Malte Klingenhäger

Gedankenschreiber

Mit spitzen Fingern blätterte Anne Kärnten in einem Literaturmagazin, während sie unruhig auf ihr Vorstellungsgespräch wartete. Ihr Kostüm zwickte unbequem unter den Achsel, aber sie wollte nicht, dass ihr potentieller neuer Arbeitgeber dachte, sie würden sich bloß auf ihren guten Ruf verlassen. Zwar hatte sie sich in den vergangenen Wochen der Arbeitslosigkeit an einen bequemeren Look gewöhnt, doch ab jetzt musste es halt wieder so gehen. Hoffentlich.
Sie legte das Magazin zur Seite und zuppelte nervös ihre Bluse zurecht, dann griff sie nach einer anderen, älteren Ausgabe des gleichen Magazins, die auf dem cremefarbenen Beistelltisch des Eingangsbereiches lag – und legte sie sogleich wieder weg, als sie die Titelstory las: „Zum Tod Erdan Greschlans – Ein Nachruf auf den wohl bedeutendsten Pionier des Gedankenschreibens.“

Ob er wirklich der bedeutendste  Gedankenschreiber war, konnte Anne nicht einschätzen, aber sie hatte alles getan, damit er der erfolgreichste wurde. Damit hatten sie beide laut einigen Marktbeobachtern durchaus geholfen, diese neue Art des Schreibens zu etablieren. Die Feuilletons, geeint in dem Wunsch, Revolutionen nur mit konservativen Vorzeichen zu akzeptieren, waren weniger begeistert. Einige Kritiker hatten geschrien, die Gedankenschreiberei wäre der Tod aller anderen literarischen Formen. Die Verlage warnten, die Umwälzungen würden sonst sichere Arbeitsplätze vernichten. Der Autor löse sich nun wirklich auf, behaupteten die Philosophen. Das letztere damit sogar recht behielten, bezweifelte Anne inzwischen nicht mehr. Sie wusste, dass Erdan den interessantesten Tod seit langem gestorben war.

Zum Ende hin war sie seine engste Vertraute gewesen, stand später als persönliche Assistentin bei ihm unter Vertrag und wich ihm in dieser Zeit quasi kaum noch von der Seite. Die Klatschblätter hatten ihnen eine Affäre nachgesagt, aber die hatten sie nie gehabt – oder wie Erdan es einmal während eines Interviews auf seine linkische Art ausgedrückt hatte: „Da gab es nichts, außer intensiven Gesprächen und tiefem Respekt. Aber ja, sie ist so hübsch wie talentiert – wenn sie sich mir an den Hals werfen würde, müsste ich zunächst mit mir, erst dann mit ihr ringen.“ Er war so ein Charmeur gewesen.

Irgendwo hörte Anne eine Tür gehen und das gedämpfte Flöten einer Frauenstimme, die sich verabschiedete. Sie hatte das Magazin grade aus der Hand gelegt, da bog ihre Konkurrentin auch schon um die Ecke des Eingangsbereiches. Sie musterte Anne kurz und falls sie sie erkannte, ließ sie sich nichts anmerken. Stattdessen verschwand sie ohne ein Wort des Grußes durch die große Eingangstür, obwohl Anne ihr zugenickt hatte. Einige weitere Minuten verstrichen, dann bog ein schlanker, älterer Herr mit schneeweißem Haarkranz und in einem lädierten Tweedsacko um dieselbe Ecke und schlurfte lächelnd auf sie zu.

