Dierk Seidel
Was bleibt, wenn die Toten Hosen nicht mehr sind?
Wie alles anfing
Ich erinnere mich an ein Konzert in Bremerhaven. Meine älteren Schwestern waren ganz aufgeregt. Ich hatte vorher keine Lust gehabt. Wir saßen weit hinten auf der Tribüne der Stadthalle. Es war noch etwas Zeit, bis das Konzert beginnen sollte, und mein Vater las Perry Rhodan. Meine Schwestern beklagten sich, dass wir ja viel zu weit hinten säßen. Meinem Vater war das aber alles ganz recht so. Er erzählte von Konfirmanden, die bei den Toten Hosen weit vorne waren, und er nannte eine Dezibelzahl, die ich nicht mehr weiß. Es soll sehr laut gewesen sein. Ich stellte mir damals vor, dass das komplette Konzert der Hosen klang wie eine riesige Baustelle, auf der alle möglichen Maschinen durcheinander arbeiteten. Erst später, als ich die Hosen schätzen lernte, begriff ich, dass meine Vorstellung eher eine Kombination aus Rammstein, den einstürzenden Neubauten und Apocalyptica war. An das Konzert selbst kann ich mich nicht erinnern. Ist vielleicht auch besser so. Es war ein Kelly Family Konzert.
Ein paar Jahre später und das erste Konzert
Das Album »Opium fürs Volk« und »10 kleine Jägermeister« hatte ich irgendwie verpasst, aber das Lied »Bayern«, das kannte ich, das wollte ich öfter hören. Im CD-Geschäft meines Vertrauens kaufte ich vom hart ersparten Taschengeld das Album »Unsterblich« und trug dazu bei, dass dieses Album auf Platz 1 der Albumcharts gelangte. Das war der Einstieg, doch so richtig begann meine Beziehung zu den Hosen erst drei Jahre später.
Im August 2002 sollte es sein: Mein erstes Toten Hosen-Konzert in Aurich Tannenhausen
Die Karten kauften wir nicht online, sondern beim Ticketshop der Lokalzeitung. Es war die Auswärtsspieltour, die Hosen hatten eine Kollaboration mit der Brauerei Diebels und ihre Konterfeis waren auf den Dosen abgedruckt. Lange Zeit bewahrte ich sie ehrfürchtig auf, um sie letztlich doch zu entsorgen.
Wir, meine große Schwester, mein Kumpel Gregor und ich, fuhren mit einem übervollen Bus von Leer (Ostfriesland) nach Aurich. In Aurich wollten wir dann Frank, seinen Vater und Bert und Rudi treffen. Auf dem Weg sangen wir auf die Melodie des Refrains von »Alles wird gut« die Zeilen wir sind auf dem Weg nach Aurich Tannenhausen, auf dem Weg zum Hosenkonzert. Beim Konzertgelände angekommen, trafen wir Frank und den Rest der Bande. Es war etwa 15 Uhr und das Altbier stieg uns schon etwas zu Kopf. Gregor nahm seinen gelben Borussia Dortmund-Rucksack einfach so mit hinein und gab ihn an einem Pommesbudenwagen ab. Nun waren wir bereit. Die Vorbands wollten wir nicht hören. Aus heutiger Sicht nicht ganz fair, riefen alle bei Fury in the Slaughterhouse gen Ende immer wieder: Wir wollen die Hosen sehen! Während der Vorbands regnete es in Strömen. Wir waren klitschnass. Ich verlor mein T-Shirt. Eine Gruppe Frauen schenkte mir ein riesiges weißes T-Shirt mit einem Papagei drauf. Es diente mir lange Zeit als Schlafshirt. Fury in the Slaughterhouse verließen die Bühne, kurze Umbaupause, der Regen stoppte. Das damalige Intro lief über die Lautsprecher, eine Art Sirtaki-Melodie. Wie auf einem Piratenschiff wurde die schwarze Flagge mit dem weißen Adlerskelett gehisst. Andächtig starrte ich die Flagge an. Jetzt ging es los. Mein erstes Hosenkonzert. Die Bühnenscheinwerfer gingen an, die Band rannte auf die Bühne und die ersten Takte von »Auswärtsspiel« begannen.
