Malte Klingenhäger

Ertappt

Jemand riet ihm, wenn die Verbindung zum Publikum mit wachsender Routine abzustumpfen drohe, wenn das Lampenfieber fehle, das Gähnen auf der Bühne sein Pendant im Publikum zu übertönen begänne, dann solle er sich an seine Message klammern: die Weisheit unters Volk bringen. Seine Mission als Mann des Geistes annehmen, seine Weltsicht pointiert formulieren und mit der Kraft der Stimme sprechen, die nur im Kokon der vollkommenen Überzeugung von sich und seinen Ideen heranwachsen kann. Also hockt er sich hin und schreibt ein Plädoyer, den Protestsong des Schreiberlings. Oder es ist ein Rant, wer weiß das schon, denn für Begriffsdefinitionen und Trennschärfe bleibt bei all dem Sendungsbewusstsein, dass nun fiebrig die Zeilen füllt, keine Zeit.

12-2014-Malte-Kurzgeschichte-ErtapptUnd dann steht er mit diesem eigens zu diesem Zwecke geschriebenen Text auf der Bühne und wünscht sich noch vor dem ersten Wort, es möge irgendeine dieser scheinwerferergeborenen Konturen vor ihm aufspringen und ihn einen Betrüger schimpfen. Dann könnte er Nicken, abtreten und sich unter die Leute mischen. Aber das Publikum schweigt, denn er sitzt ja auf einer Bühne, er wird schon etwas zu sagen haben und wenn man die Kunst nicht unmittelbar als solche erkennt, darf man das auch nicht sofort zeigen.
Er gibt ja auch sein Bestes. Er versucht sein Publikum dort abzuholen, wo es sitzt, aber eigentlich nirgendwo hin mitzunehmen, wo es sich allzu fremd und unwohl fühlt. Die einzig echte Bewegung wäre schließlich die Flucht. Und so liest und plädiert er vor sich hin, während ihm langsam dämmert, dass er auf dem Holzweg ist und er seinen eigenen Worten nicht mehr glauben mag. Dann spürt er plötzlich, wie er vor Scham über den Unsinn, den er verzapft, die Seiten wechselt, wie er aus seiner Haut fährt und ein Teil des Publikums wird und gleichzeitig einen Hass auf die Verkörperung von sich entwickelt, die dort auf der Bühne selbstgerecht weiterschwafelt.

„Steig‘ vom Rad, wirf dein Handy in den See, halte ein und schnuppere an einer Blume – weil du es dir wert seien solltest“, tönt es, aber er weiß aus sicherer Quelle, dass der Clown dort oben nicht aus direkter Erfahrung spricht. Das letzte Mal, das er sich bewusst Zeit nahm, hat er ein Ballerspiel am PC gespielt und jede Minute geschossen und genossen. Aber das ist ja keine Kultur, dass passt nicht zum Künstler. Der scheint Begriffe wie Entschleunigung und Verben wie Genießen gezwungenermaßen technologiefeindlich und reaktionär verwenden zu müssen. ‚Ich hatte gestern ein ungemein tiefsinniges Gespräch‘, das ist ok, aber wehe es war ein ausschweifend kreativer Chat, der ihn die Nacht wachgehalten hat. Und hat sein Smartphone nach einer gewissen Eingewöhnungsphase sein Leben nicht bereichert? Plant er nicht sogar den Kauf eines neuen?

Er erinnert sich, wie der Wechsel von seinem alten Handy auf ein Smartphone ihn seelisch mitgenommen hatte. Aber nicht, weil er zunächst an der Bedienung scheiterte, sondern weil er glaubte, sich nun ungefragt ständig rechtfertigen zu müssen: Dass sein altes Handy ja kaputt war und es keine normalen mit Kamera mehr gäbe, er diese für schnelle Schnappschüsse aber brauche und somit gezwungen war, sich so ein smartes Drecksteil zuzulegen, auch wenn er sich immer davor gesträubt hatte. Außerdem wäre es immerhin nur das alte, gebrauchte Gerät der Mutter eines Freundes. Bezahlt hatte er es nicht, das macht die Sache doch etwas besser, oder? Jahrelang hatte er gewettert, alle würden nur noch auf ihre kleinen Displays starren, weil man sowas als Künstler doch ironisiert. Ständig gemosert, dass nur Dienstboten überall erreichbar sein sollten und nun allen erzählen zu müssen, man habe das Handy eigentlich immer auf lautlos. Dieses Alleinstellungsmerkmal, kein modernes Handy zu haben, dann zu verlieren, diesen Bruch in der Selbstdarstellung zwanghaft zu überwinden versuchen, seine öffentliche Selbsterzählung irgendwie zu kitten … Dazu diese irritierende Freude darüber, wenn er irgendwo eine passende Rechtfertigung aufgeschnappt hatte, die sich verwenden ließ, um seine technologische Mitgliedskarte in der Welt der Sterblichen zu erklären. Man kann heute ja nicht mehr ohne und er war ja im Widerstand! Waren die anfänglichen Bedienungsschwierigkeiten und die verzögerte Anschaffung nicht der beste Beweis?

