Dierk Seidel
Sekundenscharf
In Island gibt es viele Schwimmbäder. In einem steht an der Wand ein Gedicht von Gunnar Gunnarsson. Es heißt Sundlaug. Schwimmbad. Den Rest kann ich nicht wiedergeben. Ich kann kein Isländisch. Ich sah das Gedicht, als ich meine Brille kurz aufsetzte, um meine Frau zu finden. Ich sah dieses Gedicht für Sekunden scharf.
In der Nähe, nicht weit weg von diesem Ort, dem Schwimmbad, dessen Wand ein Gedicht von Gunnar Gunnarsson trägt, befindet sich ein Museum. Es war früher das Wohnhaus des Schriftstellers Gunnar Gunnarsson. Der verstarb 1975 und das Wohnhaus ist nun ein Museum über den Schriftsteller und ein Museum über eine mittelalterliche Klosterausgrabungsstätte zugleich. Wir wollten es uns anschauen.
Der Museumsleiter sprach uns an, sagte, er könne Deutsch und er würde uns ein wenig herumführen. Da wir aus Deutschland kämen, würden wir Gunnarsson sicherlich kennen, der sei ja in Deutschland sehr berühmt.
Wir drucksten herum. »Wir kennen ihn aus dem Schwimmbad«, sagten wir.
Der Museumsleiter, der Deutsch mit einem Wiener Dialekt sprach, lachte und sagte dann:
»Der Gunnarsson im Schwimmbad ist mehr in unserem Alter.«
Ich freute mich, denn ich hielt den Museumsleiter für etwas jünger als uns. Er fuhr fort: »Der Gunnarsson aus dem Schwimmbad hat sogar mal hier im Museum gearbeitet. Irgendwann, kurz nachdem er aufgehört hatte, rief jemand im Museum an und wollte ihn sprechen. Eine neue Kollegin wusste nichts von Gunnarsson in unserem Alter und sagte am Telefon: Der ist tot, seit 1975. Dann legte sie auf.«