Dierk Seidel

Lila Panini, Leander und das Fernmeldeamt für Zauberwesen

Lila Panini, seines Zeichens angehender Opernstar, BMX-Radfahrer, Sternesammler und Aaseekugelsurfer, mittlerweile Teenager und natürlich der beste Freund des Aaseezauberwesens, das seinen Namen so häufig änderte wie seine Kleidung, mochte keine langen Sätze, die aber manchmal notwendig waren.

Heute, am ersten Tag des neuen Jahres, fuhr Lila Panini zum Aasee, um seinen Freund zu besuchen. Unter der Torminbrücke hatten sie sich kennengelernt und hier wollten sie sich heute treffen.

„C, D, E, F, G, A, H, C“, und nochmal: „C, D, E, F, G, A, H, C“, sang Lila Panini als Lockmittel für seinen Freund. Der Sound eines Vibraphons ertönte und das Zauberwesen tauchte flackernd auf. Gekleidet war es mit einer viel zu weiten gelben Schlaghose und einem grünkarierten Holzfällerhemd.

„Hallo, mein Freund, frohes neues Jahr wünsche ich dir. Ich heiße in diesem Monat Leander.“

„Hallo Leander, auch ich wünsche dir ein wunderbares neues Jahr. Bist du gut reingekommen?“

„Ja, war ganz okay, wie immer. Ich habe ein wenig geknallt und das war’s dann.“

„Wo hast du denn die Knaller her?“

„Brauche ich nicht. Ich knalle selbständig. Und was hast du gemacht, Lila Panini?“

„Ach, die ganze Mafia-Familie war da und wir haben mit drei Raclette-Grills und einem Tischfeuerwerk einen netten Abend gehabt.“

„Das klingt wunderbar. Da wäre ich gerne dabei gewesen.“

„Ach, es war etwas langweilig. Das wäre schon cool, wenn du mal mit zu mir könntest. Aber du bist ja als Aaseegeist hier an die Nähe vom See gebunden.“

„Vielleicht gibt es da eine Möglichkeit. Die verzauberte Wanderratte Tortega berichtete mir neulich davon. Es gibt wohl ein Fernmeldeamt für Zauberwesen, bei dem man Reisegenehmigungen beantragen kann. Das ist aber sehr speziell, versteckt und richtig geheim.“

„Klingt cool, aber wie sollst du denn da hin, wenn du hier nicht wegkannst und es sehr speziell, versteckt und richtig geheim ist?“

„Du kleiner Nörgler, das ist doch der Clou des Fernmeldeamtes! Aber ich habe ja auch einen Clou. Ich kenne dich und du kannst die Genehmigung für mich beantragen.“

„Und wo muss ich dahin?“

„Ich habe keine Ahnung.“

Leander zuckte mit den Schultern und bekam einen Lachanfall. Sie vertagten weitere Beratungen auf später und sangen erstmal „Barcelona“ von Freddie Mercury. Das mochten sie beide ganz gerne.

Am späten Nachmittag kam Tortega auf einen Eistee vorbei.

„Tortega“, setzte Lila Panini an, „erzähl uns, wo das Fernmeldeamt ist.“

„Das wandert immer, so wie ich. Aber es gibt Hinweise in der Stadt. Indizien, wie in einem Kriminalroman.“

„Und wo fange ich an?“, fragte Lila Panini.

„Ich kann dir nur einen Tipp geben. Finde ein anderes Wort für flüchten und suche nach der Lösung in der Stadt. Und apropos flüchten, danke für den Eistee, aber ich muss nun weiter. Bis bald.“

„Bis bald, kleiner Freund“, sagte Leander, Lila Panini winkte und die Ratte rannte ums nächste Eck.

„Was sollen wir denn damit anfangen? Ich habe keine Idee und das kommt echt selten vor“, sagte Leander.