Fällt euch diese Selbstinszenierung nicht auf, euch, die ihr hier im Publikum sitzt, denkt er? Schaut doch mal genau hin, der Typ liest doch bloß ab! Zwischendurch blickt er dann bedeutsam ins Publikum, sucht mit dem tiefsinnig glänzenden Blick des Poeten den Augenkontakt zu allem, was dort so ehrwürdig lauscht und leise vor sich hinatmet. Er, übungsbedingter Meister der Selbstdarstellung, der doch so anders und besonders ist, wirft mit Wortbrocken und Narrativen um sich, die ihr gierig aufschnappt und in eure eigene, ach so kulturbewusste Identität verbaut. Und dann kommt sowas raus wie: ‚Ich habe festgestellt, dass ich das derzeit für mich als Mensch nicht brauche‘, oder Menschen, die auf die Frage, ob man sich mit ihnen bei Facebook befreunden könne, nicht bloß mit ‚Nein, ich habe kein Facebook‘, sondern ‚Nein, ich habe kein Facebook, WEIL …‘ antworten. Das durchschaut er doch, weil er es selbst tut, was ihn dann noch viel, viel mehr aufregt.

Ja, es sind auch gute Worte dabei. Und Gute Worte, das ist dort, wo Ideen beginnen – aber eben bloß nicht zugeben, dass dies ein Star-Trek Zitat ist, das ist doch Weltraumquatsch. Bloß nicht zugeben, dass der kreativste und witzigste Satz, den er diese Woche gelesen hat, eine schräge Beleidigung eines Onlinespielers war, die als Zitat in den dunklen Seiten des Internets umhergeistert.

„Ich tacker deiner Mutter meine Schamhaare an die Stirn, du Güllefass!“ – wer ist noch in der Lage, sich so etwas auszudenken, wenn er wütend ist? Das ist großartig.

Der Typ dort auf der Bühne, denkt er, das ist nicht euer Feind, aber seine Freundschaft ist gefährlich, wenn ihr euch mit ihm im sprachlich elaborierten Selbstbetrug verbündet. Da seid doch lieber ehrlich zu euch. Wir sind alle zur Unterhaltung hier und weil Kunst ja auch irgendwie was ist, was man sich mal geben muss, aber da hofft doch keiner auf die Erleuchtung. Und die Mädels eben, die so schön gesungen haben, das war klasse. Oder dieser Tanz, der euch neu war, der war spannend, oder? Aber das hier? Was kommt da jetzt, ein politisches Statement in einem Nebensatz? Traut ihr diesem Typen, der die Zeitung liest, die seiner politischen Einstellung am ehesten entspricht, weil’s halt einfach bequemer ist, als eine echte, thematische Auseinandersetzung und der Umbau zahlreicher Synapsen – traut ihr diesem Typen wirklich eine fundierte Analyse in einem Sachverhalt zu, den er nur feige andeutet?
Hach, diese Waffenlieferungen an die Kurden. Es folgt allgemeines Kopfschütteln durch die Schwingung des gegenseitigen Eierschaukelns – der Typ weiß doch, für wen er hier liest. Sicherlich sympathischer als Mord und Totschlag zu verlangen, aber so wirkmächtig wie ein Kamm bei Glatze. Und wenn doch, übersteht die Katharsis nicht einmal die Nacht. In der Seele berührt nach Hause geschlendert, im Glauben, als Mensch 2.0 wiedergeboren zu werden, eingeschlafen, und am nächsten Morgen dann doch als Version 1.01 aufgewacht. Schöne Scheisse. Da passiert irgendwo ein Genozid und Dagegen-Sein rettet niemanden. Nein, er glaubt nicht an Waffenlieferungen. Aber eine Lösung hat er halt auch nicht.

Es würde ihm bloß schwerfallen, nur weitere Fragen in den Raum zu werfen, wenn ihn alle so erwartungsvoll anschauen. Aber ist es nicht sinnvoll, sich erst einmal mit sich selbst zu versöhnen, bevor man die wichtigen Dinge anpackt? Zuzugeben, dass man gestern heimlich bei McDonalds war, zu lange geduscht hat, Pennern nicht in die Augen schauen mag? Man kann der Welt nicht genügen, sie ist zu groß, vor allem in unseren Köpfen – aber das zu akzeptieren, muss einen ja nicht blockieren. Steckt die Energie, die sonst in die Selbstdarstellung flösse, dann in Versuche tatsächlicher Veränderung. Das ist schon schwer genug. Müsste es dem authentischen Arschloch nicht leichter fallen, sich selbst anzupacken, als dem falschen Freund? Wir würden ja nicht so viel Inszenieren, wenn wir nicht kaschieren müssten. Und er, dort oben auf der Bühne, möchte weder bei der Inszenierung helfen, noch den Druck aufbauen, der andere dazu zu zwingen scheint. Ja, das würde er ihnen gerne mitgeben. Aber das mag er nicht sagen, weil ihm dieses Urteil nicht zusteht. Da müsste er sich an die eigene Nase packen. Vielleicht versteckt er sich dann auch nicht mehr hinter einem Personalpronomen. Vielleicht haben das ‚er‘ und das ‚man‘ dann ausgedient und er ist wieder bereit, echte Aussagen auf der Bühne zu treffen. Und vielleicht geht es dann auch schon eher um euch.

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