Malte Klingenhäger

Kulturkontakt

An diesem Weihnachtsabend wollen wir uns all derer besinnen, denen es nicht so gut geht wie uns. In diesen schrecklichen Tagen, in denen die Ignoranz um uns  herum zuzunehmen scheint, wollen wir an das denken, was wirklich zählt: Einen zeitlosen Einstieg in eine Weihnachtsgeschichte zu finden, damit ich nicht jedes verdammte Jahr eine neue schreiben muss. Und wenn das geschafft ist … richten wir unseren Blick auf das festliche Abenteuer von Paul – 22 Jahre alt, manchmal etwas still, aber nicht halb so dumm, wie er aussieht – der aufgrund einer Verkettung unglücklicher Umstände das Weihnachtsfest in diesem Jahr zum ersten Male nicht mit seiner Familie verbringen konnte. Schuld waren unter anderem Familienfehden, Ebbe in der Reisekasse und eine wichtige Konferenz in Übersee, an der seine Eltern unbedingt teilnehmen wollten, seit sich Tante Frederike mit Anhang über die Festtage angekündigt hatte. Die Lösung war, und man verzeihe mir an dieser Stelle eine Reihe cocacolachristmasschwangerer Angliszismen – sich raus aus der gewohnheitsgestalteten Cozy-Comfort-Zone der heimischen Crew und hinein ins culture-clash-winter-Wonderland eines entfernten Ortes zu bewegen. Sprich: Er durfte Weihnachten bei der Familie seiner Freundin Irene verbringen, die, so behauptete seine Holde zumindest, sich herzlich darüber freute.
Damit konnte Paul leben, allzu wichtig war ihm das Weihnachtsfest im Kreise seiner Familie nie gewesen. Er war kein Weihnachtsmuffel, aber er hatte schon früh gelernt, dass er für die zeitlosen Glücksmomente und das warme Wintergefühl, dass er in seiner Kindheit so geschätzt hatte, inzwischen selbst verantwortlich war. Selbst die Magie der Geschenke hatte im Alter stark abgenommen – man musste ja nun selbst welche machen – und die Familienzusammenkünfte waren aufgrund von Zänkereien spürbar kleiner geworden.
Nun bekam er immerhin den alten Familienkombi geliehen und konnte die Reise zu den Eltern seiner Freundin mit ihr gemeinsam sowie stilecht bei Weihnachtsmusik auf 200 Dezibel und Knutschereien an jeder roten Ampel begehen. Von seinen Eltern mit einem Umschlag voll Geld ausgestattet und mit seinen besten Jeans im Gepäck, machte er sich so am 23.12 erwartungsvoll auf den Weg.

Malte Klingenhäger Kurzgeschichte: KulturkontaktWie er nun 2 Stunden später vor der fremden Pforte stand, die seine Freundin bedrohlich quietschend (die Pforte, nicht Irene) für ihn öffnete, war er bezüglich der auf ihn wartenden Reifeprüfung allerdings größtenteils ahnungslos. Er hatte Irenes Eltern schon kennengelernt. Sein Wissen beschränkte sich allerdings auf einen unentspannten Abend, an denen sie alle zusammen essen waren und er am Business-Ende jeder Frage gesessen hatte, die gestellt wurde. Aus einer solch defensiven Position war das Kennenlernen absolutes ein Interpretationsglückspiel. Wirklich vorbereitet war er also nicht und nun entsprechend nervös, aber er ging davon aus, schon irgendwie mit allen Beteiligten klarzukommen. Außerdem war Weihnachten, da sollte jeder herzlich sein, fand Paul. Gott, was musste Paul noch viel lernen.