„Ich finde schon die Lösung. Morgen begebe ich mich auf Spurensuche und sobald ich was weiß, komme ich zurück zu dir.“

„Alles klar, dann bis ganz bald.“

Der Sound des Vibraphons ertönte, es flackerte und Leander war verschwunden. Abends lag Lila Panini noch lange wach und grübelte. Ein anderes Wort für flüchten. Vielleicht türmen. Aber was soll ich damit anfangen? Türmen. Natürlich, hier gibt es viele Türme in der Stadt. Vielleicht weiß die Türmerin etwas. Aber abends, wenn die in ihrem Turm ist, darf ich nicht raus. Das gefährliche Münster, sagt Papa immer. Überall Polizei. Also ein anderer Turm.

Am nächsten Morgen ging es gleich nach dem Frühstück los. Lila Panini schwang sich auf sein Rad und radelte zum Buddenturm. Am Turm war gerade eine Stadtführerin, die im historischen Gewand Schabernack erzählte.

„Sehen Sie, meine Damen und Herren, hier den Buddenturm oder auch Pulverturm genannt. Damals in der Zeit der Wiedertäufer ein Gefängnis, obwohl der Turm ja eher wie eine Silvesterrakete aussieht. Aber rein können wir da zurzeit nicht. Wer bist du denn? Du gehörst aber nicht zur Reisegruppe aus Solingen.“

„Ich bin Lila Panini und suche das Fernmeldeamt für Zauberwesen.“

„Ich glaube, da bist du hier falsch. Aber ich gebe dir einen Tipp. Da vorne war mal das Finanzamt. Mittlerweile ist da was von der Uni drin. Aber vielleicht sind da ja noch alte Akten mit Infos.“

„Überall Uni in dieser Stadt“, seufzte Lila Panini, „außerdem fürchte ich, dass das Finanzamt zu wenig magisch ist.“

Die Reisegruppe ging Richtung Promenade zu Skulpturen und verschwand aus Lila Paninis Blickfeld. Jetzt brauchte es neue Impulse und so fuhr Lila Panini Richtung Coerde ins Stadtarchiv.

„Hallo. Ich suche Informationen über Türme in Münster oder Menschen, die getürmt sind. Können Sie mir helfen?“

„Wie heißt denn du?“, fragte das Stadtarchiv.

„Ich bin Lila Panini.“

„Ui. Von der großen Münsteraner Panini-Bäckersfamilie?“

„Die Einen sagen so, die Anderen so.“

„Ja, ja. In manchen Schriften steht auch was von Mafia, aber doch nicht hier in Münster. Hihi. Hihi. Hoho.“

„Können Sie mir nun helfen?“ Lila Panini wurde ungeduldig.

„Ich habe den Eindruck, dass du nichts über Türme wissen willst, eine kleine Ratte hat dich hergeschickt.“

„Woher wissen Sie das?“

„Ich bin das Stadtarchiv. Hier wird alles aufgezeichnet, was in der Stadt passiert. Und nun sage mir, was du wirklich suchst, und ich gebe dir die Antwort, sofern ich kann.“

Dieses Stadtarchiv war merkwürdig, konnte Lila Panini dem trauen? Auf der anderen Seite hatte er auch bislang noch nie zuvor mit einem Gebäude gesprochen. Das war schon besonders.

„Ich suche das Fernmeldeamt für Zauberwesen, um meinen Freund Leander von der Bindung an den Aasee zu befreien.“

„Das Fernmeldeamt. Da bist du bei mir an der richtigen Adresse. Kennst du die Fußgängerampel am Servatiiplatz? Also die an der Ecke Salzstraße und Von-Vincke Straße? Die, die Richtung Wolbecker Straße geht und die, an der man immer so ewig warten muss und an der man nie Lust hat zu warten?“

„Oh ja, die kenne ich. Richtig nervig. Da will ich nie warten.“

„Da will keiner hin und warten, aber genau da musst du hin und warten. Zwei Ampelphasen. Und der Trick: Du musst warten wollen und dann öffnet sich das spezielle, versteckte und richtig geheime Fernmeldeamt.“

Lila Panini bedankte sich, schnappte sich sein Rad und radelte den langen Weg über die Kanalstraße zurück in die Innenstadt. Über die Promenade erreichte er sein Ziel. An der Fußgängerampel warteten schon viele Menschen und schauten verärgert.

