Malte-Interview-Jonas-Ohland-MusikCh3shire alias Jonas Ohland bastelt schon seit einigen Jahren elektronische Musik. Der 21 jährige Physikstudent der TU-Darmstadt ist dabei meist als Solo-Artist unterwegs. Er arbeitet allerdings auch oft mit Künstlern und Grafikdesignern aus der ganzen Welt zusammen und dank englischsprachiger Promotionen verbreitet sich seine Musik international. Dazu schreibt er Geschichten und hat so Einblick in sprachlich- wie musikalisch-kreative Prozesse gleichermaßen.

kultextur: Welchem Genre oder welchen Genres lässt sich deine Musik zuordnen?

Ch3shire: Electronic Dance Music (EDM) – es würde wohl keinem einfallen, auf meine Musik zu tanzen, aber dieser Sammelbegriff umfasst am ehesten den Bereich, in dem ich mich bewege, eben Dubstep, Drum ‚n‘ Bass, Electro-House und Complextro.
Allerdings halte ich von diesem ganzen Genre-Zeugs nur bedingt etwas. Schau dir mal Heavy Metal an. Wie viele Genrerichtungen gibt’s da? Doch sicher bald eine für jede Band, oder? Und wir von der elektronischen Seite sind auch auf dem besten Weg dahin. Ich meine, ob das jetzt Moombah-Trapcore mit starken Psycho-Trance-Einflüssen ist oder doch eher 80ie-Tech-House mit Glitch-Hop Elementen, wer kann sich darunter noch was vorstellen?
Fest steht aber, dass ich eine starke Tendenz zur etwas brachialeren Seite der elektronischen Musik habe.

kultextur: Welche Rolle nimmt Sprache in der EDM im Allgemeinen und in deiner Musik im speziellen ein?

Ch3shire: EDM ist mit Sicherheit eine der am weitesten gefächerten Musik-Kategorien und extrem international geprägt. Daher kommen die meisten Tracks auch ohne Gesang aus – eine Tatsache, die vor Allem von Außenstehenden oft mit Missmut betrachtet wird. Andersherum gibt es Extremisten, die nach Möglichkeit gar nicht mit Texten konfrontiert werden wollen. Das sehen glücklicherweise nicht alle so. Eine interessante Eigenart dieser Szene ist aber, dass der gesungene Inhalt kaum zum Tragen kommen, der Klang der Stimme dafür umso mehr – ganz im Gegensatz zu Hip-Hop beispielsweise. Kaum einer kümmert sich darum, ob nun von Liebe, Mord, innerer Zerrissenheit oder von Backrezepten die Rede ist, wichtig ist nur, dass es gut klingt.
Was mich betrifft: Mit Gesang habe ich nur wenig gearbeitet. Bei dem ein- oder anderen Remix habe ich schon einmal Gesangsspuren bekommen, allerdings hatte ich da selbstverständlich keinen Einfluss mehr auf den gesungenen Inhalt. Das ist schade, aber diese Einschränkung stellt auch eine ganz neue Herausforderung dar.

kultextur: Wo kommst du noch mit Sprache in Berührung?

Ch3shire: Da ich einerseits alles englisch halten möchte, mein englisches Vokabular andererseits jedoch in etwa so gut gewartet ist wie eine ungeflickte Schotterpiste und ich dazu mit einem Dialekt jenseits von Gut und Böse gesegnet bin, bleibt es meistens bei den Facebook-Posts und dem Nachrichtenaustausch mit Fans und anderen Artists. Wer sich überzeugen will darf sich gerne eines meiner englischen Video-Tutorials ansehen – Katastrophe.
Ich überlege allerdings, in näherer Zukunft den Kontakt zu Vokalisten zu suchen und eben doch mal eine süße Stimme auf die Boxen zu legen. Solange das nicht meine Holzsägen-Stimme ist, bin ich zufrieden.

kultextur: Woher stammen die Sprachsamples ursprünglich? Werden sie nur nach Klang ausgewählt, oder gibt es andere Kriterien, beispielsweise Bekanntheit des “Zitats”?