„Frau Kärnten? Mein Name ist Sarim, Edgar Sarim, wir hatten telefoniert?“, stellte er sich vor und deutete Anne gestenreich zu folgen. Nach einem kurzen Geplänkel, in der Herr Sarim, der Personaler des Verlags, die Abwesenheit der Verlagschefin mit gesundheitlichen Problemen entschuldigte, saßen sie sich in einem kleinen Büro gegenüber, das augenscheinlich nicht genutzt wurde. Die Schränke wurden als Ablage genutzt, der Schreibtisch war leer und auf der Fensterbank hatte sich eine dünne Staubschicht gebildet. Anne sprach ihr Gegenüber auf ihre Schlußfolgerung an und biss sich fast sofort auf die Lippe – sie wollte nicht so forsch herüberkommen. Herr Sarim sollte nicht denken, dass sie Spielchen spielte, aber der Alte schnaufte nur amüsiert und nickte eifrig.
„Tatsächlich, ich habe kein eigenes Büro“, erklärte er und erzählte, dass er inzwischen eigentlich in Rente sei und bloß noch ein paar Stunden die Woche arbeitete – mehr aus Passion als Notwendigkeit – und das dies der Verlagsleiterin ganz recht war, weil sie sich einen Personaler sonst gar nicht leisten könnte. Anne hob die Augenbrauen. Sie war über die Offenheit des Mannes erstaunt. Zwar war es kein Geheimnis, dass es den meisten auf klassische Autoren spezialisierten Verlagen derzeit nicht sonderlich gut ging, aber sie war es gewohnt, dass alles getan wurde, um diesen Umstand zu kaschieren. Herr Sarim bemerkte ihre Verwunderung.
„Es sind schwierige Zeiten, das dürfte niemand so gut wissen wie Sie. Die meisten Verlage versuchen auf den neuen Zug aufzuspringen, aber so viele qualifizierte Gedankenschreiber gibt es nicht, die Technologie und das nötige Netzwerk ist laut der Chefin für kleine Verlage viel zu teuer. Uns alten Verlagen laufen die Leser genauso fort wie die Mitarbeiter. Aber das bringt mich zu meiner ersten Frage: Ich kann ihnen gar nicht sagen, wie überrascht ich war, als ich Ihre Bewerbung in Händen hielt.“
„Ich glaube nicht, dass ein Medium so einfach verschwindet. Es gibt noch immer Radio, Fernsehen, Schallplatten – es wird auch immer Bücher geben“, beschwichtigte Anne und blickte betreten zur Seite.
Herr Sarim lachte für sein Alter erstaunlich kraftvoll auf. „Sie dürfen mich nicht missverstehen. Ich mache Sie nicht verantwortlich für die Herausforderungen meiner Zunft – das ist der Lauf der Dinge – aber ich sollte, nein, ich muss verstehen, warum die Frau, die das bedeutendste Medium des Jahrzehnts so maßgeblich mitgeprägt hat, die wahrscheinlich fürstlich dafür entlohnt wurde und der alle Türen offen stehen sollten, sich jetzt damit zufrieden geben will, ihren Unterhalt damit zu bestreiten, in einem kleinen Krimiverlag hoffnungsvolle Autoren zu betreuen, die nie von ihren Tantiemen allein werden leben können.“
Anne hatte sich auf diese Frage umfassend vorbereitet. Sie war schließlich Profi, Herr Sarim allerdings auch und so war er es, der das Gespräch gleich wieder aufnahm und Klartext sprach: „Sehen Sie, es ist nicht meine Absicht, persönlich zu werden, aber die Stelle, die wir besetzen möchten, sollte wenn möglich nicht so bald wieder vakant sein. Sie sind über alle Maßen qualifiziert, ein Glücksgriff, vielleicht sogar ein Segen für diesen Betrieb, aber wenn Sie nur aus einer Laune heraus mit mir an diesem Tisch sitzen, kann ich Sie nicht einstellen. Also verzeihen Sie mir folgende Frage: Hat Ihr Wunsch, sich auf eine eher gemächliche Position wie die von uns ausgeschriebene zurückzuziehen, einen besonderen Grund?“
„Sie meinen Erdans Tod?“, fragte Anne zurück und war sich nicht sicher, ob sie die Frage wirklich verzeihen sollte, aber als sie Herrn Sarim direkt in die Augen sah, kaufte sie ihm das dort glimmende Bedauern ab.
„Trauer überwindet man irgendwann“, erwiderte der alte Mann. „Und dann ist man wieder bereit für neue Abenteuer und ich sitze hier mit einem neuen Bewerber oder einer neuen Bewerberin.“
„Das wird nicht passieren. Ja, ich trauer‘ um Erdan, das ist normal, denke ich, wenn man so lange mit jemandem zusammengearbeitet hat. Aber mit diesen Dingen werde ich fertig, üblicherweise indem ich mich auf meine Arbeit konzentriere. Das ist jedoch mein Problem – ich möchte unbedingt weiter im Literaturbetrieb arbeiten, aber auf keinen Fall mehr mit Gedankenschreibern“, erklärte Anne und fühlte ihre Anspannung ab- und eine gefährliche Ruhe in sich aufsteigen. Sie kannte dieses Gefühl. Es trat manchmal auf, wenn sie unter besonderem Stress stand und schien eine Notreaktion ihres Körpers zu sein, um mit derartigen Situationen fertig zu werden. Sie verlor dann alle Angst, war nur noch sie selbst und hatte in diesem Zustand in ihrem Leben die klarsten Gedanken gehabt und die größten Triumphe gefeiert – aber auch einige der herberen Niederlagen einstecken müssen, weil sie zu großen Risiken eingegangen war.
„Was stimmt denn nicht mit der Gedankenschreiberei?“, fragte Herr Sarim und sprach dann, als Anne erneut schwieg, wieder selbst weiter: „Ich schlage Ihnen einen Deal vor. Sie erzählen mir so ehrlich wie menschenmöglich, warum sie jetzt vor mir sitzen und ich versichere Ihnen, dass ich Sie einstellen werde, wenn ihre Gründe stichhaltig sind. Möchten Sie einen Kaffee?“
Anne nickte und wägte das Angebot ab, während der alte Mann kurz verschwand. Sie war dankbar für diese kurze Bedenkzeit, die er ihr damit eingeräumt hatte. Als er wiederkam, setzte er den Kaffee wortlos vor ihr ab, sich selbst wieder auf die andere Seite des Schreibtischs und lächelte sie leise an. Die Falten auf seiner Stirn vertieften sich erwartungsvoll.
„Wissen Sie, wie Erdan starb?“, fragte Anne.

