Dierk Seidel
Vorwort
Wer „Edda“ noch nicht kennt, schaut vielleicht zuerst in die bisherigen Geschichten, sie bauen aufeinander auf.
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https://www.kulturkater.de/edda-und-der-brief/
https://www.kulturkater.de/edda-geht-in-die-luft/
https://www.kulturkater.de/edda-skuli-und-die-stadt-der-tausend-gesichter/
https://www.kulturkater.de/edda-skuli-und-der-anfang-der-reise/
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https://www.kulturkater.de/edda-echsen-und-eine-spur/
https://www.kulturkater.de/edda-skuli-und-hauke/
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Die neuste Geschichte heißt nun „Edda und die Gedanken, die keiner kennt“.
Edda und die Gedanken, die keiner kennt
Skúli und Edda rannten die nächste Treppe hinunter und dann in die entgegensetzte Richtung zum anderen Ende des Zuges. Die wenigen Minuten bis zum Ausstieg in der Kleinstadt Leer kamen Edda unendlich lang vor. Sie liefen und liefen und trotz des Tempos spürte Edda, wie die Zeit für sie immer langsamer wurde. In ihren Gedanken lief „Ritornare“ von Ludovico Einaudi und es beruhigte sie, sie brauchte etwas Ruhe und so schaltete sie ab und ließ die Welt draußen einfach geschehen, während sie beide über Rucksäcke und Taschen sprangen, sich an Menschen vorbeizwängten und immer wieder kurz warten mussten, wenn sie zwischen zwei Wagons die Taste drückten, damit die Tür sich öffnete.
Sie lauschte dem Lied, welches sie schon so viele Male gehört hatte und für das sie keine Aufnahme mehr brauchte, sie hatte das Lied im Kopf. Edda hatte dieses Lied einst durch Zufall entdeckt. Ihr Vater sagte eines Tages, als Edda ihn gefragt hatte, ob er noch Ziele habe, von denen sie nichts wüsste, er wolle gerne mal nach Paris zum Grab von Jim Morrison. Das wäre alles. Edda wusste nicht, wer Jim Morrison war, und so recherchierte sie. Die Musik von den Doors überzeugte sie nicht so sehr, das sind doch auch alles alte weiße Männer, hatte sie zu Skúli gesagt, als sie auf dem Schulhof über ihre Recherche sprachen. Skúli hatte erwidert, dass es zu 50 % Prozent tote Männer seien, und dass sie sich doch mal die Gedichte von Jim Morrison anhören sollte. So fand sie auf einem Streamingportal ein Mashup von Jim Morrison und Ludovico Einaudi. Neben den Wellen des Meeres vor dem Strand von Sauðárkrókur war diese Musik und die Stimme von Morrison das, was sie beruhigen konnte, das, was ihre Zeit anhalten konnte. Und von Zeit zu Zeit brauchte Edda diese Auszeiten. Ihre Mutter hatte irgendwann genug vom Leben im Norden gehabt und war einfach weggegangen, von einem Tag auf den anderen. Ihr Vater ging damit um, indem er alles machte wie bisher, und Edda dachte manchmal, dass genau das vermutlich auch der Grund war, weshalb ihre Mutter verschwunden war, alles lief immer so wie bisher.
Edda und Skúli liefen weiter, Skúli rief ihr irgendetwas zu, doch Edda hörte nicht, sie hörte das Klavierspiel von Einaudi.
Eddas Vater ließ ihr Freiheiten, die Zeit auf dem Reiterhof, die Zeit am Strand, er ließ sie gewähren. Doch Edda fühlte diese Freiheit nicht, was ist schon Freiheit, wenn man keine Auswahl hat? In ihren Gedanken sammelte sie das Nichts. Wenn man nichts hat, dachte Edda, dann muss man viel davon anhäufen, konservieren und verstecken, damit sich das Nichts zusammenzieht und all das zum Vorschein kommt, was von Bedeutung ist. Edda hatte niemandem von ihrer Beziehung zum Nichts erzählt und so spannend sie auch dieses Abenteuer, diese Reise mit ihrem Freund Skúli fand, spürte sie doch immer wieder ein Unbehagen. Mantelmänner, Echsen an Telefonen und ein Autor, der alles über sie zu wissen schien und auch noch etwas über sie und das Nichts veröffentlicht hatte. Wie viele mögen das wohl gelesen haben, fragte sie sich.
„42“, sagte Skúli.
„Was?“, die Musik in Eddas Kopf stoppte abrupt.
„42, die Antwort auf alles, aber auch nur noch 42 Sekunden bis wir in Leer einfahren. Wir haben es gleich geschafft.“
Im Stadtgebiet fuhren sie an drei Bahnübergängen vorbei und hielten auf Gleis 4. In der Masse der Menschen gingen sie komplett unter und kurze Zeit später standen sie auf dem Bahnhofsvorplatz. Sie blickten links auf ein altes Gebäude, das nun Veranstaltungshaus zu sein schien, und rechts war wieder ein Kreisverkehr.
„Ein Kreisverkehr, schon wieder“, sagte Skúli und Edda lachte.
„Ja, überall sind hier Kreisverkehre.“
„Edda, du warst vorhin im Zug so anders, hast du nachgedacht, was unser nächster Schritt ist?“
„Im Zug war ich woanders, aber wenn der Autor hier wohnt oder aus der Stadt kommt, muss ihn ja jemand kennen, sollen wir mal gucken, ob es ein Büchercafé gibt? Vielleicht haben die ja das Buch oder haben eine Idee. Wie spät ist es eigentlich?“
Skúli blickte auf sein Smartphone.
„20:30 Uhr. Ich fürchte, da werden wir heute kein Glück mehr haben. Wir brauchen einen Schlafplatz und wir müssen uns bei unseren Eltern melden, und sagen, dass alles gut bei uns ist.“
„Ist alles gut bei uns?“