Dierk Seidel

Vorwort

Wer „Edda“ noch nicht kennt, schaut vielleicht zuerst in die Geschichte „Edda und das Nichts“ hinein. 2022 entstand sie nach einem Besuch am Strand von Sauðárkrókur im Norden Islands. Die Geschichte ist hier nachzulesen:
https://www.kulturkater.de/edda-und-das-nichts/
Oder aber, wenn ihr mich unterstützen wollt und eigentlich gerne auch Geschichten richtig in den Händen halten wollt, dann könnt ihr die Geschichte auch in meinem Buch „Perspektbriefwechsel“ nachlesen.
https://buchshop.bod.de/perspektbriefwechsel-dierk-seidel-9783819244582
Nachdem ich nun etwas zufällig nach drei Jahren wieder an den Strand kam, war mir sofort klar, dass es mit Edda weitergehen muss. Und es entstand die Geschichte „Edda denkt“.
https://www.kulturkater.de/edda-denkt/
Und jetzt? Jetzt ist Edda unterwegs. Zumindest beinahe.

Edda und der Brief

Edda lag auf ihrem Bett und starrte an die Decke. Sie ärgerte sich, denn sie hatte heute vergessen, das Nichts zu sammeln. Neben der Leidenschaft für Sprachen, liebte sie die Stille, und sie liebte das Nichts. Wenn jemand sie fragte, wie man das Nichts sammeln könne, wie man es archiviere und was das Nichts überhaupt bedeute, fand sie selten eine Antwort, die sie selbst und ihre Mitmenschen zufrieden stellte. Das Sammeln passierte einfach und sie zog daraus Kraft. Die Tage waren hier im Sommer sehr lang und sie einsam. Ihre wenigen Freunde fuhren weg. Da gab es Hildrun, sie hatte eine Tante in der Nähe von Bremen in Deutschland, zu der sie immer fuhr, und es gab Skúli . Der wohnte wiederum bei seiner Tante hier in Sauðárkrókur und verbrachte den Sommer bei seinem Vater in der Nähe von Vík und half auf dessen Hof mit. Skúli verstand sich nicht immer gut mit seinem Vater und er wohnte gerne bei seiner Tante, doch im Sommer genoss er die Zeit auf dem kleinen Hof im Süden, auf dem er viele Gäste aus der ganzen Welt kennenlernen konnte.
Edda drehte sich zur Seite und zog die Nachttischschublade heraus, um Briefpapier herauszuholen, dann stand sie auf und holte einen Stift aus ihrer Schultasche, die noch vom Beginn der Ferien unangetastet neben der Zimmertür stand, suchte sich einen Atlas als Unterlage und setzte sich an den Rand des Bettes und begann ihren Brief:

Lieber Herr Seidel, ach, das ist doch viel zu förmlich, der kennt mich ja eigentlich schon, dachte Edda, also nochmal.
Lieber Dierk, nein, das ist dann doch etwas zu nah, auch wenn er mich ja auch duzt, obwohl, ja, vermutlich ist er älter als ich, dann darf man das, so sind die Konventionen, hatte Judith ihr auf dem Reiterhof erklärt. Sie probierte es nochmal.
Lieber Dierk Seidel, dann strich sie alles durch und schrieb einfach ein „Hey“ unter die drei vergeigten Anredeversuche.
„Hey,
hier ist Edda, du kennst mich, so viel ist ja wohl mal klar, deswegen muss ich ja gar nicht so viel zu mir sagen, ich möchte aber gerne erfahren, woher du mich kennst, und woher du weißt, dass ich das Nichts sammele. Und hättest du mich nicht fragen müssen, ob du was über mich veröffentlichen darfst? So ein Buch ist ja kein verkappter Insta-Post, ich will dich kennenlernen.
Liebe Grüße
Edda“

Edda schob den Brief in einen passenden Umschlag und klebte ihn zu. Nur wo sollte sie den Brief hinschicken? Sie fischte ihr Smartphone vom Nachttisch und begann zu recherchieren. Nach einiger Zeit, hatte sie zumindest die Adresse des Verlags gefunden. Direkt zu Beginn des nächsten Tages brachte sie den Brief zur Post. Nun musste sie warten. Edda hatte einen Moment darüber nachgedacht, ob sie statt eines Briefs, dem Autor über Insta schreiben sollte, doch er würde sie vermutlich ohnehin blockieren, da sie auf ihrem Profilbild nicht zu erkennen sei, so schätzte sie ihn ein.
Die restliche Woche verlief wie fast jede Woche in den Sommerferien. Einmal ging es noch zum Reiterhof, die restliche Zeit sammelte sie das Nichts oder las. Edda hatte zurzeit eine Paul Auster Phase.
An einem Freitag als Edda vom Reiterhof nach Hause kam, saß ihr Vater am Küchentisch.
„Fährst du heute nicht raus?“, fragte sie.
„Der Sturm, das führt zu nichts, die Touristen, eine Reisegruppe hat komplett storniert.“
„Das tut mir leid.“
„Ach, morgen ist es wieder gut.“
Er schob ihr einen Brief hin. „Hier, der ist für dich, aus Deutschland.“
Edda nahm den Brief und musterte ihn. Der Absender war der Verlag, an den sie den Brief geschickt hatte. Sie öffnete ihn vorsichtig. Darin befanden sich zwei Flugtickets nach Hamburg. Abflugtag war Dienstag. Drei Tage.
Sie schüttete den Briefumschlag noch einmal aus, aber außer den Tickets war da nichts.
„Was ist das?“
„Ich soll wohl nach Hamburg fliegen“, sagte Edda und schob ihrem Vater die Tickets hin.
„Nur die Tickets? Sonst nichts?“
„Nein, sonst war da nichts.“