Dierk Seidel

Hinweis: Den Beitrag für diese Woche habe ich unbekümmert vor dem 24. Februar geschrieben. Ich möchte ihn euch nicht vorenthalten. Vielleicht findet ihr ein wenig Ablenkung darin. Es ist die Fortsetzung von „Lila Panini und der Winter im Advent“. Hier nachzulesen: https://www.kulturkater.de/lila-panini-und-der-winter-im-advent/ Man kann die Geschichte aber auch ohne Vorwissen verstehen.

 

Lila Panini und das Debakel mit den Kugeln auf dem Eis

Eine Dramödie in drei Akten

Personen

Lila Panini (ca. 12 Jahre alt, geht in die 6. Klasse, Eltern bei der Münsteraner Mafia, will weltberühmter Opernsänger werden)

Zauberwesen, das (wechselt monatlich seinen Namen, aktueller Name ist Eisbonbon, kann zaubern, aber nur in der Nähe des Aasees, ist zigzehn Jahre alt, im Winter immer etwas müde und kraftlos)

Reporter vom Radio

Ringo Ringer (Schulfreund von Lila Panini, ein wenig misstrauisch)

Kranführerin Isa Meyer

Krisenteamleiter

Mitglied des Krisenteams 1

Mitglied des Krisenteams 2

Mitglied des Krisenteams 3

Glaziologenpaar

Einsatzleiter

Menschenmenge

  1. Akt

Lila Panini und Eisbonbon sitzen auf der Torminbrücke, lassen ihre Beine baumeln und blicken zu den Kugeln, die Eisbonbon vor ein paar Tagen auf den gefrorenen See geschoben hatte, um zu beweisen, dass man dort sicher Schlittschuhlaufen konnte.

Lila Panini: Dass die Kugeln für so viel Aufsehen sorgen, hätte ich nicht gedacht. Was meinst du, wird das Eis noch lange halten?

Eisbonbon: Mmh, das ist eine komplexe Sache. Von selbst jedenfalls nicht. Ein bisschen kann ich es noch mit meiner Magie verzögern. Aber es wäre auch nicht so tragisch, wenn es schmilzt. Der See ist an den meisten Stellen nur zwei Meter tief.

Lila Panini: Aber es wäre schon gut, wenn die Kugeln wieder an Land kämen. Da haben sich ja alle dran gewöhnt.

Eisbonbon: Ach, Gewohnheiten muss man auch mal durchbrechen.

Lila Panini: Die sind hier stockkonservativ, sagt meine Mutter immer, selbst die Kaninchen fahren hier Fahrrad.

Eisbonbon: Was soll das denn für eine Logik sein mit den Kaninchen?

Lila Panini: Soll halt einfach was verdeutlichen.

Perspektivwechsel. Wir befinden uns am ursprünglichen Ort der Aaseekugeln. Eine große Menschenmenge blickt aufgeregt zu den Kugeln auf dem See. Es ist kalt. Aber nicht so kalt. Die Eisfläche ist an vielen Stellen schon brüchig. Die Feuerwehr verteilt Tee und Kaffee. Busse bringen immer neue Menschen. Ein Reporter fasst zusammen.

Der Reporter: Liebe Münsteraner und Münsteranerinnen, es ist kalt in der Stadt, aber nicht kalt genug. Seit ein paar Tagen sind die „Giant Poolballs“ nun auf dem Eis. Was 1977 schon mal ein paar Halbstarke versuchten, ist diesmal Unbekannten gelungen. Über die Absicht dahinter ist bisher nichts bekannt.

Ringo Ringer: Ich kann was dazu sagen.

Der Reporter: Wer bist du denn?

Ringo Ringer: Ich bin Ringo Ringer, zwölf Jahre alt. Ich habe es mitbekommen. Das Zauberwesen vom Aasee hat die Kugeln auf das Eis geschoben, um uns Kindern zu beweisen, dass das Eis sicher zum Schlittschuhlaufen ist.

Menschenmenge: Zauberwesen. Zauberwesen. Haha. Haha.

Der Reporter dreht sich wieder zur Menge.

Der Reporter: Auf den Ruhm der Kugeln wollen natürlich viele aufspringen. Kann man verstehen, ist trotzdem nicht okay. Ich habe hier Herrn und Frau Ganzschönklug, Glaziologen vom Alfred-Wegener-Institut. Was sagen Sie zu alledem?

Das Paar (aus einem Mund): Wir machen uns große Sorgen um das Eis. Die Kugeln sind uns nicht so wichtig, aber das Eis wird nicht mehr lange tragen.

Der Reporter: Also werden die Kugeln in den See fallen? Da muss man doch was tun.

Das Paar (aus einem Mund): Uns tut vor allem das Eis leid. Eine enorme Last muss es tragen.

Der Reporter: Vielen Dank für diese Erkenntnisse.

Das Paar (aus einem Mund): Gern geschehen.