„Herr Greschlan ist während eines Urlaubes bei einer Schießerei auf den Straßen Mexiko Citys zufällig zwischen die Fronten geraten und ums Leben gekommen. Nicht grade gewöhnlich, aber auch nicht der erste Tourist, der den Drogenkriegen zum Opfer gefallen wäre.“
„Sie wissen, wie die Technik des Gedankenschreibens funktioniert und welche Anforderungen an einen Gedankenschreiber gestellt werden?“

„Die Gedanken eines Menschen werden angezapft und direkt verschriftlicht, dann live an die Leser gesandt, so wie eine Fernsehsendung. Das heißt, man braucht jemanden, der recht spannend und kohärent träumt und mit der Technik kompatibel ist, denke ich“, murmelte Herr Sarim und Anne mutmaßte, dass ihn die technischen Details der neuen Technologie nicht sonderlich interessierten. Ab einem gewissen Alter schienen die Menschen alles für eine Wiederholung bereits Gewesenen zu begreifen und ließen sich nicht mehr so leicht begeistern. Aber jetzt war es wichtig, dass Herr Sarin auch die Details verstand, also begann sie zu erklären: „Tatsächlich ist die Technik selbst mit jedem Menschen kompatibel. Er wird mit einem Gerät verkabelt, dass nicht größer ist als ein Reisekoffer. Nach einer gewissen Kalibrierungszeit kann der Computer die innere, gedankliche Stimme, die der Mensch besitzt, lesen und ausgeben – nicht seine Träume, vielleicht eher eine professionelle Trance. Das Problem ist jedenfalls nicht die Technik, sondern das, was der Gedankenschreiber produziert. Das, was dieses Medium so interessant für die Leser macht, ist die Authentizität. Kein Lektor, keine Show, nur das, was dieser Mensch einem gedanklich mitteilen will, ungefiltert.“

„Sie können nicht eingreifen?“

„Wenn man das täte, verlöre man sein größtes Verkaufsargument. Das einzige, was mein ehemaliger Arbeitgeber immer hatte, war ein wachsames Auge auf dem Lesegerät und eine Hand auf dem Ausschalter der gesamten Anlage.“

„Dieses Land liebt den Gedanken an ein Genie, an einen Schöpfer“, murmelte der Alte und nickte.

