Dierk Seidel

Lila Panini, El Kauzo und der Doppelstern

Es war ein sonniger Tag zu Beginn der großen Ferien. Lila Panini parkte sein BMX- Rad neben der Bank, die kreisrund um einen Baum neben der Torminbrücke führte, und lachte kurz auf. Eigentlich bräuchte ich es gar nicht anschließen, sicher ist mein kleines Kabelschloss eh nicht, aber was ist schon sicher, dachte er. Dann lief er unter die Brücke und suchte seinen Freund.

„Huhu, huhu, bist du da?“

Der Sound des Vibraphons erklang, die Luft flackerte und dann stand er vor Lila Panini. Er trug einen roten Faltenrock, eine gelbe Kapuzenjacke und auf dem Rücken einen Rucksack, der denen ähnelte, die Tick, Trick und Track bei ihren Abenteuern mit den Pfadfindern vom Fähnlein Fieselschweif dabeihatten.

„Ja, hier bin ich.“

„Schön, wie heißt du heute?“

„Mmh. Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Ich denke, ich brauche einen spanischen Touch. Nenn mich El Kauzo.“

„Wie kommst du denn auf Spanien?“

„Das ist eine spaniende Frage. Um ehrlich zu sein, habe ich schon lange vor, Tapas zu probieren. Vielleicht liegt es daran. Aber kommen wir zu was anderem, Lila Panini. Mir scheint, deine Gangsterkarriere stagniert etwas. Da sollten wir dran arbeiten.“

„Das halte ich für nicht notwendig. Mir liegt die Aktion mit deinem Fake-Fahrrad noch ganz schön in den Knochen. Außerdem war meine Lehrerin Frau Müller-Rose-Neubau-Felsdorn sauer, weil ich so müde war. Und im Musikunterricht traf ich keinen Ton. Also sollten wir vielleicht mal lieber an meiner Gesangskarriere arbeiten.“

„Du weißt, dass ich ein musikalisches Verständnis wie eine Bratpfanne habe. Ich kann dir da nicht helfen.“

„Mmmh. Aber es klingt immer so schön, wenn du sichtbar wirst. Das musst du doch beeinflussen können.“

„Ne, nichts davon. Ich bin zwar ein Zauberwesen, aber glaub bloß nicht, dass wir einen Einfluss auf alle Zauber haben, die in uns wohnen. An jedem Anfang eines Zauberwesens denkt man noch, man hat Einfluss, aber so ist das nicht. Der Zauber wohnt in einem. Man weiß nur nicht wo.“

„Das klingt aber nicht so toll, das mit diesem Wohnen. Kannst du denn gar nichts selbst machen?“

„Na, klar, zigzehn Sachen. Aber den Sound beim Sichtbarwerden, kann ich nicht hören. Aber das ist okay. Eigentlich wollte ich nur ein Zitat von Hermann Hesse in meinem Satz umgearbeitet haben.“

„Wer ist denn Hermann Hesse?“

„Ein ganz alter Zauberer.“

„Und was hat der so gezaubert?“

„Das wirst du schon noch erfahren. Aber jetzt sollten wir mal was machen. Guck mal in meinen Rucksack.“

„Welchen Rucksack?“

„Na, den hier.“

El Kauzo griff sich an den Rücken. Der Pfadfinderrucksack war aber verschwunden.

„Huch, na, das haben wir gleich.“

Es funkelte in der Luft und klapperte, als würde ein Auto, dessen Auspuff lose hing, über Kopfsteinpflaster fahren. Nur ein paar Sekunden später lag ein schwarzer Eastpack-Rucksack auf dem Boden. Mit Edding war ein weißes Peace-Zeichen darauf gemalt. Lila Panini grinste und beugte sich runter. Reißverschluss auf und suchen. Eine Wasserpfeife. Damit konnte er nichts anfangen. Außerdem lagen darin ein Mercedesstern und eine Flasche Sekundenkleber. Lila Panini nahm beides heraus und blickte El Kauzo fragend an.