Der Reporter und das Glaziologenpaar verschwinden in der Menge. Ein Krisenteam kommt hektisch mit Plänen in der Hand zum Aasee gelaufen.

Krisenteamleiter: Habt ihr gehört? Das Eis hält nicht mehr lange. Wir müssen aktiv werden.

Mitglied 1: Stärke zeigen.

Mitglied 2: Eine stabile Stadt …

Mitglied 3: … auch auf dem Eis.

Krisenteamleiter: Hat denn keiner eine Idee?

Mitglied 2: Ich kenne eine hochprofessionelle Kranführerin, Isa Meyer, wenn jemand das schafft, dann sie.

Krisenteamleiter: Holt sie her und einen Kran.

Lila Panini blickt auf seine Armbanduhr.

Lila Panini: Ich muss nach Hause. Essen und Tee trinken. Hier passiert eh nichts mehr.

  1. Akt

Neuer Tag. Ein riesiger Kran wurde an den Treppen beim Segelclub aufgestellt. Isa Meyer ist bereit.

Isa Meyer: Ich bin bereit.

Krisenteamleiter: Ich drücke Ihnen die Daumen.

Isa Meyer stattet sich mit allem aus, was sie braucht, und klettert hoch. Auf der gegenüberliegenden Seite des Sees läuft Lila Panini und ruft nach Eisbonbon.

Lila Panini: Eisbonbon, wo steckst du?

Der Sound eines Vibraphons erklingt, es flackert kurz und das Zauberwesen steht am Wegesrand. Eisbonbon trägt einen schicken und sehr ordentlichen Tweed-Anzug, aber seine Haare sind struppig wie immer.

Lila Panini: Cooler Anzug.

Eisbonbon: Danke, ich dachte zur Feier des Tages mal was Schickes.

Lila Panini: Ich bin ganz normal gekleidet.

Eisbonbon: Voll okay. Du hast ja auch Ferien. Weißt du, was ich mich frage?

Lila Panini: Noch nicht.

Eisbonbon: Warum haben die einen Kran geholt, um mit dem einen neuen Kran aufzubauen. Sie hätten doch gleich mit dem ersten Kran die Kugeln holen können.

Lila Panini (schulterzuckend): Verstehe einer die Menschen.

Dann lachen sie beide und schauen sich das Schauspiel an. Isa Meyer schwenkt den Kranarm über den See und lässt eine Art Greifkralle runterfahren. Sehr präzise steuert sie die erste Kugel an. Einsatzkräfte vom technischen Hilfswerk halten sich in einem Motorboot zwischen den Eisschollen bereit, die Kralle zu befestigen. Das Krisenteam ist besorgt.

Mitglied 1: Ob das gut geht?

Mitglied 2: Das geht nie gut.

Mitglied 3: Wie auf dem Jahrmarkt. Da hält der Greifer auch nie.

Mitglied 4: Man verliert immer.

Mitglied 1: Wer sind Sie denn? Wir sind nur zu dritt und unser Chef.

Mitglied 4: Verzeihung, bin wieder weg.

Mitglied 4 ab. Die Einsatzkräfte versuchen immer wieder, die Kralle festzuzurren. Es gelingt nicht.

Isa Meyer (über Funk): Könnt ihr nicht unter die Eisplatte gehen?

Einsatzleiter: Wir sind keine Taucher. Krisenteamleiter, haben wir irgendwo Taucher?

Krisenteamleiter: Taucher, wie was? Reicht da nicht ‘n Angler, der See ist doch nicht tief.

Mitglied 1: Er ist überfordert.

Mitglied 2: Völlig überfordert.

Mitglied 3: Absolut überfordert.

Krisenteamleiter (schreit verzweifelt): Wir werden die Kugeln niemals retten.

  1. Akt

Derweil auf der anderen Seite des Sees.

Lila Panini: Eisbonbon, können wir da nicht irgendwie helfen? Da muss es doch eine Lösung geben.

Eisbonbon: Ich könnte die Kugel magnetisch machen, dann müsste es gehen.

Lila Panini: Echt? Stark, sowas kannst du?

Eisbonbon: Das war ein Spaß, wie soll ich denn aus Beton Metall machen?

Lila Panini: Gibt doch Stahlbeton. Habe ich mal bei der Sendung mit der Maus gesehen.

Eisbonbon: Mit Mäusen und Metall habe ich es nicht so. Aber wenn das Eis komplett geschmolzen ist, können die Kugeln ganz entspannt nach vorne rollen. Pass auf, das Folgende kannst nur du sehen.

Eisbonbon zieht sich bis auf Boxershorts, Unterhemd und Schuhe aus und rennt dann mit einer extrem unglaublichen Geschwindigkeit über den See, sodass Reibungswärme jegliches Eis im Nu schmelzen lässt und die Kugeln in den See plumpsen.

Isa Meyer: Huch. Was passiert denn jetzt? Krisenteamleiter, Achtung, ich komme runter, ich kann hier nichts mehr machen.