„Erdan war tatsächlich so etwas wie ein Genie, im Sinne eines besonders disziplinierten Geistes. Es gibt nur wenige Menschen, die die nötigen Anforderungen an diesen Job erfüllen. Ein Gedankenschreiber muss eine sinnvolle, kohärente Geschichte erzählen können – in Gedanken. Mit allen Eindrücken, Gefühlen, Beschreibungen und spannenden Wendungen. Wenn es funktioniert, ist das Ergebnis ein ehrlicher Gedankenstrom, der den Leser mitreißt. Wenn nicht: unzusammenhängender Unfug, mal zu pathetisch, mal viel zu simpel. Normale Autoren sind in erster Linie viel zu handwerklich, ihre Phantasie enttäuscht die meiste Zeit. Gedankenschreiber sind Märchenonkel, die ihre Geschichten im Prozess entwickeln. Das verleiht dem Lesen einen Eventcharakter.“

„Ja, soviel habe ich der Werbung entnehmen können“, unterbrach sie Herr Sarin.

„Dann sind da neben diesen kreativen Ansprüchen noch die rechtlichen Probleme: Copyrights und Persönlichkeitsrechte. Es reicht nicht, eine stringente Geschichte zu erzählen, sich in Trance zu denken und im Fluss zu bleiben, man muss Kontrolle darüber haben, muss all diese Dinge beachten. Das klappt nicht immer und hinter den Kulissen ist neben der Technik die Rechtsabteilung der größte Posten“, erzählte Anne, aber Herr Sarim warf etwas ein.

„Und Lobbyismus, nehme ich an? Um diese wacklige Rechtslage für dieses Medium in Ihrem Sinne zu klären?“, fragte er neugierig.

„Sie ist schon in unserem Sinne, mehr oder weniger. Die Tatsache, dass sich nicht jedes Unternehmen eine so große Rechtsabteilung leisten kann, ist eine extrem effektive Marktbereinigung.“

„Verstehe.“ Herr Sarin nickte. „Und was ist nun mit unserem Genie, Herrn Greslan, passiert, dass sie an ihrem Job so zweifeln lässt?“, fragte er und nippte an seinem Kaffee. Sein Blick hatte sich gesenkt.