Die erste neue Erkenntnis betraf allerdings seine Freundin, die er in den kommenden Tage völlig neu kennenlernen musste. Das lag weniger daran, dass sie sich aus dem Kleiderschrank ihrer Kindheit bediente, als dass sie sich mit ihren alten Pullis auch die Rolle der Tochter übergestreifte. Er hatte zwar an sich selbst festgestellt, dass er, je länger und weiter er von daheim fort lebte, den Habitus seiner Eltern annahm – wie einen Werkzeugkasten, auf den man zurückgreift, wenn die Welt um einen fremder wird – aber er hätte sich nie träumen lassen, dass sich dieser Effekt auch umkehren könnte. Weg war sie nun, die selbstständige, eigensinnige, aber doch so rücksichtsvolle Irene. Stattdessen war er die folgenden Tage mit einer ständig quengelnden 14 Jährigen zusammen, die abgesehen von ihrer Oberweite nichts mehr mit seiner Freundin gemein hatte. Er nahm sich fest vor, bei nächster Gelegenheit darauf zu achten, ob sich eine solche Evolutionsumkehr auch bei ihm beobachten ließ, wenn er im Kreise seiner Familie weilte. Jetzt hoffte er, dass Ursprungstheorie auch jetzt griff, und er sich fernab von zuhause automatisch erwachsen gab.

In Irenes Elternhaus selbst fühlte er sich sofort wohl. Irenes jüngere Schwester hatte zusammen mit ihrem Vater die Dekosau rausgelassen und wirklich jedes Zimmer verziert, selbst auf dem Spülkasten stand ein kleiner Febreeze-Engel. Einen Weihnachtsbaum gab es im geräumigen Wohnzimmer auch. Etwas, dem Pauls eigene Familie bereits seit Jahren abgeschworen hatte. Kein Baum sollte für ein Fest sterben, für dass sie nicht einmal mehr in die Kirche gingen. Damit hatte sich Paul nicht nur abgefunden, sondern seine Mutter bei dieser kleinen Revolution sogar unterstützt. Doch hier und jetzt ertappte er sich dabei, wie er sich über das grüne Monstrum freute, auch wenn es ganz anders geschmückt war, als in seinen Kindheitserinnerungen. Er wirkte amerikanischer: mehr Kugeln, weniger Engelchen, kaum Lametta. Direkt vor dem Baum stand ein bewundernswert roter Ohrensessel, in den sich Paul jedoch nicht zu setzen wagte. Er sah zu würdevoll für einen jungen Mann aus, der in diesem Haus eigentlich bloß den ganzen Tag im Schlabberpulli seiner Freundin hinterherschlurfte und versuchte, möglichst wenig im Weg zu stehen.

Was Paul auf der Hut sein ließ, waren die marginaleren Unterschiede. Beispielsweise waren da Schlösser auf den Toiletten, die ihn dadurch verwirrten, dass Schlüssel in ihnen steckten. Paul war in einem Haushalt aufgewachsen, in dem die Türen nirgendwo Schlüssel hatten. Man schloss nicht ab, man war Familie und respektierte die Privatsphäre der anderen von ganz allein. Selbst wenn er alle Familien- und sonstige Feiern dazurechnete, kam er auf nicht mehr als zwei Situationen im Jahr, in der sich die Klotür einen Spalt geöffnet hatte, bis er ihr ein ‚Besetzt!‘ entgegenrief und durch die dann hektisch zugezogene Tür nicht ein Hauch Scham entkommen konnte. Paul verstand nicht, wie man davor so viel Angst haben konnte, das es Schlüssel brauchte. Oder die gewaltige Angst dieser Familie vor Einbrechern, immerhin wohnte man nah an einer Grenze. Was auch immer sie an Marodeuren aus dieser Richtung befürchteten, sie setzten ihnen alarmgesicherte Fenster und eine verstärkte Haustür entgegen, ließen die Kellertür aber gerne mal offen, wenn sie einen Spaziergang machten.

