zog, die Formen, die ich damit schuf, sorgen für genau die Dynamik, die ich wollte. Das ist spannend! Ihr seid spannend!“

„Naja, ich langweil mich auch oft“, gibt Paul zu bedenken und wiegt den Hammer in seiner Hand, den er soeben wieder aufgehoben hat.

„Aber ihr wollt die Kontrolle über eure Grenzen. Und ihr formt eigene, versucht meine auszuhebeln!“, begeistert sich der Alte. „Ihr seid unberechenbar! So wie diese Erderwärmungsgeschichte. Ihr habt sie verstanden, ihr habt schließlich sogar ein Wort für sie gefunden, sie ist euch also bewusst und trotzdem scheint sie zu eurem Plan zu gehören, obwohl ihr nicht darauf aus zu seien scheint, eure Existenz zu beenden.“

„Das ist doch jetzt relativ einfach zu erklären“, sagt Paul und Augusts Kinnlade klappt nach unten. Will Paul – der kiffende, schlunzige Paul mit seinen bekloppten Ideen – will Paul dieses Wesen wirklich belehren?, denkt er und malt sich alle überlieferten Geschichten übernatürlichen Zornes aus.

„Ich wusste, das Nachfragen hilft!“, quiekt der Alte zufrieden. „Was ist es?“

Paul scheint nun tatsächlich kurz unschlüssig, meint dann aber doch: „Alles zu sein scheint einen die Allwissenheit vergessen zu lassen. Weswegen  Du – ich darf dich doch duzen? –“ Der Alte nickt eifrig. „Du hingegen diese begrenzten Existenzen erst wieder verstehen lernen musst. Unter anderem, dass sie halt naturgemäß keinen Blick für das große Ganze haben und noch zu sehr im Klein-Klein ihres direkten Lebens gefangen sind, um Konsequenzen im großen Maßstab zu erkennen und entsprechende Verhaltensveränderungen zu internalisieren. Wir haben nie mehr als eine halbwegs fundierte Ahnung“, erklärt Paul und zuckt dann mit den Schultern. „Also, ist jetzt bloß so ein Gedanke.“

Der Alte starrt ihn eine Weile an und ruft dann dermaßen laut: „Heureka!“, dass August sich hinhockt und den Kopf zwischen den Beinen vergräbt. Als er sich nach einer Weile traut, ihn wieder zu erheben, sieht er Paul interessiert den Boden abtasten und den Alten mit wehender Toga freudig umhertanzen. Vorsichtig lehnt er sich zu seinem Mitbewohner und fragt: „Was jetzt?“

„Ihr habt wohlgetan und erleuchtet!“, antwortet der Alte und beweist damit ein phänomenales Gehör. „Ich danke euch!“, sagt er noch, dann wedelt er knapp mit der Hand und August und Paul befinden sich mit einem Mal in der Küche ihrer Wohnung. Paul, der immer noch auf dem Boden hockt, richtet sich auf und bemerkt freudig die volle Kaffeekanne in der Maschine. Er sucht sich eine halbwegs saubere Tasse aus der Spüle und schenkt sich einen großzügigen Schluck ein.

„Nimm es hin“, sagt er zu August, um daraufhin mit der Kaffeetasse in der einen und dem Vibrator, den er sich aus dem Gürtel gefischt hat, in der anderen Hand, an seinem entgeistert blickenden Mitbewohner vorbei zurück in sein Zimmer zu schlendern. August steht noch eine ganze Weile so da, dann holt er sich eine seiner Notfallzigaretten aus seinem Zimmer und zündete sich die Kippe in der Küche an. Der Gedanke, dass Katja ihn für das Rauchen in der Wohnung stramm stehen lassen wird, beruhigt ihn dabei mehr als das Nikotin.

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