Torsten Schoeneberg

Lacy

Lacy, Kellnerin im IHOP („International House of Pancakes“) in Texarkana, Arkansas – etwa hundert Meter die Interstate zurück, hinunter, ist die Grenze zu Texarkana, Texas. Ihre schwarzen Haare sind vorn über der glatten, weißen Stirn hochgesteckt. Ihre Augen funkeln. Ich lasse mir von ihr Getränk und Speise aussuchen, bin beinahe der einzige Gast im größtenteils babyblau gehaltenen Laden. Sie hat einen Husten und hält sich kein Mal die Hand vor den Mund, als merke sie ihn selbst gar nicht.

Am Akzent habe sie schon gemerkt, daß ich Deutscher sei. Für mich sei das hier also ein Abenteuer? lacht sie. Sie geht und kommt mit Schwung, füllt mir mein Getränk nach. Stellt mir zum Fleisch zwei Saucen hin und sagt, welche davon ihr besser schmeckt. Hustet. Ihr Freund tue auf jedes Essen Ketchup – auf dieses? frage ich, ja! – Ich greife zur Speisekarte und sehe weiter durch, Hierauf auch? naja da vielleicht nicht. Geht beschwingt. Hustet. Streitet spielerisch laut mit einem der Jungs in der Küche, die wenige Jahre jünger sind als sie. „I have a boyfriend!“ ruft sie.
Auf einem Schildchen auf meinem Tisch steht, welche Ermäßigungen alle aktiven und ehemaligen Angehörigen des Militärs zum anstehenden Veterans Day bekommen, Freigetränke, einige Pancakes gratis.

05-2015-Torsten-Schöneberg-Kurzgeschichten-Menschen-LacySie setzt sich zu mir, als ich über den Nachtisch nachdenke. Aus Houston stamme sie, aber hier gefalle es ihr besser. Nein, es gehe nicht um Arkansas versus Texas, sondern erstens sei hier alles billiger und zweitens weil die Menschen in kleineren Städten netter sind. Was kann ich mir morgen in Arkansas ansehen? Nun, sagt sie, das Staatsmotto sei „The Natural State“, aber konkret wisse sie nichts. Ich solle einfach mal weiterfahren, dann würde ich schon was sehen. Hätte ich denn schon einen Ort zum Schlafen? Doch ja, im Motel gleich auf der anderen Seite der Interstate (sie hustet), ich zeige mit dem Arm hinaus. Sie sei froh, daß hier viele unterschiedliche Leute vorbei kommen, aus Texas, Arkansas und sogar Louisiana. Sie hustet. Ich sage, klar, ein guter Ort zum Anhalten, sie lacht und sagt, ja, gibt es dafür einen besseren Ort als das IHOP, wozu sie die Arme ausstreckt und den Kopf schräg legt wie ein Präsentiermodel auf einer Autoshow. Ich entscheide mich für ein Dessert, auf das ihr Freund auch kein Ketchup getan hätte, und sage, das andere da auf der Karte sehe auch gut aus, scheine mir jedoch eher ein Frühstück zu sein – aber ich könnte ja morgen früh nochmal kommen, sagen wir gleichzeitig. Nein, da werde sie nicht da sein, und ihre Schicht heute ist auch gleich zu Ende. Zuhaus wartet eine achtjährige Tochter auf sie. Ich sage ihr, daß ich sie nett finde, sie lacht und sagt, das dächten anfangs alle, aber in Wirklichkeit sei sie anders, wirft den Kopf und geht beschwingt.

Nach dem Nachtisch verabschiede ich mich von ihr, der vermeintlich netten, aber in Wirklichkeit ganz anderen Frau. Sie lacht und sagt, ich könne ja mal die Kollegin an der Kasse fragen, die, wenige Meter entfernt, die ganze Zeit unbeschäftigt dagesessen hat. Ich tu’s sofort, und die lächelt müde und sagt, dafür kenne sie die Kollegin noch nicht gut genug. 21 Dollar 24 plus Trinkgeld. Es ist eine von zwei Quittungen der Reise, die ich aufbewahre. Ich zahlte im IHOP Store #1462 am 9. November 2014 um 22:47 Uhr Ortszeit, hatte am Tisch 29 gesessen, und meine Bedienung war 22615 Lacy L.

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