Ich verlor meine Freunde und meine Schwester. Das Konzert muss gut gewesen sein, aber mir fehlt heute jegliche Erinnerung. Es ist ja schon ein paar Tage her. Ich weiß aber noch, dass Campino sagte, sie seien schon einmal in Ostfriesland gewesen. Solle nochmal einer sagen, die Ostfriesen seien dumm. Als er in die Menge sprang, gingen alle zur Seite. Diesmal in Aurich Tannenhausen verzichtete er lieber.
Am Ende war ich ausgelaugt, hatte höllischen Durst und keine Ahnung, wo mein Bus war. Einer, der auf der Hinfahrt im Bus neben mir gesessen hatte, gab mir eine Cola aus. Wir gingen gemeinsam zum Bus. Ohne ihn hätte ich den Bus vermutlich verpasst. Meine Schwester und mein Kumpel verpassten ihn. In Leer angekommen, kramte ich in meinen Hosentaschen, suchte meinen Haustürschlüssel, aber außer dem durchweichten Fetzen Papier, der als Busticket diente, hatte ich nichts dabei. Geld und Schlüssel waren im Rucksack in der Pommesbude. Meine Mutter war übers Wochenende weg. Also ging es zu Frank nach Hause. Der war zwar auch noch unterwegs, aber seine Mutter war da, das wusste ich. Franks Mutter war kurz überrascht, setzte dann schwarzen Tee an und ich berichtete vom Konzert. Eine halbe Stunde später flog die Küchentür auf, Frank und sein Vater platzten rein und blickten ungläubig auf mich. Da saß ich in einem viel zu großem Papageien-T-Shirt und trank Ostfriesentee. Was man eben so macht nach einem ersten Toten Hosen-Konzert in Ostfriesland. Später ging ich Richtung Bahnhof. Mal gucken, ob die Räder von Gregor und meiner Schwester noch da waren. Ein Großraumtaxi hielt. Die beiden und sechs weitere Hosenfans stiegen aus. Was für ein Timing. Es war 2002. Handys Fehlanzeige. Gregor öffnete seinen Borussia Dortmund-Rucksack und gab mir meine Sachen und ein lauwarmes Bier.

Mit Kontaktlinsen zurück zum Glück
Das nächste Konzert war in Oldenburg, nur wenige Monate später. Zwei Jahre danach folgte schon das Album »Zurück zum Glück«, eine neue Tour, die Friss oder Stirb-Tour, und mein Konzert Nr. 3 in Bremen an meinem 18. Geburtstag. Das Konzert in Bremen habe ich noch sehr genau vor Augen.

Bevor es zum Zug ging, schaute ich beim Augenarzt vorbei und ließ mir Tageskontaktlinsen einsetzen. Pogen und dabei die Band sehen können, an meinem 18. Geburtstag sollte alles perfekt sein. Wir trafen uns am Bahnhof. Acht Freunde, zwei Kästen Bier und ein Ghettoblaster mit acht sehr dicken Batterien. Das konnte nur gut werden. Die Musik lief laut und wir sangen ordentlich mit. Kurz nach dem Halt in Oldenburg kam ein Getränke- und Snackverkäufer vorbei.
»Nun macht mal die Musik etwas leiser. Will ja nicht jeder diesen Krach hören.«
Wir drehten leiser. In Hude kam der Schaffner sehr wütend in unseren Wagen.
»Mein Kollege hat euch gerade gesagt, dass ihr die Musik ausmachen sollt. Ihr fliegt im nächsten Bahnhof raus.«
»Moment mal«, sagte ich, »ihr Kollege sagte, leiser machen.«
»Willst du sagen, ich lüge?«
»Ja, das kann…«, da unterbrach mich Frank.
»Lass gut sein.«
Der Schaffner polterte weiter: »Musik aus oder raus.«
Wir gaben nach. Kurz nach Delmenhorst grinste Rudi und drehte den Blaster wieder auf.