Ch3shire: Wenn es um Gesang geht ist der Klang entscheidend, keine Frage. Was anderes ist es mit einem One-Shot-Sample, das beispielsweise vor dem Drop gespielt wird. Der Sinn hierbei ist, den Klang des Tracks mit einem stichwortartigen Kontext zu untermalen. Dazu bedienen sich die meisten der Universalplattform YouTube – irgendein Video findet sich immer. Skrillex hat das beispielsweise bei „Scary Monsters And Nice Sprites“ getan. Das „Oh my god“-Sample vor dem Drop kam ursprünglich aus der Aufnahme von einem Mädchen, das seinen Rekord beim Cup-Stacking bricht. Prinzipiell ist man da nicht eingeschränkt. Andere nutzen etwa Übertragungen zwischen Astronauten und der Mission-Control.

kultextur: Auf welche verschiedenen Arten lässt sich ein Sample einbinden?

Ch3shire: Auf jede Art – anders kann ich es nicht sagen. Je kreativer der Künstler, desto vielseitiger kann man ein Sample nutzen. Ob als Gesang, Erzähler oder Erzählerin, rhythmisches Element, Ambient-Effekt oder Grundlage zur Klangsynthese, es ist buchstäblich alles möglich, sofern man die Technik beherrscht.

kultextur: Unterstützt die Sprache eher die Musik oder wird eher versucht, die Musik um die Sprache zu weben?

Ch3shire: Kommt beides vor. Beim Produzieren von Originalen wird der instrumentale Track oft an Vokalisten gesendet, die dann ihrerseits Texte und Melodien schreiben, diese einsingen und zum Abmischen zurückschicken.
Beim Remixen von fertigen Tracks läuft es dann natürlich andersherum – man hat den Gesang und muss nun den Rest drum herum basteln, so dass es sich gut oder sogar besser anhört.

kultextur: Inwiefern verfälschst und bearbeitest du Gesang und welche Effekte erzielst du damit?

Ch3shire: Ein Beispiel: Die “Black Eyed Peas” verfälschen Gesang bis zum Exzess und erreichen damit mitunter ziemlich beeindruckende Effekte. Wenn ich mit Gesangsspuren zu tun habe, bemühe ich mich aber in erster Linie, sie möglichst naturbelassen rüberzubringen. Der Touch Künstlichkeit soll eher dezent bleiben. Wenn es aber mal nicht um Gesang geht – wieso nicht tiefer in die Trickkiste greifen? Man kann aus einem einzigen Wort eines beliebigen Menschen mit Resampling wirklich erstaunliche Klänge erzeugen. Das hat mit Sprache nichts mehr zu tun, aber die meisten Menschen hören, dass der Klang etwas Besonderes ist.

kultextur: Wenn die Grenzen zwischen Ton und Wort sich so auflösen, entsteht dann etwas Neues? Oder wird das Wort einfach nur ein weiterer Klang?

Ch3shire: Definitiv etwas Neues, auch wenn die Grenzen da durchaus verwischen. Viele Künstler vollziehen diesen Übergang tatsächlich mehrere Male pro Track. Wenn eine Sängerin sich im Chorus bis in ungeahnte Höhen vorarbeitet und der Künstler mit entsprechenden Mitteln dafür sorgt, dass das Sample auf dem letzten Vokal für den Rest des Stücks hängen bleibt, um den Klang in die Struktur einzuweben, lässt das den Hörer gleichermaßen entgleisen. Solche Effekte ziehen einen aus der Welt heraus, wie es gute oder außergewöhnliche Stilmittel in einem Text tun.

kultextur: Sind dir im kreativen Prozess beim Schreiben und Produzieren deiner Musik Gemeinsamkeiten aufgefallen? Das heißt du „schreibst“ Noten vielleicht oder achtest besonders auf den Klang deiner Texte?

Ch3shire: Interessante Frage, da habe ich noch nie drüber nachgedacht. Aber wo du es sagst, es gibt tatsächlich viele Gemeinsamkeiten. Beim Schreiben achtet sicher jeder auf den Klang des Satzes. Wer will schon einen holprigen, dissonanten Text lesen? In einem Gedicht wird das oft auf die Spitze getrieben. Dort fließt Rhythmus genauso ein wie in der Musik.
Umgekehrt macht das einen Ohrwurm ja aus, dass man ihn gut singen oder pfeifen kann. Je ähnlicher die Melodie dem Rhythmus oder dem Klang der Sprache ist, desto eher bleibt er im Kopf. Das ist auch der schwierigste Teil beim Produzieren.

Die kultextur dankt für deine Zeit und spannenden Antworten!

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