Torsten Schoeneberg

Menschen: Studentinnen im Museum

Torsten Schoeneberg Kurzgeschichte: Studentinnen im MuseumSie tuscheln über mich. Ich verstehe ja kein Persisch, aber wenn sich zwei hübsche junge Frauen zwei Meter rechts von mir aufs Sofa setzen, miteinander flüstern und zwischendurch herüberlugen, dann merke ich, daß ich gemeint bin. Ich ignoriere das freilich erstmal und lasse weiter das Gemälde auf mich wirken, hier im Teheraner Museum für Zeitgenössische Kunst. Seit etwa einer Viertelstunde sitze ich davor, und ich habe noch eine Stunde bis Ali mich abholt. Nach dem Rundgang habe ich mich hier niedergelassen, weil es in diesem Saal nicht so zugig ist wie in einigen anderen, und weil das große schwarze Sofa in der Mitte sehr bequem ist. Außerdem verspricht das große Gemälde, bei längerem Betrachten mehr sehen zu lassen. Im Raum ist es übrigens recht dunkel, nur die Bilder werden hell angestrahlt. Zwei oder drei Mal in der letzten Viertelstunde sind andere Besucher vorbeigekommen. Eine Zeit lang hat eine Frau mit einer Stativkamera herumgewerkelt. Als die jungen Frauen sich aufs Sofa setzten, war sie noch dabei, einige Gemälde abzuphotographieren, dann ließ sie uns allein.

Endlich sprechen sie mich an. Sie wollten nicht stören, aber sie hätten sich gefragt, woher ich komme. Aus Deutschland, sage ich, oh, sagt die Dunkelhaarige ein wenig enttäuscht, sie hätten getippt, Frankreich. Die beiden sind Studentinnen der Universität Teheran. Ich erzähle von mir, sie erzählen von sich. Sie glauben, daß die mit der Kamera eine Kunstprofessorin war. Die Dunkelhaarige, die mir näher sitzt, erzählt, daß sie gerne eines Tages nach Frankreich gehen würde, oder Italien, sie lerne auch schon Französisch. Ich sage, na zumindest „merci“ für Danke höre man hier ja oft, und daß Persisch in meinen Ohren manchmal dem Französischen sehr ähnlich klinge. Ich hole die paar Brocken Persisch hervor, die ich gelernt habe, sage „Guten Appetit“ und „Auf Wiedersehen“ und „sehr gut“, die beiden kichern und die Dunkelhaarige sagt, ich hätte einen lustigen Akzent. Alle dreißig Sekunden rutscht ihr Kopftuch auf die Schultern herunter, sie schiebt es lässig wieder ein bißchen hoch, manchmal vergißt sie es auch für eine Weile. Ihre Freundin mit den helleren Haaren sagt kaum etwas; ihr Englisch wäre nicht so gut, sagt sie selbst, allerdings in sehr gutem Englisch. Sie sei bloß zu schüchtern, sagt die andere. Ich erzähle, was mir auf dem Gemälde nach einer Weile aufgefallen ist, sie erwidern nichts. Ob die Menschen in Deutschland freundlich seien, fragen sie; ich meine, auf einen Iraner könnten sie vielleicht etwas unfreundlich wirken, weil sie sehr direkt sind, während man hier ja, soweit ich weiß, viele Höflichkeitsfloskeln und blumige Ausdrücke verwenden müsse. „Wenn ein Deutscher dich nicht mag, würdest du es merken“, sage ich. „Wie?“ fragt sie. „Nun, im Zweifel würde er es irgendwann sagen“, sage ich. Sie macht große Augen. „Aber ich will nicht, daß jemand mir sagt, daß er mich nicht mag“, meint sie.

Ich erwähne, daß ich mich an die Musik gewöhnen mußte; hier läuft nämlich in allen Ausstellungsräumen leise eine Art Entspannungsmusik. Die beiden sind überrascht. Sei das in Deutschland nicht so? Sie waren noch nie in einem Museum, in dem keine Musik läuft.

Also, nach Deutschland würde sie nicht reisen, sagt sie. Aber von Frankreich träumt sie. Ich wisse ja, daß hier im Iran einiges schlecht sei. Aber sie hoffen, daß es besser wird. In den letzten Jahren sei schon einiges besser geworden, freier, sagt die Blonde, ihre Freundin nickt. Und: „Wenigstens sind wir nicht in Afghanistan.“

Schließlich sage ich, ich würde jetzt noch im Museumscafé eine Kleinigkeit essen, ehe mich mein Freund abholt. Ins Café möchten sie mitkommen. Sie besprechen etwas auf Persisch; ich sage, ich verstehe das ja alles nicht, und die Dunkelhaarige sagt grinsend: „Wieso, wir haben doch Französisch gesprochen?“

Auf dem Weg durch den Innenraum des Museums zum Café gehen die beiden in fünf Metern Abstand hinter mir her. Ich photographiere noch ein Kunstwerk im Innenhof, eine Art Becken aus Metall, als ich sehe, daß sich aus dieser Perspektive die oben an der Galerie angebrachten Bilder des Ayatollah Khomeini und des jetzigen Obersten Führers darin spiegeln – auf dem Kopf stehend.

Im Café schauen sich die beiden Studentinnen etwas um, ehe sie sich zu mir an den Tisch setzen. Der Kellner hinter der Auslage ist ein sehr großer junger Mann mit Hipsterbrille und zum Zopf gebundenen langen Haaren. Man muß zu ihm kommen, um etwas zu bestellen, groß ist das Angebot nicht und sein Englisch ist nicht das beste; ich nehme ein Stück Kuchen. Als ich schon halb aufgegessen habe, geht die Blonde nach vorn und bestellt ein Sandwich. Sie beklagen sich, daß dieses Café sehr teuer sei. Hier läuft im Hintergrund Pink Floyd, Wish You Were Here. An einem Nebentisch sitzen zwei elegant gekleidete Damen und diskutieren leidenschaftlich, aber leise, weiter hinten neben einer Pflanze sitzt noch eine Frau allein.

Wir tauschen Mailadressen aus, jetzt lasse ich mir zum ersten Mal ihre Namen, die ich vorher nur schlecht gehört hatte, buchstabieren. Ihr Name sei das persische Wort für Lotosblume, sagt die Dunkelhaarige. Ihre Freundin hat eine Gmail-Adresse, wie ich, sie dagegen ist bei Yahoo: Google sei blöd, sagt sie, es werde von der Regierung strenger reguliert. Nach einer Weile geht sie mit ihrem Smartphone zum Nachbartisch und bittet, ein Foto von uns dreien zu machen, was die eine Dame lächelnd tut. Der Langhaarige an der Theke grinst zu uns rüber. Eine Woche später, als ich den Iran verlassen hatte – es war Ende Dezember – bekam ich eine Mail mit Weihnachts- und Neujahrswünschen.

Wir schreiben uns alle paar Wochen, meistens über das Wetter, und tauschen Fotos aus. Im Sommer bekam ich in einer Mail mit der Anrede „Lieber Marco Polo“ ein Foto, für das sie beide ihre Kopftücher abgenommen hatten, sie schrieb: „weil es so heiß und gerade keiner in der Nähe war.“ Bevor sie sich im Museum neben mich gesetzt hatten, hatte ich auch jenes Gemälde fotografiert. Die Farben auf diesem Foto sind anders als in meiner Erinnerung; die Schlangen oder Flüsse, die durch das Bild gehen, sehen auf dem Foto pur blau aus, aber ich bin sicher, daß sie einen Stich ins Grüne hatten.

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