»Wenn er uns jetzt rausschmeißt, fliegen wir in Bremen raus. Das wäre perfekt.«
Wir verstauten unsere Sachen in Schließfächern am Bahnhof, brachten eine Pfandkiste zu Edeka, holten uns noch neues Wegbier und ich zeigte mit Stolz meinem Perso an der Kasse vor. »Bier gibt’s schon mit 16, das weißt du aber?«, sagte die Kassiererin. Rudi kaufte sich noch ein Ticket bei einem Typen vor dem Bahnhof für den halben Preis und dann strömten wir der Menge hinterher in die Stadthalle. Die Vorband war Gluecifer, eine recht berühmte norwegische Band. Ich kannte sie dennoch nicht. Frank flog bei der Vorband raus. Zu heftig gepogt. Muss man sich mal vorstellen, auf einem Hosenkonzert. Sind ja auch Familien hier, habe der Security gesagt, der ihn durch die Katakomben der Halle nach draußen gezogen hatte. Nach viel Bettelei durfte er wieder rein. Ich war etwas betrübt, Frank war weg und alle anderen außer Keno hatten sich irgendwo im Nirgendwo verteilt. Außerdem standen Keno und ich recht weit hinten, hinter dem zweiten Bühnengraben im Familienbereich. Ich dachte an Edeka und wedelte mit meinem Ausweis hin und her. »Ich bin jetzt achtzehn, darf ich nach vorne? Heute Geburtstag!«
Der hünenhafte Securitymann blickte auf meinen Ausweis. Nickte, streckte seine Arme aus, packte mich unter den Schultern, hob mich mit gestreckten Armen hoch, drehte sich und setzte mich im Bühnengraben ab.
»Lauf an den Rand, sag, dass ich dich geschickt habe, dann kommst du nach vorne.«
»Danke, und was ist mit ihm?« Ich zeigte auf Keno.
»Spinnst du, der ist riesig, vergiss es.«
Ich winkte Keno zu und rannte zum Rand. Diskutierte mich dort durch und war in der ersten Welle. Beim Lied »Walkampf« paddelte Campino auf einem Schlauchboot direkt an mir vorbei. Viele versuchten, ihn zu berühren. Ich dachte nur, hoffentlich fällt er nicht auf mich drauf. Kurz vor Ende des Konzertes waren alle Freunde wieder da. Nach dem Konzert mussten wir durchhalten bis zum ersten Zug. Wir vertrieben uns die Zeit im Irish Pub am Bahnhof. Billy, erfahrener Kontaktlinsenträger, friemelte mir auf der Toilette meine Linsen raus und gegen fünf Uhr saßen wir völlig erschlagen im Regionalexpress nach Leer. Die Musik blieb diesmal aus.
Danach folgten 13 Konzerte und im Sommer kommen noch drei weitere dazu. Mit den Konzerten kamen auch neue Freunde. Mit Bjarne war ich 2009 in Kiel. Dort hörten wir begeistert die Vorband: Es waren die Donots. Es folgten viele gemeinsame Konzerte und Festivals. Beim Jubiläumskonzert im Bremer Schlachthof zum 30. Geburtstag der Hosen trafen dann alte Freunde auf neue Freunde. Und es war das erste Hosenkonzert, bei dem meine Frau dabei war. Wie oft wir beim Kartenkauf alle an unseren Rechnern F5 gedrückt hatten, weiß ich nicht mehr, aber alle, die mitwollten, konnten dabei sein. Wir hatten Glück. Ca. 950 Leute passten hinein für 19,82 €. Als Vorband gab es die Hosen selbst unten im Magazinkeller mit Videoübertragung nach oben. Nur Bjarne hatte mehr Glück als wir anderen. Auf seiner Karte war der Zugang zum Magazinkeller. Das Konzert begann mit dem Wahren Heino und danach war es ein durchgehendes Gedränge. Zwischen Bühne und hörsaalartiger Tribüne war nur ein schmaler Schlauch, Gedränge nach vorne, nach hinten, einfach überall hin. Ich erinnere mich, dass es zwei neue Lieder gab, sie kamen eher mäßig an, manche Lieder brauchen etwas Zeit. Das eine war »Tage wie diese«.
27 Jahre, bin ich der Drummer?
Und jetzt? Jetzt haben die Toten Hosen ihr letztes reguläres Studioalbum veröffentlicht. Diese Band, die mich seit 27 Jahren begleitet, verkündet selbst ihr Ende, ohne dass sie es wirklich Ende nennt. Die Hosen sind da ein wenig widersprüchlich. Einerseits das große letzte Album, anderseits die Aussage, dass sie immer eine Band sein werden, egal, ob sie aufnehmen oder auftreten oder eben nicht. Die Toten Hosen waren immer ein Haufen Freunde. Klar gab es ein paar wenige Wechsel in 44 Jahren Bandgeschichte. Aber selbst der neue Drummer, Vom Ritchie, ist nun schon 27 Jahre dabei. Also exakt so lange wie ich. Bin ich der Drummer?
