Dierk Seidel
Glück gehabt
Er rannte und rannte und winkte und sprang dann noch gerade rechtzeitig in den Bus der Linie 703. Hinter ihm schloss sich sofort die Tür und der Bus fuhr an. Er, noch laut nach Atem ringend, griff geistesgegenwärtig eine Haltestange und stand stabil. Sein Atem wurde ruhiger und er lächelte. Diesen Bus hatte er nicht verpassen wollen.
»Das war aber ein Spiel mit dem Feuer, junger Mann«, sagte ein Mann um die 70, der direkt hinter ihm saß.
»Wie meinen Sie das?«
»Na, das war verdammt knapp.«
»Ich gewinne eigentlich immer.«
»Das wirkt aber ziemlich überheblich.«
»Wir können ja ein Spiel spielen.«
»Ich spiele nicht. Niemals«, schloss der ältere Mann und faltete demonstrativ eine Tageszeitung aus. Der Spieler dachte nach. Ein guter Tag war das bisher.
Als er heute Morgen zum Brötchenholen aus dem Haus ging, blieb er wie immer einen kurzen Moment vor der Haustür stehen und atmete die Stadtluft ein. Er mochte diese Luft. Doch heute Morgen war etwas anders. Es lag etwas in der Luft. Er blickte nach links und dann nach rechts. Er lächelte. Links und rechts neben der Haustür hatte sich irgendjemand übergeben müssen. Frau Schuster aus dem ersten Stock näherte sich dem Mehrfamilienhaus. »Haben Sie das schon gesehen, da hat jemand hingekotzt. Nicht nur einmal, gleich zweimal, links und rechts, was ist nur aus der Gegend hier geworden.«
»Guten Morgen, Frau Schuster. Sie müssen das anders sehen. Wir haben Glück gehabt. Die Person hätte auch direkt vor unsere Haustür kotzen können. Eigentlich müssten wir doch dankbar sein.«
»Ach Sie wieder, Sie gehen bestimmt auch wieder auf so eine Stadtbild-Demo. Aber sehen Sie sie sich das doch mal an, hier die Kotze, da Müll, dann diese kaputten Fahrräder.«
»Und Sie meinen, im großen Stil abschieben hilft gegen kaputte Fahrräder und Kotze neben unserer Tür?«
»Bitte, was? Nein, natürlich nicht, so etwas in Verbindung zu setzen, ist doch albern.«
»Aber meinten Sie das nicht mit Ihrem Kommentar zur Stadtbild-Demo?«
»Nein, junger Mann. Ich meinte das genau so, wie ich es sagte. Müll, Kotze und kaputte Fahrräder werden von Menschen verursacht. Nicht mehr, nicht weniger. Das können Politiker anders meinen, aber ich meine es genau so. Und jetzt lassen Sie mich mal durch, ich hole jetzt einen Eimer Wasser und mache das hier sauber.«
»Tun Sie das, aber ich würde ja einfach auf den Regen warten.«
»Es regnet heute nicht.«
Er ließ Frau Schuster passieren und ging Richtung Bäcker. Keine zehn Minuten später goss es in Strömen und er beschloss, in der Bäckerei zu frühstücken. Eine Frau, in etwa in seinem Alter, kam hinein, schüttelte ihren Regenschirm aus und setzte sich zu ihm. »Hallo, ich bin Anita, ist hier frei?«
»Moin, bin Lars. Alles gut.«
»Lars, wie der kleine Eisbär.«
»Oder wie Lars Ulrich, oder Lars Klingbeil, oder Lars Eidinger. Da muss man doch nicht direkt an den kleinen Eisbären denken.«
»Tschuldige, wusste nicht, dass du da so empfindlich bist.«
»Na, wie auch. Du kennst mich ja gar nicht.«
»Wir könnten das ändern. Willst du noch etwas trinken?«
Er nickte und sie unterhielten sich den gesamten Vormittag.
Später rief er seinen Kumpel Riegel an und erzählte von der Begegnung mit Anita.
»Wir haben nicht einmal Nummern getauscht, ich weiß eigentlich gar nichts von ihr.«
»So, wie ich dich kenne, wirst du ihr wieder begegnen. Du hast doch immer Glück. Beim Spiel, in der Liebe, immer.«
»Lass uns wetten, dass ich sie nicht wieder treffen werde.«
»Das ist eine alberne Wette, du wirst in jedem Fall gewinnen. Entweder die Wette, oder aber du triffst sie und hast dann auch gewonnen.«
»Wie sagtest du eben, ich gewinne immer.«
Beide lachten.
»Sehen wir uns heute Abend beim Konzert«, fragte Riegel.
»Ja, definitiv. Die lasse ich mir doch nicht entgehen.«
»Manchmal wünschte ich, wir wohnten in Seattle.«
»Wegen der Bands?«
»Ja, natürlich.«
»Eine Stadt macht noch keine gute Band, es sind die Musiker:innen, die eine gute Band ausmachen.«
»Ja, ja, bis heute Abend.«
Den restlichen Tag arbeitete er. Um kurz nach sieben blickte er auf die Uhr, machte sich fertig und ging zu seinem Fahrrad. Die Reifen waren zerstochen und die Handbremse abgerissen. Er dachte einen Moment an Frau Schuster und dann daran, dass er noch nie ein Spiel verloren hatte. Er suchte in seinem Telefon den nächsten Bus. Die 703. In drei Minuten. Er rannte los.
Lars studierte die Rückseite der Zeitung des älteren Mannes, doch es langweilte ihn. Nachrichten, die er schon gestern im Netz gelesen hatte. Er hörte seinen Namen.
»Lars, Lars, wie gut ist das?«
Lars drehte sich um und sah in der hintersten Sitzreihe Anita sitzen. Sie winkte ihn zu sich heran und er ging hin.
»Lars, ich dachte, du fährst kein Bus, niemals.«
»Ich habe Glück gehabt. Jemand hat mein Fahrrad kaputt gemacht.«
»Was ist denn daran Glück?«
»Dass wir uns dadurch hier treffen.«
»Zufall.«
»Glück. Und ein schöner Moment.«
»Nächster Halt: Kanalbrücke. Konzerthalle.«
»Ich muss hier raus.«
Er drückte die Stop-Taste und eilte zur Tür.
»Find ich dich bei Insta?«, rief sie ihm hinterher.
»Wenn du Glück hast.«
»Wie heißt du da?«
»So, wie ich heiße: Lars Wegers.«
Er sprang hinaus, die Türen schlossen und der Bus fuhr davon.
Riegel klopfte ihm auf die Schulter.
»Da bist du ja, alles gut?«
»Du hättest die Wette gewonnen.«
»Es freut mich, dass du trotzdem gewonnen hast, du überhebliches …«