Krisenteamleiter (richtet sich an die Menschenmenge): Liebe Freunde und Freundinnen der Aaseekugeln. Das Tauwetter kam zu überraschend. Das Eis ist weg. Nun sind die Kugeln im See.

Das Glaziologenpaar (aus einem Mund): Oh, nein, das Eis ist weg. Das ist weg.

Menschenmenge: Aber die Kugeln. Die Kugeln sind im See.

Das Glaziologenpaar (aus einem Mund): Die Kugeln sind egal, das Eis ist weg.

Krisenteamleiter: Erstmal aufräumen und Kran abbauen.

Mitglied 1: Aufräumen und Kran abbauen

Mitglied 2: Aufräumen und Kran abbauen.

Mitglied 3: Ich sag‘ das nicht auch noch.

Alle ziehen von der Aaseeterrasse und ursprünglichen Heimat der Kugeln zu den Treppen, um mit Spannung zu beobachten, wie der Kran abgebaut wird. Keiner schaut mehr auf den See. Eisbonbon kommt wieder ans Seeufer.

Lila Panini: Das war stark. Aber wie kriegen wir die Kugeln jetzt raus?

Eisbonbon: Das, mein lieber Lila Panini, wird der größte Spaß. Komm wir holen Ringo Ringer und dann werdet ihr fliegen.

Sie rennen zur Aaseeterrasse, wo Ringo Ringer gerade aufbrechen will.

Lila Panini: Halt, Ringo. Wir brauchen dich.

Sie stellen sich in einen engen Kreis und Eisbonbon weiht die beiden in seinen Plan ein. Plötzlich bewegen sich alle drei langsam in die Luft, fliegen ca. zehn Meter in die Höhe, dann Richtung Kugeln und jeder landet auf einer der Kugeln.

Eisbonbon: Und nun: Balance halten und laufen. Wir bringen die Kugeln in Bewegung und dann bringen die sich wie von selbst an Land.

Die drei laufen langsam los und die Kugeln bewegen sich. Erst schwerfällig und dann immer schneller.

Ringo Ringer: Das ist ein ganz schön großartiges Abenteuer, Lila Panini.

Lila Panini: Echt stark. Aber auch woohooo. Ganz schön schwierig.

Der Reporter dreht sich kurz Richtung See, reibt sich die Augen, schüttelt sich und guckt wieder zum Kran.

Die drei reiten weiter auf den Kugeln über den See zum Ufer. Das Wasser spritzt hoch und dann poltern sie die paar Stufen an der Aaseeterrasse hoch.

Eisbonbon (schreit): Jetzt springt schnell runter, ihr landet sanft. Versprochen.

Die beiden springen runter und schweben wie mit einem Fallschirm zu Boden.

Eisbonbon: Konzentrieren, mein Lieber, konzentriere dich. Lila Panini hängt an den Kugeln. Sie dürfen nicht kaputt gehen.

Plop. Plop. Plop. Die Kugeln sitzen wieder an ihren Plätzen.

Eisbonbon: Ich muss mich jetzt ausruhen. Bis die Tage, Lila Panini.

Lila Panini: Mach’s gut.

Der Sound des Vibraphons erklingt und das Zauberwesen verschwindet. Isa Meyer verstaut ihre Sachen und blickt nochmal zum See.

Isa Meyer: Schade, dass ich es nicht geschafft habe. Aber, aber, wo sind die Kugeln? Krisenteam, die Kugeln, sie sind weg.

Mitglied 1: Da! Ich sehe sie an ihrem Platz.

Die Menschenmenge rennt zu den Kugeln.

Krisenteamleiter: Stark, alles wie immer.

Mitglied 2: Alles wie immer.

Menschenmenge: Alles wie immer.

Glaziologenpaar (betrübt und einstimmig): Aber das Eis.

Der Reporter: Alles wie immer, meine Damen und Herren Wir verabschieden uns vom Aasee. Kommen Sie gut heim.

Alle ab, außer Ringo Ringer und Lila Panini.

Ringo Ringer: Das war ganz stark, Lila Panini. Ganz großes Kino.

Lila Panini: Definitiv. Das hatte mächtig Stil. Der Sommer wird groß, da bin ich mir sicher.

Und falls ihr mehr über Lila Panini erfahren wollt, und die früheren Geschichten noch nicht kennt, empfehle ich euch folgende Lektüre in chronologischer Reihenfolge:

https://www.kulturkater.de/lila-panini-und-der-kauzelwutz/

https://www.kulturkater.de/lila-panini-auf-spurensuche/

https://www.kulturkater.de/lila-panini-el-kauzo-und-der-doppelstern/

https://www.kulturkater.de/lila-panini-hans-rudolph-und-das-ende-des-sommers/

https://www.kulturkater.de/lila-panini-kauzelwutz-und-die-muedigkeit-des-seins/

https://www.kulturkater.de/lila-panini-und-der-winter-im-advent/