Die Toten Hosen bedeuten Freundschaft. Mit Frank war ich auf acht Konzerten. Im Gedränge in der Menge verlieren wir uns immer mal wieder, doch irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem das Lied »Freunde« gespielt wird. Frank taucht dann auf, steht völlig verschwitzt neben mir, das T-Shirt in seinen Gürtel geklemmt, wir singen lauthals mit, liegen uns in den Armen und genießen die Musik, die Menge, das Gedränge und vor allem unsere Freundschaft.
Ich höre viel Musik, auch sehr unterschiedliche Genres. Müsste ich drei Lieblingsbands nennen, wären es The Doors, Queen und die Toten Hosen. Für mich waren die Hosen die Band, die ich noch vollständig live erleben konnte. Das wird nun weniger werden. Noch dreimal in diesem Sommer. Vielleicht noch einmal in 2027. Und dann soll es das gewesen sein? Vor wenigen Jahren, als mal Gerüchte kamen, dass die Band aufhören würde, dachte ich, auch die Stones spielen ja auch noch ewig. Aber scheinbar haben die Hosen andere Pläne.
Das neue Album, das letzte Album
Das neue Album ist ein Abschied, eine Rückschau und ein Blick nach vorn. Und es geht ans Herz. Dass Farin Urlaub, ja, der Farin Urlaub von die Ärzte, den ersten Song schrieb und singt, ist überraschend. Der Song ist für mich mehr Überraschung als ein guter Song, aber das ist okay, er hat Witz und ist ein Witz, der nur einmal zündet. Doch in der Idee, Farin Urlaub das letzte Album der Hosen eröffnen zu lassen, steckt so viel Genialität, das hatte ich definitiv nicht erwartet, und das, obwohl man sich schon vielfach gefragt hat, warum die Ärzte nicht als Gäste auf dem Bonusalbum sind.
Der richtige Opener kommt meines Erachtens erst an zweiter Stelle. »Wir waren nie weg« macht ja sogar noch ein wenig Hoffnung, dass es doch nicht vorbei ist. Sie singen: Wir sind gekommen, um zu bleiben, irgendwann in den Achtzigern, und man merkt, hier beginnt eine Rückschau auf über 40 Jahre Toten Hosen. Eine Rückschau und ein Reflektieren der eigenen Geschichte, die sich durch die meisten der folgenden Lieder ziehen soll. Im zweiten Song wirkt der Sound etwas glatt und kraftlos, aber das Stück hat Tempo. Es folgt »Die Show muss weitergehen«. Der Song, der als erste Single ausgekoppelt wurde, anfangs hörte ich ihn sehr, sehr oft, dann verlor er an Nachhaltigkeit, doch an der Stelle des Albums fühlt er sich absolut passend an. Ich freue mich schon sehr, ihn live zu sehen. Der Song »Schlechte Nachbarn«, ebenfalls vorab veröffentlicht, legt nochmal eine Schippe Tempo drauf. Sowohl beim Thema als auch im Hinblick auf die Riffs und Melodie dachte ich im ersten Moment an das Lied »Gegenwind der Zeit«, doch im direkten Vergleich ist »Schlechte Nachbarn« stärker und musikalisch anders.
»Lass mal nicht machen« erinnert mich am Anfang an den Song »Katastrophen-Kommando« vom Album »Kauf mich« und ganz dezent an »Prominentenpsychose«, eine B-Seite von der Single »Nichts bleibt für die Ewigkeit«. Der Text? Greift Dinge auf, die man besser nicht machen sollte, Weltfrauentag im Rammsteinpullover, die Toten Hosen bei Sing meinen Song. Der Refrain komm lass mal nicht machen ist eingängig, und erinnert zum Teil an die Unsterblich-Zeit, in der viel mit Funny van Dannen gearbeitet wurde. Die Zeilen mit König Charles fein dinieren und oder vielleicht doch lassen darauf hindeuten, dass man einerseits alles nicht so ernst nehmen sollte, was zuvor gesungen wurde, was z.B.: im Hinblick auf Rammstein und andere Aspekte schade wäre, aber eben auch die Erwartungshaltung von Fans und moralischen Zeigefingern thematisiert. Die Hosen, insbesondere Campino, stehen bei zig Dingen immer in der Kritik, sie können gar nicht alles richtig machen, und es werden sicherlich immer mal falsche Entscheidungen getroffen werden, bei denen man im Nachhinein sagen wird, hätten wir es mal nicht gemacht, aber ist halt passiert.