Vor Irenes übriger Verwandtschaft, die spät am Weihnachtsabend eintrudelte, schützten diese Maßnahmen freilich nicht. Sowohl seine Freundin als auch ihre Eltern schienen unter dem Besuch zu leiden, Paul hingegen halfen all die neuen Leute mehr als die bisher erfahrene Gastfreundschaft, sich nicht mehr so stark wie ein Fremdkörper zu fühlen. Er verlebte Weihnachten in dem Luxus, die Menschen dieser Familie in ihrer Schönheit wahrnehmen zu können, derer sie selbst längst überdrüssig geworden waren. Da war das Anekdotenfeuerwerk von Onkel Arthur, der es liebte, auf möglichst unpassende Art und Weise Wissen zu vermitteln.
„Du willst wissen, was ein Monopol ist? Dann schau dir mal in den Schritt, DAS ist ein Monopol!“, tönte er beim Abendessen.
„Bitte?“, fragte Paul, der nun im Gegensatz zu allen anderen am Tisch, die den Text leise mitzumurmeln schienen, tatsächlich etwas lernen sollte.
„YKK, da auf dem Reisverschluss deiner Jeans. Steht für wai kei kei kabushiki-gaisha, eine japanische Firma, die produzieren 98% aller Reisverschlüsse auf der Welt. Gibt auch Werke hier in Deutschland!“, referierte Arthur aufgerissenen Augen.
Oma Gertraut, die mit einer immer wieder überraschenden Mischung aus weltgewandtem und provinziellen Humor glänzte, sprang sofort ein und erklärte mit der schrillen Stimme, die nötig war, jemanden wie Onkel Arthur zu unterbrechen: „Japanisch ist trivial. Bringe ich euch in 10 Sekunden bei! Ihr müsst einfach ein paar Vokale an die Worte hängen und lachen wie der Weihnachtsmann! Ich, Gertraut Pötterling, werde dann zu Gertraut-aaa Pötterling-aaa, ho, ho, ho – Tzack, japanisch!“
Seine Freundin vergrub ihr Gesicht hinter den Händen, ihre Mutter seufzte, Arthur schmunzelte und Paul fiel vor Lachen fast vom Stuhl.

Bei der darauffolgenden Bescherung blieb im selbiges allerdings im Halse stecken, als sich herausstellte, dass seine mitgebrachten Geschenke ihr Ziel allesamt verfehlt hatten. Die Mutter mochte keine Pralinen, der Vater besaß das Kochbuch schon und Onkel Arthur schob die kleine Himbeergeistflasche schnell in die Mitte des Tisches – er war nun seit 3 Jahren trocken, wie Irenes Mutter Paul zuflüsterte. Irene zumindest freute sich über die Konzertkarten, die er besorgt hatte, doch Pauls größtes Geschenk an sie war, niemandem zu verraten, dass sie ihn bei der Auswahl der übrigen Geschenke beraten hatte.
Man bedankte sich trotzdem artig in alle Richtungen und tatsächlich hatte Paul mit dem Kellnermesser etwas geschenkt bekommen, für das er in seinem neuen Nebenjob durchaus Verwendung hatte. Alles in allem war Paul zufrieden. Er hatte Irenes Eltern in dieser eigentlich stressigen Zeit viel besser kennenlernen können, als bei den vorangegangenen Essen. Sie mochten ihn und er mochte sie. Außerdem waren sie, so schätzte er, mit seinen kompatibel, sollte es irgendwann mal zu einem Treffen kommen.

Als er sich am zweiten Weihnachtstag mit einer Kiste Wein für seine Eltern im Gepäck, den diese niemals trinken würden, auf den Heimweg machte, freute er sich darauf, wieder in seine eigene Familie einzutauchen. Er hatte in den vergangenen drei Tagen so häufig über sie nachgedacht, dass er sie schon fast etwas vermisste. Dabei hatte er aber nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Es mag eine allgemeine Vorstellung davon existieren, wie eine Weihnacht zu feiern ist, tradiert durch Weihnachtsfilme, Musicals, die Kirche und all den Talking-Heads mit Bärten, aber in die Realität einer lange gewachsenen Familienbande einzubrechen, die nicht die eigene ist, bringt einen Erfahrungszuwachs mit sich, den der Spiegel der Kunst und Kultur niemals erzeugen könnte. Und während Paul und euch so langsam dämmert, dass diese Erkenntnis diese Geschichte völlig untergräbt, gehe ich jetzt einen Glühwein trinken.

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