Alexander Thinius

Erster Brief – in dem Alex der Ente schreibt, warum seine Band Alerusjon ein ‚Bandprojekt‘ und nicht bloß eine ‚Band‘ ist

Liebe Ente,

ich möchte dir Alerusjon vorstellen. Alerusjon ist meine derzeitige Band, oder, wie man heute gerne mal sagt: mein Bandprojekt. Letzteres klingt irgendwie mehr nach Flüchtigkeit und Effizienz. Nach einem Zeitabschnitt mit einem klaren Rahmen. Nach Planbarkeit. Es klingt so, als hätte man immer mehrere davon. Jedenfalls klingt es nicht nach einer Band, die immer zusammen ist und eine Einheit bildet, so wie sich vielleicht Metallica verstanden haben. Aus dem Bandsubjekt wird das Bandprojekt und alles wird lockerer und ehrlicher: musikalische Polygamie und Promiskuität, Langzeit- oder Lebensabschnittsbeziehungen – alles egal, alles möglich. Kein Fremdgehen, kein böses Blut. Und niemand muss sich mehr darum sorgen, ob eine Yoko Ono die Band zerstört oder ob irgendein James Hetfield Zeit mit seiner Familie verbringen darf. Das ist doch eigentlich ganz angenehm, oder?

Wie auch immer – Alerusjon setzt sich jedenfalls aus einem Akkordeonist, einem Geiger und einem Gitarristen zusammen – letzterer bin ich. Der Bandname liest sich dabei wie französisch „a l’érosion“ oder wahlweise auch wie düsseldorferisch „alle russ jonn!“ – das ist möglicherweise ziemlich tiefsinnig, hat aber, wie so viele Bandnamen, eine ziemlich einfältige Wurzel: Alerusjon ist das Gemisch aus Alex, Rustam und Jonas. Und das ist auch schon das Projekt-Programm, the band’s subject quasi.

Alerusjon ist eine recht heterogene Versammlung – und andererseits auch wieder nicht. Rustam, der Akkordeonist mit Interesse an Bach, Theater und „echter“ Pop-Musik (sorry Rustam for this caricature of you) kommt aus Lettland. Seine Muttersprache ist Russisch und ein Großteil seiner Familie kommt aus Aserbaidschan. Zu Zeiten der UDSSR verschlug es so manchen vom einen Ende des Ost-Blocks zum anderen aus welchen Gründen auch immer – Militärdienst, Arbeit, Zwangsumsiedlung, Gulag, Spaß an der Freude; ganz verschiedene Gründe also.
Nun, heutzutage ist alles anders, und irgendwie auch wieder ähnlich, denn die wirtschaftliche Lage scheint viele Letten nach ganz Europa zu verschlagen. Schweden, Deutschland – oder eben zum Studieren in die Niederlande, wie Rustam. Nur nebenbei: Weil auch die Niederlande in Zeiten allgemein aufkeimenden Nationalismus‘ und Rechts-Populismus‘ in Europa einige Instrumente zur Unterstützung ausländischer Studierender gestrichen hat, wird er sich vermutlich schon nach seinem Bachelor etwas neues ausdenken müssen. Aber dazu könnte er selbst selbstverständlich viel mehr und authentischer berichten als ich.

AleRusJon-Instrumente

Foto: Janis Snipke

Jonas, der Geiger mit der Direktverbindung vom Gehör zu den Fingern, den Visionen von den unmöglichsten Musikkombinationen und dem in Ekstase auch mittrappelnden Fuß, hat seine Wurzeln in der NRW Folk und Weltmusik-Szene. Aus einer an Musikern reichen Familie kommend gräbt er überall die unterschiedlichsten Volks / Folks- Musiker aus: in den Bergen von Spanien, den Session-Höhlen des Weltmusik-Löwen in NRW, oder den Festivals Frankreich.

Und ich? Ich habe starke Wurzeln im Begleiten von so ziemlich allem, im Spielen von Klassischer Musik und nicht zu Letzt in dem, was man Progressive-Metal und Gothic nennt. Meine größte Leidenschaft liegt allerdings in der Theorie der Praxis – wie kann man begreifen, wie Dinge funktionieren?
Kennengelernt haben wir uns im Land der Begegnung und des Handels– beim Studium der Jazz- und Pop-Musik in den Niederlanden. Zu allem, was ich hier schreibe, wie auch bei allem, was wir spielen, haben wir vermutlich unterschiedliche Meinungen. Dennoch haben wir Freude daran, gemeinsam den Moment des Musikmachens zu feiern – und ich bin froh, in der Musik der Welt einen schon etwas ausgetretenen Pfad gefunden zu haben, um mit der Wanderung zu beginnen.

Rustam und Jonas haben als Duo schon länger Tangos und Anderes gespielt. Das Duo wuchs schließlich zu einem Trio an, als ich Rustam eines Tages fragte, ob er wohl bei meiner Zwischenprüfung ein Stück von einem griechischen Gitarristen mit Tabla und Akkordeon spielen würde (Takis Barberis: Poly P.). Rustams Idee, mich daraufhin zu fragen, ob ich mit ihm und Jonas im Trio spielen wollte, war wohl eine Mischung aus gemeinsamem Interesse, Mangel an ähnlichen Gitarristen in der Gegend und marktstrategischen Überlegungen: Dem Duo fehlte scheinbar irgendetwas, um an Gigs zu kommen, und mehr als drei Leute machen Gigs weniger lukrativ. Alerusjon soll flexibel genug sein, um den Soundtrack für eine Hochzeit, den Ohrenschmaus für eine Grillparty, die geistige Anregung für ein Festival, die Aktualisierung von Spontaneität in den Modi des Melodisch-Moll für einen Jazzklub, die Slapstick-Einlage für einen Zirkus, das Get-together für eine Wohnzimmerparty zu liefern. You name it!
Wir hatten also etwas vor. Was daraus geworden ist, schreibe ich dir beim nächsten Mal.

Liebe Grüße

Alex

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  1. […] du noch, wie ich dir erzählt habe, wie leicht und einfach alles ist, wenn man sich in Projekten statt Bands organisiert? Niemand müsse sich mehr sorgen, dass die Einheit der einen Band kaputt geht, wenn […]

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