Es folgt die wohl größte Referenz auf einen vergangenen Song: »Was früher einmal war«. Haben die Hosen im »Wort zum Sonntag« damals auf der Damenwahlplatte noch gesungen
Ich bin noch keine sechzig
Und ich bin auch nicht nah dran
Und erst dann werde ich erzählen
Was früher einmal war
räumen sie nun auf und erzählen, was eben früher einmal war. Und wenn die Gitarren am Ende ausklingen, wünscht man sich eine längere Pause, um zu verweilen, in den alten Liedern, in der Erinnerung und doch geht es direkt weiter. Es geht »Nur nach vorn«, ohne Ziel. Dieser Song macht einfach Mut und gibt die Richtung vor, die die Hosen ab jetzt einschlagen werden. Dabei haben sie kein klares Ziel vor Augen und dennoch wird alles gut. Habe in mir diese Hoffnung, alles ist in Ordnung. Was für ein starkes Lied.
»Keine Macht den Proben« mag ich, er funktioniert sicherlich live gut. Im Laufe der Zeit kommt die Melodie so richtig zum Tragen und zeigt wieder mal, dass die Hosen ein Gespür für eingängige Melodien haben. Der Text und Inhalt hauen mich aber nicht so sehr vom Hocker, bis jetzt. Das erledigt dagegen der folgende Song: »Was ist mit uns los«. Er fängt ein bedrückendes Bild von Deutschland ein, klar, hart und aufwühlend. Ohne die dritte Strophe wäre es ein arg düsterer Song, doch hier wird der Zusammenhalt beschrieben, den ich in vielen Liedern und Aktionen der Hosen wiedererkennen kann. Für mich eines der besten Lieder des Albums und eines der besten seit Langem.
Bei vielen Liedern dieses Album suche ich förmlich nach dem Song aus der Vergangenheit, auf den sich die Hosen beziehen, auf die Melodie, die sie wieder aufgreifen oder die Thematik oder intertextuelle Referenzen. Ich kann nicht mal sagen, warum. Es passiert einfach. Beim Lied »Augen zu (Es regnet Blumen)«, dachte ich erst einmal an gar nichts in diese Richtung, ich dachte an einen lieben Menschen, den ich im letzten Jahr verlor und konnte im ersten Durchlauf nicht weiterhören. Durch einen Impuls aus dem Hosenforum sah ich beim späteren Hören eine Referenz zum Refrain aus dem Lied »Unsterblich«, ob gewollt oder nicht, wer weiß das schon. Mit den Liedern »Schicksal und »Glück« werde ich nicht in Gänze warm, ebenso war es mit dem Lied »Ich will«. Doch letzteres ist für mich mittlerweile ganz weit hochgerutscht, so viel Power, stark! Und insbesondere der Drive bei den Schlusszeilen Auf die Berge, in die Täler, durch Paläste und Favelas, alle sieben Meere wollen wir sehen lässt mich sofort lächeln und ich denke einfach nur, Hammer, was für ein Brett.
»Düsseldorf« ist zwar nicht in meinen Top 5 dieses Albums und mein erster Höreindruck war, oh je, ein Karnevalssong. Mittlerweile finde ich ihn recht fluffig und letztlich haben die Hosen schon immer einen starken Bezug zu dieser Stadt, dann kann es auch ein wenig Schlager sein oder Karneval. Kategorien sind doch auch egal. Ich mag den Song.
Das Ende des letzten regulären Studioalbums der Toten Hosen ist fast erreicht und es fällt mir schwer, diese beiden Songs zu beschreiben, gar ein Urteil zu fällen.
»Kein Blatt zwischen uns« wendet sich an all diejenigen, die sich fürs Gute einsetzen, auch wenn der Kampf immer wieder hart ist und gegen Windmühlen geht. Wenn ich dieses Lied höre, muss ich gegen Tränen ankämpfen und ich wünsche mir so sehr, dass sie es bei der Tour im Sommer spielen werden. Funfact: auch hier wieder Bezüge zu einem anderen Lied, achtet mal auf die Gitarre.
