Dierk Seidel

Lila Panini, Kauzelwutz und die Müdigkeit des Seins

„Was soll’s“, sagte Lila Panini, „dann trag ich halt wieder Maske.“ Und mit diesen Worten schnappte er sich nach der Ansprache seiner Lehrerin seine Schultasche, ging zu den Fahrradständern, setzte seinen Fahrradhelm auf und machte sich auf den Weg zum Aasee, um seinen Freund, das Zauberwesen Kauzelwutz, zu treffen. Sie sahen sich in der letzten Zeit nicht mehr so oft, weil es kalt geworden war und Kauzelwutz nicht nach drinnen konnte, sonst würde seine Zauberkraft rapide schwinden. Außerdem brauchte Kauzelwutz in der dunklen Jahreszeit immer sehr viel Schlaf, da konnten sie sich nicht mehr so oft sehen. Aber heute waren sie verabredet und das freute Lila Panini.

Lila Panini schmiss sein BMX-Rad neben die runde Bank an der Torminbrücke und rief laut:

„Kauzo, Kauzo, ich bin da.“

Der Sound eines Vibraphons erklang. Es flackerte kurz und dann stand Kauzelwutz vor ihm. Er trug einen grünen Parka, eine kurze Hose und dazu gelbe Gummistiefel.

„Guten Tag, Lila Panini. Wir haben uns diesen Monat noch gar nicht gesehen. Nenn mich ab heute Sunshine Moon.“

Das Zauberwesen wechselte nach einem Deal mit Lila Panini nicht mehr täglich seinen Namen, sondern nur noch monatlich. Damit konnten die beiden gut leben.

„Interessanter Name. Das ist ein Oxymoron, wenn ich mich nicht irre.“

„Was weißt du denn schon davon, du bist doch erst in der sechsten Klasse.“

Dann lachte Sunshine Moon etwas fies, schob dann aber schnell hinterher:

„Tut mir leid, eigentlich habe ich absolut keine Ahnung, was du meinst und das trotz meines hohen Alters. Und das wollt ich vertuschen“, gab Sunshine Moon zu.

„Ein bisschen gemein war das schon, aber ich verzeihe dir. Und es ist vollkommen okay, als altes weißes Zauberwesen nicht alles zu wissen. Find ich gut, dass du das zugegeben hast.“

„Ja, und was ist nun ein Oxymoron?“

„Sowas Gegenteiliges. Haben in der Schule ein Gedicht gehört. Das ging irgendwie so:

Dunkel war’s, der Mond schien helle,
schneebedeckt die grüne Flur,
als ein Wagen blitzesschnelle,
langsam um die Ecke fuhr.“

„Ah, ich verstehe, so wie Karneval feiern in Coronazeiten?“

„Du wieder mit deiner Politik. Redest ja wie mein Papa am Abendbrottisch. Aber egal. Was ich noch erzählen wollte, wir tragen wieder Maske in der Schule – freiwillig.“

„Wegen Karneval?“

„Hä, ne wegen der hohen Coronazahlen.“

„Ja, also doch wegen Karneval.“

„Vielleicht auch, aber das ist schon sehr um die Ecke gedacht, Sunshine Moon.“

„Tja, manchmal habe ich so meine Momente. Schöner wäre ja aber noch, wenn ich in der Lage wäre, diese Viren einfach wegzuzaubern. Aber dafür sind meine Zauber nicht gemacht. Außerdem bin ich immer so müde in letzter Zeit.“

„Vielleicht müssten wir mal wieder was erleben, Sunshine Moon. So richtig was mit viel Action. Bei Action wird man munter und danach ist die Müdigkeit verdient.“

„Beim nächsten Mal, Lila Panini. Beim nächsten Mal. Außerdem ist meine Müdigkeit immer verdient. Bin ja schließlich schon zigzehn Jahre alt. Und nun geh ich schlafen. Bis bald, mein Freund.“

„Bis bald, Sunshine Moon. Bis ganz bald.“

Der Sound des Vibraphons erklang. Es flackerte und kurz danach war Sunshine Moon verschwunden. Lila Panini blieb kurz stehen und nahm sich fest vor, sich bald eine tolle Action-Aktion auszudenken. Dann schwang er sich auf sein Fahrrad und düste nach Hause.

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Und falls ihr mehr über Lila Panini erfahren wollt, und die früheren Geschichten noch nicht kennt, empfehle ich euch folgende Lektüre in chronologischer Reihenfolge:

Lila Panini und der Kauzelwutz

Lila Panini auf Spurensuche

Lila Panini el Kauzo und der Doppelstern

Lila Panini, Hans Rudolph und das Ende des Sommers