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Malte Klingenhäger Kurzgeschichte: Kann ich das eigentlich ernst meinen?

Es ist dieser neue Stil, den ich so hasse. Der Stil, der zu viel ’so‘ gebraucht, dieses ‚äh‘ des modernen Schreibens. Und den Leser in unvollständigen Sätzen, Wiederholungsschleifen und Fragmenten ertrinken lässt. Und dann diese Verben der Uneindeutigkeit: Vielleicht, scheint, irgendwie. Bloß, damit alles lässig wirkt, abgeklärt.

Hallo, junge Dame, Sie gestatten, dass ich mich zu Ihnen setze? Der Sänger und ich, wir wollen mit unserem Auftritt noch etwas warten, es ist noch zu leer. Ich habe Sie schon einmal hier gesehen, da dachte ich, man könnte etwas plaudern. Sie haben vor einigen Tagen doch auch hier gespielt, Mandoline, wenn ich mich nicht irre. Sehr virtuos, etwas Besonderes. Nicht so wie ich mit meiner Gitarre. Mich haben Sie dann ja ebenfalls spielen sehen. Vielmehr ist zu mir auch nicht zu sagen. Wäre ich eine Schüssel, hätte ich einen Sprung.

„Ich will doch nur ein bisschen Spaß haben“, verteidige ich mich, aber Sabrina schnaubt und schüttelt den Kopf. Eine blonde Strähne hängt jetzt in ihrem Gesicht. Den Körper wie immer in ein altmodisches Kostüm gepresst, ein Mausgesicht, eingerahmt von halblangen Haaren. Nicht hübsch genug, um mit ihr schlafen zu wollen, nicht gefährlich genug, um eine ordentliche Nemesis abzugeben. So bleibt ihr an meiner Seite nur der Platz der besten Freundin.

Ich habe mich wieder mitschleppen lassen. Zu einer Lesung. Als ob ich hier gebraucht würde. Der Raum ist proppenvoll und die Leute nicht einmal wegen mir hier, sondern wegen Klaus, der liest. Dabei geht es mir viel zu gut, um nicht gefeiert zu werden und die Zutaten für die entsprechende Party sind eigentlich vorhanden: Die Luft in diesem Raum riecht bereits jetzt wie eine Szenedisko um 6 Uhr morgens und die Leute winden sich in ihren Sitzen, wollen sich eigentlich bewegen. Aber wir schweigen und lauschen und versuchen bei Bewusstsein zu bleiben.

Ich liege in einer Badewanne in der Wüste und denke, das beschreibt so ziemlich alles. Im Nebenzimmer arbeiten Steffen und Sabine sehr bemüht an der Grundlage dafür, nach unserem Urlaub behaupten zu dürfen, Sex in einem Motel gehabt zu haben. Leider stellen sie Leidenschaft über Rhythmus, also halte ich meine Ohren unter Wasser, damit meine Gedanken nicht aus dem Takt geraten.