„Es gibt ein paar Tricks, mit deren Hilfe man sich die Sache als Gedankenschreiber vereinfacht. Man lässt die Geschichte gerne an fremden Orten spielen, weil man dann unterbewusst exotisch denkt und nicht mit den heimischen Marken, Gegebenheiten und Personen verflochten ist. Außerdem überlegt man sich einen groben Plot natürlich vorher, skizziert Szenen. Letztendlich aber ist es Übung. Übung in einen entsprechend kontrollierten und disziplinierten Gedankenfluss zu kommen. Neben der Öffentlichkeitsarbeit war genau das meine Aufgabe. Ich habe Erdan zugehört, wenn er geübt hat, Feedback gegeben. War Lektor des Prozesses, weniger des Inhaltes.“ Anne erzählte weiter, wie besessen Erdan probte – manchmal vergaß er sogar seine Mahlzeiten – wie ihr dann irgendwann kleine Merkwürdigkeiten in Erdans sprachlichem Verhalten aufgefallen waren. Zunächst hatte sie es noch für ein Hirngespinst gehalten, ein Resultat ihrer übereifrigen Analyse– Anne, die Lektorin, die plötzlich überall Muster sah. Aber dann merkte sie, dass Erdans Sprache tatsächlich in allen Lebenssituationen literarisch wurde. Erdan, der, wenn man mit ihm redete, plötzlich diesen abwesenden Blick zur Schau stellte, den Kinder auf Bildern zeigen, wenn man sie beim Fernsehgucken fotografiert. Erdan, der eines Abends eine Glasmurmel in Händen hielt und ihre Rein- und Klarheit pries, als wäre er ein junger Poet, der die Dichtkunst noch als unbeholfene Pfauenfederkrone verwendet, um eine Dame zu verführen. Aber all das waren nur Kleinigkeiten, die Anne als seltsame, aber doch irgendwie verständliche Nebeneffekte eines überarbeiteten Perfektionisten abtat. Doch dann trat sie eines Tages in sein Zimmer und wurde von ihm voller Überzeugung als ‚Lucy‘ angesprochen und gebeten, seine Wäsche zu waschen. Wäre er bloß verwirrt gewesen, hätte sie ihn zu Bett geschickt, aber sie wusste sofort, mit wem er sie verwechselte. Lucy war ein Figurentwurf aus einem Science Fiction Gedankenstück, an dem er sich am Abend zuvor versucht hatte, genau genommen ein Haushaltsroboter. Dazu hatte Erdan ihr immerzu einen Bleistift vor die Nase gehalten und sich beschwert, dass sein Vibro-Rasier nicht funktioniere. Anne hatte sofort einen Psychologen kommen und diesen eine gesonderte Verschwiegenheitsklausel unterschreiben lassen. Doch Erdan war nach kurzer Zeit wieder einigermaßen klar gewesen und die Symptome verschwanden zunächst, oder integrierten sich in schwächerer Form seiner Persönlichkeit, wie Anne zu beobachten glaubte. Die Episoden kamen jedoch nach einer Weile zurück und dieses Mal rissen sie Erdan fast fort. Er schrie seinen Kamin an, drohte dem Höllenfürsten im Klosett, baute sich eine Burg aus Büchern, in der er sich wie ein kleiner Junge versteckte – jedes Mal schien er in einer seiner Gedankenwelten festzustecken. Trotzdem wollte er von seinem exzessivem Proben nicht lassen, egal, wie sehr sein sein Gefühl für die Wirklichkeit erodierte. Zu groß war seine Angst vor der Konkurrenz, die in der Gedankenschreiberei ein lukratives Geschäft witterte. Zu stark sein Wille, der Beste zu sein. Irgendwann stand die Polizei mit Erdan vor der Tür des riesigen Apartments, in dem er mit Anne und seinem Koch wohnte. Erdan hatte in einem Spielwarenladen allen Puppen die Köpfe abgerissen, bis ihn der Inhaber des Ladens mithilfe einiger Angestellte stoppte und die Polizei rief. Er redete wirr, behauptete gegenüber den Beamten, die Kinder vor den Drogen schützen zu wollen, die in den Puppen versteckt seien. Er habe mitnichten gewollt, dass die Kinder in Gefahr gerieten – die würden sich doch alles sofort in den Mund stecken.

„Wieder eine seiner Geschichten, nehme ich an?“, hakte Herr Sarin nach.

„Ja, es war eine Geschichte, die er am Tag zuvor als Übung erst begonnen und dann doch abgebrochen hatte. Es ging um einen Gangsterboss, der Drogen in Spielzeug schmuggelt, dem aber eines Tages eine Lieferung abhandenkommt, die er zunächst wegen des drohenden Verlustes und der Angst entdeckt zu finden sucht und schließlich aber auch, weil er – selbst grade Vater geworden – um die Sicherheit der Kinder fürchtet.“

„Warum hat er sie abgebrochen?“

„Er war unzufrieden mit ihr. Er hatte sich – und bitte lachen sie jetzt nicht, dazu ist es zu tragisch – er hatte sich seiner Meinung nach zu sehr mit der Hauptfigur identifiziert. Er hielt es für einen Gedankenschreiber-Anfängerfehler, wenn die Hauptfigur zwingend zum Helden wird, weil er glaubte, dass dies selten kontrolliert geschähe, sondern eher einem unterbewussten Impuls jedes Menschen entspräche, geliebt und anerkannt werden zu wollen.“

Herr Sarin nickte verständnisvoll .

„Das muss die Hölle für sie als seine Vertraute gewesen sein“, bemerkte er. „Das ist wahrscheinlich so ähnlich, wie wenn ein enger Verwandter senil wird.“

„Allerdings. Ich hatte furchtbare Angst, dass er als nächstes denken würde, er könne fliegen und sich irgendwo herunterstürzt. Wegen der Geschichte im Spielwarenladen ließen wir jedenfalls das Gerücht streuen, er hätte betrunken randaliert – anscheinend dürfen Künstler nicht erst seit Hemmingway über die Stränge schlagen. Es wurde ihm jedenfalls sehr schnell von der Presse verziehen.“

„Ich erinnere mich“, bestätigte Herr Sarim.