„Weißt du, Lila Panini, es gibt Menschen, die klauen Mercedessterne. Es ist ein Protest gegen den Kapitalismus, also gegen die Ausbeutung der kleinen Leute durch Menschen, die viel Kapital besitzen.“

„Ich verstehe nicht was du meinst, so absolut gar nichts.“

„Vereinfacht gesagt ist Sterne klauen ein Protest von Arm gegen Reich. Oder auch von Mittelreich, gegen Reich, weil die Ärmeren den Reicheren aufzeigen wollen, dass Reichtum Grenzen hat.“

„Grenzen aufzeigen durch Sterneklauen? Das klingt doch arg absurd.“

„Ich bewerte nicht, ich beschreibe nur. Wenn ich das bewerten müsste, würde ich sagen: Klauen ist langweilig, vorhersehbar, schon zigzehnfach getan. Lass uns Verwirrung stiften und einem Mercedes einen Stern hinzufügen.“

„Ich habe langsam das Gefühl, du willst mich immer noch Richtung Gangsterding schieben.“

„Quatsch, ich habe doch gemerkt, dass du das nicht willst. Wir werden ja auch nichts klauen, sondern hinzufügen. Ich habe echt lange gebraucht, um den Stern zu zaubern. Nun red` das nicht schlecht.“

„Tschuldigung.“

„Schon okay. Lass uns in die Anette-Allee gehen. Da stehen immer fette Autos rum.“

Gesagt, getan. Lila Panini fuhr auf seinem BMX-Rad und El Kauzo lief im Hopserlauf in beachtlicher Geschwindigkeit nebenher. In der Nähe des Friedhofs standen drei Mercedes älteren Baujahrs. Der mittlere hatte noch seinen Stern.

„Wie symmetrisch die drei Autos dastehen.“

„In der Tat. Nun lass uns anfangen. Ich stehe Schmiere.“

Wieder mal ist er fein raus, dachte Lila Panini. Aber was soll’s. So lang wird’s wohl nicht dauern. Außerdem ist die Straße menschenleer. Lila Panini schmierte eine viel zu große Fläche mit Sekundenkleber ein, drückte dann den gezauberten Stern neben den anderen auf die Motorhaube und betrachtete sein Werk.

„El Kauzo, Guck mal. Das sieht nicht gut aus, das ist total asymmetrisch. Nicht schön sowas.“

„Es soll ja auch nur verwirren. Nicht gut aussehen.“

„Ich wünsche mir einen weiteren Stern.“

„Ich bin doch keine Fee.“

„Ach, bitte, El Kauzo, versuche noch einen Stern zu zaubern.“

„Na, gut, Lila Panini. Aber nur weil ich dich so gernhabe. Das ist immer eine ganz schöne Kraftanstrengung.“

El Kauzo drehte sich ganz schnell im Kreis. Noch schneller als der schnellste Tornado, den Lila Panini jemals bei YouTube gesehen hatte. Nach ein paar Minuten rief El Kauzo aus dem Wirbelsturm heraus:

„Duuu muuuusst den Kleeeeber auuufs Auto maaachen. Überaaallllllll. Außer Kontrooooolleee.“

Lila Panini schaltete blitzschnell und betupfte die Motorhaube mit Kleber. Nun wurde El Kauzo langsamer, sprang aber mehrfach in die Luft. Dabei klapperte er wie eine alte Waschmaschine im Schleudergang, deren Trommel nicht mehr ganz fest verankert war. Lila Panini blickte ihn besorgt an. Plötzlich strahlte El Kauzo ganz hell und aus ihm flogen ganz viele bunt lackierte Sterne heraus. Sie prasselten mit hoher Geschwindigkeit auf die zuvor betupften Klebestellen. Sternhagelvoll war die Motorhaube. El Kauzo sackte auf den Boden, grinste und schlief dann für ca. eine halbe Minute ein. Lila Panini rüttelte an ihm und sofort sprang er wieder auf.

„Schnell, Lila Panini, wir müssen uns verstecken.“

Sie rannten und versteckten sich hinter einer Hecke. Hinter der Hecke war viel Platz und so konnten sie es sich bequem machen.

„Das war großartig mit den Sternen. Zwar immer noch asymmetrisch. Aber schön.“

„Geplant war das so nicht. Aber in der Tat, ich bin ein wenig stolz auf mich. Jetzt heißt es warten, bin schon ganz gespannt, wie der Besitzende des Wagens reagiert.“

Was die beiden nicht wussten:

Der Besitzer war in den Urlaub geflogen und kam nicht so schnell zurück. Und so kamen die beiden jeden Sommerferientag in ihr Versteck hinter der Hecke, spielten Karten, dachten sich Gedichte aus, übten Singen und warteten sehnsüchtig auf die Rückkehr des Besitzers.

Wie der Besitzer reagierte, und weitere Geschichten lest ihr ab 2. September nach einer kleinen Sommerpause nur hier bei Dierks Perspektbriefwechsel.