Sarah Chiyad

Neulich beim Optiker

Carla, die rasende Verkäuferin eines namhaften Brillenunternehmens tritt an den Schalter, an dem ich mich erst seit einer halben Stunde aufhalte. Sie ist von zierlicher Gestalt, Ende 20, mit dunklem Wuschelkopf und massiver schwarzer Nerdbrille auf der Nase. Hinter dem Gestell zucken ihre Erdmännchenaugen mitsamt des rundlichen Kopfes mal hierhin mal dorthin. Ein schielender Blick könnte nicht uneindeutiger sein.

Sarah Chiyad Kurzgeschichte: Neulich beim Optiker„Folgen Sie mir bitte.“ Meint sie mich oder einen der anderen Wartenden in diesem Meer aus Schnauben und ungeduldigem Fußtrippeln? Ein kurzer Seitenblick auf meine blinden Leidensgenossen, da ist sie auch schon fast entschwunden. Wie ein Rinnsal von Kontaktlinsenflüssigkeit fließt sie durch den vollgepfropften Beratungsraum, während ich schwerfällig hinterhertrabe.

Kurz lasse ich mich vom Gefunkel der unzähligen Brillen und Spiegel ablenken, da ist sie plötzlich nicht mehr zu sehen. Ich will schon wieder kehrt machen, als ich endlich den Sehtest-Raum entdecke, in den sie heimlich hineingeflitzt sein muss. Klein und grau wie er ist, hätte ich ihn um ein Haar übersehen.

„Setzen Sie sich auf den großen Stuhl.“

„Und meine Sachen?“

„Da hin.“ Sie weist auf einen Haken, der sich hinter der Tür versteckt. Ihr Ton macht mir ein schlechtes Gewissen, überhaupt gefragt zu haben. Ich hänge Jacke und Tasche auf und setze mich.

„Soll ich die Brille schon abnehmen?“

„Sie können sie dahin legen.“ Sie unterstreicht dies mit einer fegenden Handbewegung, nach der ich meine Brille sowohl an die Decke als auch ins Waschbecken schleudern könnte. Ich entscheide mich für die Armlehne.

„Schauen Sie da durch.“

Ich nicke und führe meine Augen an das Messgerät. An der gegenüberliegenden Wand blitzen drei Zahlenreihen auf.

„Die erste Reihe bitte.“

„Äh, sechs … neun … acht … dr…“

„… jetzt die Mitte.“

„Ähm…“, ich kneife die Augen zusammen, „fünf, neun, vielleicht eine Acht?“

„Schauen Sie auf die Acht. So besser oder kleiner dunkler?“ Unter anderen Umständen hat sie sicherlich eine freundliche, vielleicht sogar angenehme Stimme. Im Moment jedoch scheint ihr Sprechorgan auf Speed zu sein. Ich frage mich, ob sie sich noch die Mühe macht, zwischendurch zu atmen oder den nächsten menschlichen Evolutionsschritt zur anaeroben Lebensform gemacht hat.

„Puh, kein Unterschied …“

Sie räuspert sich. „Wir versuchen die Punkte.“ Die Zahlenreihen weichen einem aus Punkten gesetzten Sechseck.

„So oder so besser?“ Schnelles Hin- und Herschalten, ein kurzes, mechanisches Klicken und Sirren. Ich bin überfordert.

„Können Sie nochmal …?“

„So besser oder schlechter?“

Ich blinzel. „Ähm …“ Klick.

„Besser oder schlechter?“ Ich öffne den Mund, doch es klickt schon wieder.

„So besser oder schlechter, milchiger?“ Ich denke an Kühe und Tetrapaks, da klickt sich schon das nächste Bild ein.

„Also, können Sie …?“

Klick.

„Besser oder schlechter?“

„Ich …“ Klick.

Wie viele Sterne zählen Sie im Andromeda-Nebel? Klick-Sirr. Die WhatsApp-Nachricht aus einem Kilometer Entfernung. So besser oder nebliger?

Mein Kopf dröhnt. Ich reiße mich aus dem Sitz hoch und schlage auf den Lichtschalter. Die rasende Verkäuferin erstarrt im unerwarteten Dunkel.

„Besser.“

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