„Ein paar Tage später hielt er seinem Koch eine emotionale Antrittsrede und ließ sich von ihm als Präsident Ungarns vereidigen.“, erzählte Anne weiter. „Das war der Zeitpunkt, an dem mir klar war, dass er dringend etwas Abstand brauchte.“

„Einen Urlaub? In Mexiko?“

„Ja, einen Urlaub in Mexiko. Er wollte durch ein paar abgelegene Ecken Lateinamerikas schweifen und Eindrücke sammeln. So hätte er das Gefühl gehabt, wenigstens etwas für seine Karriere zu tun, ohne wirklich zu üben.“

„So besessen sind unsere Autoren noch nie gewesen, höchstens so spleenig“, schmunzelte Herr Sarin. Anne sah ihm diese Gefühlsregung nach, ihr geübtes Lektorenohr hörte die Ironie in dieser Geschichte selbst pochen.

„Ich schätze mal, das ist noch nicht alles, oder?“, fragte der Personaler. „Er ist nicht einfach nach Mexiko geflogen, morgens über die Straße gegangen und einfach ein schlechtes Timing gehabt, als aus einem vorbeifahrenden Auto geschossen wurde?“

Anne schüttelte den Kopf.

„Es war zwei Uhr in der Früh, als er mich aus seinem Urlaub heraus anrief. Ich war völlig übermüdet, hatte seine Abwesenheit ausgenutzt, mein Sozialleben mal wieder etwas anzukurbeln. Ich hatte ihn sonst kaum aus den Augen gelassen, seit er diese geistigen Ausfälle hatte. Also gehe ich schlaftrunken ans Telefon, frage wer dran ist, obwohl ich es trotz meiner Müdigkeit eigentlich schon ahne. Dann höre ich dann auch seine Stimme aus dem Handy, dass ich aus Gründen der Bequemlichkeit laut gestellt habe. Und ich höre ihn fragen – in einem grässlich falschen, mexikanischen Akzent – ob ich eine ‚Sonderlieferung‘ klarmachen könnte. Er nannte mich Salvatore und wunderte sich nicht, dass ihm eine Frauenstimme antwortete, stattdessen wurde er wütend, als ich auf seine Fragen nichts antworten konnte.“

Herr Sarin seufzte leise.

„Auf einmal hörte ich neben seiner Stimme noch ein paar Spanisch sprechende Männer, die laut riefen, dann schepperte es und ich hörte ihn schreien, dann wurde aufgelegt“, erzählte Anne weiter.

„Was genau ist passiert? Wollte er Drogen verkaufen?“

„Nein, Waffen. Niemand weiß genau, was passiert ist, aber laut Polizeibericht ist er in eines der ’sicheren Häuser‘ eines Kartells in Cualican gestiefelt und wollte den dortigen Mitgliedern deutsche Waffen verkaufen.“

„Er sprach Spanisch?“, fragte Herr Sarin verwundert.

„Höchstens ein paar Brocken.“

„Und dann haben sie ihn über den Haufen geschossen?“ Der alte Mann schüttelte den Kopf.

„Nein, erst haben sie ihn anscheinend gefoltert, wollten wissen, wer er ist, konnten nichts mit ihm anfangen. Ich habe natürlich sofort die Polizei verständigt, das Auswärtige Amt, einfach jeden, von dem ich mir halbwegs diskrete Hilfe erhoffte. Einen Tag später wurde er dann auf offener Straße erschossen, während sie ihn an einen anderen Standort verlegen wollten. Ein Überfall eines feindlichen Kartells. Erst drei Tage später erfuhren wir, was mit ihm geschehen war.

„Er ist während der Folter nicht zu sich gekommen?“

„Das weiß man nicht. Die Täter sind auf freiem Fuß, es heißt nicht umsonst ‚Drogenkrieg‘. Aber selbst wenn, was hätte es genutzt? Was hätte er ihnen erzählen sollen?“

„Warum ist er alleine gereist?“

„Eigentlich sollte rund um die Uhr jemand zu seiner Betreuung da sein, aber eines Morgens ist er einfach aus dem Hotel gestiefelt und verschwunden.“

„Und Sie glauben, es ist die Gedankenschreiberei, die ihn hat verrückt werden lassen?“ Herr Sarin griff sich grübelnd ans Kinn.

