Malte Klingenhäger

Kann ich das eigentlich ernst meinen?

Es ist dieser neue Stil, den ich so hasse. Der Stil, der zu viel ’so‘ gebraucht, dieses ‚äh‘ des modernen Schreibens. Und den Leser in unvollständigen Sätzen, Wiederholungsschleifen und Fragmenten ertrinken lässt. Und dann diese Verben der Uneindeutigkeit: Vielleicht, scheint, irgendwie. Bloß, damit alles lässig wirkt, abgeklärt. Ein Text, in dem jeder Satz mit einem nervösen Lachen abschließt, wie bei einem Witz, bei dem man sich nicht sicher ist, ob er gut ankommt. Man sich so doppelt schützt und dabei stolpert: Es ist ja bloß ein Text. Es ist ja bloß eine Figur und diese ist sich ihrer Sache noch nicht einmal sicher.
Sicher ist, dass es schön ist, so eine Hülle für die eigene Weltschmerzpredigt zu haben, die man spöttisch auf die Bühne schicken kann. Scripted Reality für Abonnenten der Zeit, ein Rollkragenpullover für dein Hirn. Unzulänglich, lächerlich, aber grade noch authentisch genug, weil ja Gedankenstrom, intrinsisch und Ideen, die man nachts alleine im Bett hat, wenn es dunkel ist. Eine elaborierte Teenagerarroganz, ab Mitte zwanzig jederzeit abrufbar.
Ihr seid bloß zu feige, eure Figuren zu lieben, denke ich mir, wollt dem Diskurs entkommen. Weil wir inzwischen die Endlichkeit der Wahrheit kennen und unsere Textbabys keine Monumente mehr sind, sondern eben das: Babys, die irgendwann erwachsen werden und sterben. Was vage ist, bleibt vielleicht länger frisch, denkt ihr. Habt die Sprache entzaubert und tretet den eigenen Worten nun eingeschüchtert entgegen. Fickt euch, will ich dann schreien, wenn ich sowas lese, aber das meine ich ja nicht so.

Malte Klingenhäger Kurzgeschichte: Kann ich das eigentlich ernst meinen?Ich bin ja vielleicht nur ein bisschen neidisch und ärgere mich über mich selbst. Darüber, dass ich klassischem Erzählen und glatten Sätzen verfallen bin und mich bei alledem ein bisschen selbstverliebt fühle. Aber ich kann ja nicht ‚Fick Mich!‘ schreien, zumindest nicht in diesem Kontext – aber das sollte ich können, denn Selbsthass braucht starke Worte. Da will man ja nicht irgendwen beschreiben.
Ich lese also diese Autoren und weiß nicht, ob ich jetzt beeindruckt oder angeödet bin. Das liegt inzwischen echt nah beieinander. Denn da will ich ja auch irgendwie dazugehören, aber ja ohne Individualitätsverlust. Bin da nicht ganz sicher. In jede Ecke, die nicht meine eigene ist, werd ich ja bloß gedrängt. Schreib‘ halt Krimis, wird gesagt, da darf man das noch. Ist zwar nicht hip, aber es gibt ja auch ältere Leser. Fickt euch, entfleucht es mir dann, aber ich mein das ja nicht ernst. Ich weiß ja überhaupt nicht, wen ich da anpöble.

Ist doch eh alles nur in meinem Kopf. Ich weiß nicht, wer mich unter Druck setzt. Nur, dass diejenigen sich anscheinend selbst unter Druck gesetzt fühlen, was sie dann schreiben lässt, wie sie schreiben, was mich anödet. Habe ich ja eigentlich kein Recht zu, dass zu beurteilen. Die anderen aber auch nicht. Oder sollten sie? Ist ja Kunst – immer etwas schwierig mit dem Urteil. Vielleicht mal in sich gehen und nach dem Grund suchen, der einem zum Schreiben anhält? Vorhang auf! Da wären: Wut, Neid, Geltungssucht, Einsamkeit, Frustration, Träumerei, Langweile und so ein paar andere Worte, die nur Diagnosen sind und niemals Grund sein dürften. Fickt Euch, ihr Gründe, aber das kann ich ja nicht mal denken, denn dafür ist mein Kopf zu klein und der Strang verliert sich.

Autoren treffen ständig Entscheidungen, sind Richter, sehen sich auch als solche und Richter über Richter können bloß die Leser sein: Menschen – eigentlich die Verurteilten und damit komm ich grade gar nicht klar. Das sind die, die nach einer Lesung zu einem kommen und von Verstehen und Berühren erzählen, die verschmelzen und eine Mischung werden wollen. Verrichter, oder sowas albernes. Kollaborateure, Kulturparasiten, bloß hinaus aus dem Gefängnis, bloß vorbei an dem Gefängniswärter, der verdächtig nach einem inneren Schweinehund riecht. Dabei sind die doch bestimmt alle schlauer als ich. Da ist doch nichts zu verstehen, da ist doch nichts, weil nichts immer gleich ist und Smalltalk heißt Smalltalk weil er zu klein ist, um Unwägbarkeiten in Wortgefängnisse zu pressen. Das ist so, wie wenn ich ein ausgeliehenes Buch zurückgebe und gefragt werde, wie es mir gefallen hat. Da kann ich sagen gut oder schlecht und egal wie viele Worte folgen, keiner gewinnt etwas dabei, aber wir beide verlieren Zeit. Da kann ich sollen wollen wie ich lustig bin, da scheitert es am Vermögen.
Ein kleines Vermögen, das will ich wohl haben. Und den Leuten die Langeweile vertreiben, das will ich auch, sie etwas unterhalten, einen Applaus einheimsen und vielleicht ein hübsches Mädchen damit beeindrucken. Und wenn mir das nicht gegönnt wird, dann denk ich: Fickt Euch! Und das – das mein ich dann auch mal so.

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