„Ewig, so ewig muss man hier immer warten“, motzte eine ältere Dame.

„Ja, ja, viel Lebenszeit hat man hier schon verschwendet“, erwiderte ein Briefträger.

Minuten später sprang die Ampel auf Grün. Und Lila Panini blieb stehen und zehn Personen stolperten über ihn.

„Wer bleibt denn bei Grün stehen?“, polterte ein Anzugträger.

„Ich, weil ich warten will“, rief Lila Panini.

„Verrückt, seltsam, komisches Kind“, murmelten viele.

Die zweite Rotphase begann. Lila Panini dachte ganz fest daran, dass er warten will und dass er das gerne machte. Beim nächsten Grün ploppte plötzlich vor ihm eine große Holztür auf, die von schwebendem Wasser umgeben war. Die wartenden Menschen waren nicht mehr zu sehen, Lila Panini war allein. Mutig klopfte er an die Tür. Einen Moment später öffnete ein kleines Kaninchen die Tür.

„Komm rein, Lila Panini. Die drei Wesen vom Amt warten schon auf dich.“

Lila Panini ging an dem Kaninchen vorbei und stand vor einem Tisch mit drei Zauberwesen. Das Wesen in der Mitte sprach:

„Hallo Lila Panini, du hast es geschafft. Das freut uns, wir sind oft recht allein.“

„Hallo! Das liegt daran, dass ihr so speziell, versteckt und richtig geheim seid.“

„Ach ja, richtig. Daran wird’s liegen. Also Lila Panini, du möchtest, dass Leander reisen kann.“

„Woher wisst ihr das?“

„Ach, das Stadtarchiv, diese Plaudertasche. Nun also zu deinem Anliegen. Wir können dir dreimal helfen. Aber mehr verstößt zu sehr gegen das Aufenthaltsbestimmungsrecht für Zauberwesen. Außerdem sind wir eine sehr bürokratische Stadt.“

„Immerhin. Dreimal. Danke, da wird sich Leander freuen. Was müssen wir tun?“

„Pass auf“, sagte nun das linke Zauberwesen, „wenn Leander den Satz ‚Reisende soll man nicht aufhalten‘ sagt, kann er sich bis Mitternacht komplett frei in und um Münster bewegen.“

„Der Spruch kommt mir bekannt vor.“

„Den haben wir in einem Film entdeckt und für gut befunden“, sagte nun die rechte Person, „und nun lauf zum Aasee. Tschüss.“

„Machts gut“, rief Lila Panini. Alle winkten und plötzlich stand er wieder an der Ampel. Sie sprang auf Rot, aber er musste in die andere Richtung. Er fuhr die drei Promenadenabschnitte zum Aasee und berichtete Leander alles.

„Das freut mich sehr, Lila Panini, danke, dass du das gemacht hast. Ich bin sehr gespannt, was wir in Zukunft erleben werden.“

„Aber das muss warten, ich bin ganz schön erschöpft vom Tag“, sagte Lila Panini.

„Kein Stress, das Jahr hat ja gerade erst begonnen. Wir haben noch viel Zeit.“

Und falls ihr mehr über Lila Panini erfahren wollt, und die früheren Geschichten noch nicht kennt, empfehle ich euch folgende Lektüre in chronologischer Reihenfolge:

https://www.kulturkater.de/lila-panini-und-der-kauzelwutz/

https://www.kulturkater.de/lila-panini-auf-spurensuche/

https://www.kulturkater.de/lila-panini-el-kauzo-und-der-doppelstern/

https://www.kulturkater.de/lila-panini-hans-rudolph-und-das-ende-des-sommers/

https://www.kulturkater.de/lila-panini-kauzelwutz-und-die-muedigkeit-des-seins/

https://www.kulturkater.de/lila-panini-und-der-winter-im-advent/

https://www.kulturkater.de/lila-panini-und-das-debakel-mit-den-kugeln-auf-dem-eis/