„Offiziell hatte er bloß eine Psychose, auch wenn wir selbst das bislang noch vor der Presse verheimlichen konnten. Aber ich bin mir sicher, dass selbst wenn es eine entsprechende Veranlagung seiner Psyche gab, es seine Arbeit war, die sie hat ausbrechen lassen“, erklärte Anne und trank den letzten Rest ihres inzwischen deutlich zu kalten Kaffees.

„Und deswegen möchten Sie hier arbeiten?“, fragte Herr Sarin

„Ja“, antwortete Anne knapp.

„Nun, ihre Ehrlichkeit soll belohnt werden“, sagte der Alte mit ernster Miene. „Wenn Sie möchten, haben Sie den Job. Ich habe noch genau ein weiteres Gespräch nach Ihnen, aber ich bin mir sicher, dass Ihre Qualifikationen alle anderen Bewerber ausstechen. Und ich verspreche, dass ich dieses Gespräch vertraulich behandeln werde.“

Anne nickte dankbar. Die üblichen Fragen eines Vorstellungsgespräches blieben ihr erspart. Herr Sarin schien die für ihn wichtigen Dinge aus ihrem Gespräch bereits erfahren zu haben. Er stellte das Unternehmen noch kurz vor – obwohl Anne sich bereits ausreichend informiert hatte und nicht viel neues erfuhr – dann sprachen Sie über Gehaltsfragen und handelten das nötigste ab. Der Personaler versprach, sich noch in dieser Woche mit allen nötigen Unterlagen zu melden. Als er Anne zur Tür begleitete, formulierte er aber doch noch eine Frage: „Glauben Sie, dass diese Sache der Gedankenschreiberei zum Verhängnis wird?“

Anne schnaubte. „Die Amerikaner wissen seit Jahrzehnten, dass ihre Footballspieler schwere Hirnschäden durch den Sport davontragen – haben sie deshalb aufgehört zu spielen?“, fragte sie, während sie dem alten Mann zum Abschied die Hand schüttelte. Herr Sarin nickte verstehend. Anne verabschiedete sich höflich, trat nach draußen und lief mit schnellen Schritten die Treppen des Gebäudes hinunter. Erst nach einigen Metern, jetzt schon auf dem Bürgersteig, wurde sie langsamer und bemerkte, dass sie in die falsche Richtung lief. Das Vorstellungsgespräch hatte sie doch deutlich mehr mitgenommen, als sie erwartet  hatte. Sie entschied, den Heimweg dem milden Frühlingstag entsprechend zu Fuß zu gehen und ihre Gedanken zu ordnen. Sie hatte die Vorkommnisse eigentlich nicht noch einmal schildern wollen, genau genommen hatte sie ihre Geschichte noch niemandem vollständig erzählt und selbst jetzt einige Details ausgeklammert. Dass sie es gewesen war, die Erdan dazu genötigt hatte, in den Urlaub zu fahren und ihm gedroht hatte, sie würde für die Konkurrenz arbeiten, wenn er es nicht täte. Dass Erdan sie inständig gebeten hatte, mit ihm zu fliegen, sie sich aber nach den Strapazen seiner Psychosen seinen Urlaub genau so sehr für sich selbst wünschte – die Vorwürfe, die sie sich seitdem machte.

Herr Sarin hatte glücklicherweise keine weiteren unangenehmen Fragen gestellt. Sie hätte es unerträglich gefunden, alle Selbstzweifel noch einmal durchzukauen. Hatte sie den Job über Erdans Sicherheit gestellt, als sie die ersten Probleme bemerkt hatte? Hatte ihre Diskretion in dieser Sache andere Gedankenschreiber gefährdet? War sie als seine engste Vertraute nicht der einzige Mensch gewesen, der ihn hätte retten können? Aber hatte sie dies nicht versucht, als sie ihn in den Urlaub zwang? Ob sie mitgefahren wäre oder nicht, hätte ohnehin nichts geändert, dachte sie und in diesem Moment entschied ihr Unterbewusstsein, bei dieser Version der Geschichte zu bleiben

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