Malte Klingenhäger

Normal

Eine turbulente Zeit steht Ihnen bevor, las ich heute beim Frühstück, denn das Horoskop meiner Tageszeitung hat sich meinem Beruf nie angepasst. Eigentlich war mir gar nicht nach Aufstehen, aber ich kann es mir nicht aussuchen. Und diese Widersprüche, das erkennt man irgendwann, nehmen über den Tag nicht ab. Alles geht seinen Weg.

Malte Klingenhäger Kurzgeschichte: NormalGroße Entwicklungssprünge, angestoßen von großen Geistern und Pionieren, die jenseits dessen denken oder handeln, was die Gegenwart als Norm hinnimmt. Paradigmenwechsel, auf die eine Gesellschaft und irgendwann die Politik reagiert, Gesetze erlässt, Verbote zurücknimmt oder Geld fließen lässt – manchmal alles zugleich. Aber wer setzt um, durch oder gibt aus? Sät, sickert oder versickert der große neue Gedanke? Wo ist mein Platz in der Entwicklung, meine Aufgabe in der turbulenten Zeit? Bin ich der Landwirt, der Motor, Brache? Oder bin ich einfach nur müde?

Es sind immerhin noch ganze 20 Minuten bis zur Mittagspause. 20 Minuten des Ohnmächtig-In-Die-Akten-Starrens, des After-Work-To-Do-Liste-Ausarbeitens, des Silben-Des-Wortes-After-Work-To-Do-Liste-Zählens, des Im-Interwebs-Die-Ex-Stalkens – vor allem aber des Nicht-Arbeitens. Bitte missverstehen Sie mich nicht, ich eifre keinem überkommenem Beamtenklischee nach. Ganz im Gegenteil habe ich den ganzen Morgen gegen dieses Image angeklotzt und meine Konzentration ist nun verzeihlicher weise etwas scheu. Ich brauche eine Pause und dafür brauche ich mich eigentlich auch nicht rechtfertigen, höchstens vor mir selbst. Schließlich mauert auch ein Maurer höchstens zwei Lagen Stein, spätestens dann folgt eine aus Bier und wenn man mein tageszeitabhängiges Leistungstief würde verhindern wollen, dann würde man der Behörde Gleitzeit erlauben – oder in der Kantine Alkohol ausschenken, aber das ist politisch nicht gewollt. So redet man jedenfalls im Büro nebenan. Was für ahnungslose Spinner.

Jedenfalls will ich mir grade meine eigene Mittags-Pausen-Gleitzeit basteln, als dieser Vater seinen Sohn im Rollstuhl hereinschiebt. Der Junge scheint körperlich wie geistig behindert, wirkt aber vergnügt und fröhlich. Der Vater leider nicht.
„Sie müssen uns helfen!“, faucht er anstelle einer Begrüßung und mit dem Müssen hat er durchaus recht, denn das ist schließlich mein Job. Ich entscheide, dass eine ordentliche Begrüßung trotzdem die Mindestqualifikation für diese Hilfe ist und reiche entsprechend meine Hand. Der Vater schüttelt sie knapp, arretiert den Rollstuhl seines Kindes und setzt sich auf den angebotenen Stuhl. Die Ärmel seines karierten Hemdes sind aufgekrempelt, sein bestimmt dreinblickendes Gesicht mit einem offenen Kragen garniert, der krauses weißes Brusthaar entblößt – vielleicht der Chef eines mittelständischen Unternehmens, jedenfalls nicht unzufrieden mit sich und beim Gottesdienst mit Sicherheit nicht in der letzten Reihe aufzufinden. Er scheint zu wissen, was er will und wie er es bekommt. Entsprechend erwartungsvoll beugt der Chef sich vor.

„Und zwar“, beginnt er, „hat mein Sohn an seiner Arbeitsstelle eine neue Funktion zugewiesen bekommen und muss sich jetzt mit zwei anderen Behinderten einen Arbeitsplatz teilen!“ empört er sich. Ich glaube, ich will jetzt schon etwas einwerfen, aber ich entscheide mich dann doch anders und warte ab. Meine Erfahrung verspricht mir leise flüsternd: Es wird mit Sicherheit noch besser.
„Sie müssen das verstehen“, fährt der Vater fort und dieses Mal vertut er sich mit dem Wort müssen, „dass mein Sohn einen hohen Level an Struktur und Normalität im Arbeitskontext braucht, damit er sich wohlfühlt und weiter entwickelt,“ referiert er wie auswendig gelernt. Wahrscheinlich hat er auch ein Gutachten oder Schreiben dabei, hält es aber noch zurück. Auch ich halte etwas zurück, nämlich ein Schmunzeln.
„Sein Betreuer meint das auch, aber im Betrieb will man davon nichts wissen. Jetzt ist mein Sohn nach der Arbeit immer gestresst und nervös“, ereifert der Vater sich, während ich schon einmal wahllos hinter mich greife und mit dem Finger über einige Aktenordner und Bücher gleite, eines herausziehe, wieder hineinschiebe und schließlich doch bloß ein Standardformular greife und einen ‚Fall eröffne‘, was in Behörden wie dieser in etwa einem Pulsschlag gleichkommt.

