Torsten Schoeneberg

Hverarönð

Vom Mückensee fährt man einen Berg hinauf, nicht allzu hoch, aber die Vegetation hört auf; die Wärme im Auto und der blaue Himmel täuschen, draußen wird es windig-kühl geworden sein. Im Rückspiegel noch die Landschaft um den See, grün und gelb und wieder grün, ein Hof dort hatte drei Pferde, eines weiß mit braunem Kopf. Ein oder zwei Minuten der Paß über den Berg. Eine Mondlandschaft, witzeln wir, dann geht die Sicht auf die andere Seite. Und es ist ein Schock, trotz der Witzelei: Mond? Mars!

Torsten Schoeneberg Kurzgeschichte: HveraröndAlles, bis zum sehr weit entfernten Horizont, unter dem klaren Himmel, eine blaßrote, absolut tote Landschaft. Da ist nichts; keine Vegetation, erst recht kein Tier (am Berg drüben hatten noch Schafe gestanden); nur eine gerade Straße und weithin zerstreut Steine in unterschiedlichen Tönen von Rot. „Da ist kein Leben“, sage ich, und dann sehe ich es und sage: „Und da ist der Grund dafür“, und da ist es, nahe am Berg, den wir hinunterfahren, rechts: eine Fläche, in der Blau, Grau, Gelb, Grün im Rot schimmern, und an vielen Stellen schießt Rauch aus der roten Erde und fliegt beinah waagerecht weg, auf die Straße zu. Dazwischen ein Parkplatz, einige Touristen laufen zwischen den dampfenden Becken und rauchenden, wie brennenden Erd-Höckern herum, alle fast völlig vermummt in ihrer bunten Funktionskleidung, und jetzt riechen wir es auch im Auto: Schwefel, der Geruch, der immer wieder auf dieser Insel und uns längst bekannt ist, jetzt ist er sehr stark. „Faule Eier“ sagt man immer pietätvoll, aber eigentlich ist es der Geruch von Scheiße, genauer: der Teil davon, der stechend ist.

Unten angekommen, die Autotür fliegt beim Öffnen fast weg wegen des scharfen kalten Windes, und man packt sich dick in die eigene bunte Funktionskleidung ein, nicht so sehr wegen des Windes, sondern wegen der feuchtwarmen ekelhaft stinkenden Schwaden, die einem entgegenkommen und denen man, im Zickzack laufend, auszuweichen versucht. Laut ist es hier, wie brüllend; nicht nur der Wind; nicht vor allem der Wind, sondern die kochende, zischende, schreiende Erde. Im Zickzack zu dem ersten – was? Hügel? Steinhaufen? Es ist, als ob die rote Erde einen mannshohen Pickel ausgestülpt hätte, aus löchrigem Stein, der gelb und grün und um die Löcher weiß, völlig rein geätzt ist. Handgroße Löcher, aus denen der Dampf schießt und vom Wind weggerissen wird. Wie nah heran traut man sich (von der windabgewandten Seite)? Man spürt, wie heiß es in diesem Steinhaufen ist, man riecht es, sieht es, hört es vor allem. Man spürt, wie die Erde unter einem zittert, wie es darunter brodelt; man hört das Kochen, das diesen Höcker, die löchrige Kuppel, dieses mannshohe brockig-rundliche, nicht anfaßbare Schlot-Ding ausgeworfen hat. Unter der Erde ist das, was hier in Bewegung ist und geräuscht; sonst ist hier nichts.

Schon auf einen Meter muß man sich mit Handzeichen verständigen, weil man das ganze Gesicht einpackt und weil man nichts hört als ein das Windpfeifen übertönendes Zischen und Rauchen. Und da sind viele von diesen heißen Iglus, in denen nichts wohnt als kochendes, zerfetztes Schwefelwasser (vielleicht mit zerkochten zerschleuderten weißen Steinchen darin), und da vorn am Hang sind ein paar gelbe Kessel mit kochendem grauem Schlamm und ein paar flache Becken, in denen das dampfende Wasser seltsam klar wirkt, ungesund klar, der Beckengrund gelb und grau schimmernd, dieses Schimmern ist das Unheimliche. Das Wasser ist tot-klar: Kein Leben.

Mehr noch. Nicht nur daß hier nichts lebt: Hier soll nichts leben. Immer wieder bekommt man eine Schwade ab, warme kleine Tröpfchen im Gesicht, die nicht mehr stinken, weil sowieso alles stinkt. Etwas drängt: Weg hier. Das Staunen hält einen da, aber der Wind schreit einen an, die Quellen und Schlote kreischen in die Ebene (wie jede ihr eigenes Geräusch hat: eine wie ein überdrehter Staubsauger, eine wie ein startendes Flugzeug), der Gestank läßt einen die Hand nicht von Mund und Nase nehmen: heiße nach Scheiße stinkende Schwaden jagen durch die Luft (gerät man hinein, wird es sofort dunkel, und man kann und will nicht atmen), dazwischen kalter Wind, und der Boden unter den Füßen zittert ein wenig (man selbst zittert vielleicht auch), er wackelt, und hier und da, wo der Grund statt weißrot gräulich ist, sinkt man ein wenig ein, ins hier und dort überlaufende und dann langsam an der eigenen Wärme verdampfende Schwefelwasser. Oder man sieht die feinen Risse im Grau, die Stellen, wo die Erde einfach aufgerissen oder aufgeplatzt ist, sie ist dünn und schwach hier. Unter uns fließt, zuckt, vibriert es. Schafft man es, den Blick zu heben, ist nicht einmal eine Wolke am Himmel. Alles, was fliehen konnte, ist von diesem Ort geflüchtet, und selbst der Erdboden scheint nicht hier bleiben zu wollen, so flach und brüchig wirkt er, wie eine letzte dünne aushaltende Schicht, die sich am liebsten in Rauch verwandeln und vom Wind schnell wegtreiben lassen würde. Das Staunen hält noch, aber alle Grundtriebe wollen weg hier, mit dem Wind, noch ein paar Schwaden überstehen, ins Auto und dann weiterfahren, hinaus in diese tote Mars-Ebene, die wenigstens nur tot ist, die bloß unter jenem Gesetz steht, unter der Herrschaft dieses Ortes. Dieser Ort aber ist das Gesetz selbst: Hier soll nichts leben.

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