Und dann ist da das letzte Lied, »Trink aus«. Das letzte Lied auf dem letzten Album der Hosen, die Band, die ich seit 27 Jahren begleite. Wie kann denn das jetzt vorbei sein? Noch einmal gehen sie wichtige Phasen des Lebens der Band durch und schließen ein Kapitel oder gar ein ganzes Buch. Und als der letzte Ton erklingt, bleibt alles kurz stehen, wir sitzen hier im Wohnzimmer, wir bleiben stumm. In aller Stille denke ich, was wird noch kommen, und ich denke an das, was da mal war.
Was bleibt, wenn die Hosen nicht mehr sind?
Vor wenigen Tagen kam das neue, das letzte reguläre Studioalbum heraus. Ich habe es mittlerweile viele Male gehört und das tut so gut, es ist ein unheimlich gutes Album. Natürlich bin ich betrübt, voll Wehmut, dass es nun vorbei sein soll, aber ich habe in den letzten Monaten selten ein neues Album entdecken dürfen, bei dem ich dachte, das ist wirklich stark, das kann ich mehrfach am Stück hören, und dann kommen die Hosen, und machen das einfach, einfach so. Es ist ein Album, in dem Abschied definitiv Programm ist, aber diesen Abschied machen mir die Hosen so warm, dass ich beinahe denke, gut, dass sie aufhören wollen, denn dadurch haben sie vielleicht dieses runde Album hinbekommen, das ich nach der Dokumentation in der ARD zur Entstehung des Albums ehrlich gesagt nicht erwartet hätte. Nein, eigentlich möchte ich nicht, dass sie aufhören, aber es soll wohl so sein. Bei der Produktion holte sich Campino Hilfe beim Schreiben durch Freunde wie Marteria und Kolja von der Antilopen Gang. Beim letzten und vorletzten Album hat es mich gestört, dachte, Campino müsse das doch selbst besser hinbekommen. Aber jetzt denke ich, nach ca. 360 Songs ist das schon in Ordnung und auf diesem Album ist die Zusammenarbeit, wie groß sie auch immer war, gelungen.
Die Toten Hosen waren Inspiration für viele Bands wie die Donots, die Broilers, Thees Uhlmann und sicher noch einige weitere, die mal dachten, das ist stark, das wollen wir auch. Neben dem sogenannten letztem regulärem Studioalbum haben sie Lieder von anderen Künstler:innen, die sie schätzen und die sie inspiriert haben, mit ihnen eingespielt. Unter anderen mit Wolf Biermann, Bettina Wegner, Hannes Wader und noch vielen mehr. Wolf Biermann ist fast 90. Ich denke 27 Jahre in die Zukunft und frage mich, ob die Hosen dann die sind, die vielleicht nochmal auf einem letzten Album der Donots (die leider nicht auf dem Bonusalbum vertreten sind) oder der Broilers zu Gast sind. Dieses Album hat, überraschend an manchen Stellen, mehr Kraft und Druck als das reguläre Hosen-Album (das sind aber kleine Schwächen, die ich, bei so einem guten Album, ganz entspannt hinnehmen kann) und zeigt, wie viele tiefe Freundschaften die Hosen in den letzten Jahren geknüpft haben.
Was bleibt, wenn die Hosen nicht mehr sind? Statistiker:innen könnten jetzt sagen, so und so viele Lieder und Alben. Ich sage, die Erinnerung, die Musik und die Gefühle, die durch diese Band in mir ausgelöst werden. Ich sage, Tränen, Liebe, Umarmungen, das Anstoßen auf den Konzerten, das Anstoßen auf Freundschaft.
Was bleibt, wenn die Hosen nicht mehr sind?
Freundschaft. Die zählt. Die bleibt. Zu den Hosen, zu Frank, Bjarne, Gregor und den vielen anderen, die mit auf Tour sind, auf meiner Tour.
Zum Abschluss dann doch etwas Statistik:
1. Aurich 03.08.2002 / 2. Oldenburg 20.12.2002 / 3. Bremen, 10.12.2004
4. Meppen 09.07.2005 / 5. Hannover 19.12.2008 / 6. Kiel 10.06.2009 / 7. Bremen 10.04.2012
8. Dortmund 27.12.2012 / 9. Bremen 10.05.2013 / 10. Deichbrand 21.07.2013
11. Düsseldorf 21.10.2013 / 12. Leipzig 22.08.2015 / 13. Bremen 17.11.2017
14. Dortmund, 26.12.2017 / 15. Deichbrand 22.07.2018 / 16. Bremen Bürgerweide 27.08.22
2026
Köln im Juli / Bremen im August / Münster im September