Der Junge im Rollstuhl fängt derweil an zu singen. Ich habe das Lied schon einmal im Radio gehört, jedenfalls fällt es mir nicht schwer mitzusummen, während ich einige Eckdaten in das Formular eintrage. Als ich es dem Vater zur weiteren Bearbeitung überreiche, bemerke ich, wie er mich ob meines Summens misstrauisch beäugt, also verstumme ich und überlächle die Situation. Vielleicht kann er mich nicht einschätzen, vielleicht mag er es nicht, wenn man sich seinem Sohn gegenüber zu unbefangen gibt. Möglicherweise denkt er, ich würde mich lustig machen, oder er ist es nicht gewohnt und einfach misstrauisch, jedenfalls scheint es ihm nicht normal vorzukommen und das ist ja irgendwie sein Anliegen.

Gefangen in der Vorstellung ihm diesen Wunsch erfüllen zu können, stelle ich ihm die üblichen Fragen: Darf ich bei der Arbeitsstelle anrufen? Wer ist mein Ansprechpartner? Wer der Betreuer seines Sohnes? Was würde er sich für seinen Sohn wünschen? Ich versuche aufmerksam zu gucken und präzise zu formulieren, will klare Fragen stellen, will, dass er sich verstanden fühlt. Ich verstehe ihn, er will nur das Beste für sein Kind. Das nehme ich ernst, aber der Deutsche mag es tzackig, sonst fühlt er sich verarscht.
Ich nehme seine Antworten also auf, sage ihm, dass ich mich beim Personalchef im Betrieb seines Kindes melden werde und alles auf gütliche Art zu klären versuche. Wenn das aus irgendeinem Grund nicht klappen sollte, gäbe es andere Möglichkeiten und Wege der Bürokratie, über die ich mich und dann ihn informieren würde. Der zweite Punkt ist wichtig, denn folgt auf den ersten Plan kein zweiter, fühlt der Deutsche sich nicht sicher. Nun, wer würde das?

Bei der Verabschiedung der beiden weist der Sohn seinen Vater auf meine zum Abschied ausgestreckte Hand hin, als dieser sich bereits herunterbeugt, eine verklemmte Bremse am Rollstuhl seines Sohnes zu lösen. Netter Junge, denke ich. Ich schätze nicht, dass er in Schwierigkeiten ist, er wird im Betrieb schon klar kommen. Der Vater macht sich bloß zu viel Sorgen. Das werde ich ihm aber weder sagen, noch danach handeln. Selbst wenn er mich von dem Problem seines Sohnes überzeugt hätte, würde ich nicht auf die Barrikaden gehen, keine unkonventionelle Methode anwenden, mir kein Cape umhängen und bis zum letzten Tropfen Blut für sein Recht kämpfen. Das bin ich nicht. Ich maße mir nur stille Urteile an. Ich bin neutral, ein Schiedsrichter und die Bücherwand hinter mir enthält das Regelwerk. Oh, manchmal wechsle ich meine Funktion und arbeite daran mit. Sitze in zahlreichen Ausschüssen, quassel mir den Mund wund und versuche, die geschmackloseren Regeln, nach denen ich spielen muss, mit Erfahrung zu würzen und halbwegs schmackhaft zu machen. Aber damit bin ich höchstens ein Koch unter vielen und noch lange kein Held. Ich bin ein Mensch, der sich heute Abend schlafen legen und auf dem Weg dorthin versuchen wird, seinen kläglichen Teil zu leisten, all die Widersprüche des Lebens zu entwirren, nicht allzuviele zu verschulden, aber vielleicht einige neue zu finden. Das erfüllt auch irgendwie. Das bin ich. Und bin ich nicht normal?

Ich schließe die Tür, will meinen inzwischen kalt gewordenen Kaffee greifen und bemerke, dass ich die Akte des Sohnes noch in Händen halte. Ich überlege kurz und lege sie dann auf den Stapel, den ich heute noch wegarbeiten möchte.

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