Dierk Seidel
Vorwort
Wer „Edda“ noch nicht kennt, schaut vielleicht zuerst in die bisherigen Geschichten, sie bauen aufeinander auf.
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Die neuste Geschichte heißt nun:
Edda und das Ende als Anfang
»Wir müssen zur Arbeit, aber hier geht gar nichts mehr. Seit bestimmt einer halben Stunde steht dieser Güterzug da und bewegt sich nicht, und der Tunnel ist ja seit Wochen gesperrt«, ärgerte sich eine Frau Mitte dreißig, »und ihr? Müsst ihr nicht zur Schule? Die Gymnasien sind doch in die andere Richtung.«
Edda verstand nur irgendwas mit Schule und antwortete: »Ferien.«
»Ach so, na dann eine schöne Zeit.«
»Danke.«
Die Frau drehte sich um und ging zurück Richtung Innenstadt.
Edda und Skúli warteten mit einigen anderen fast zwei Stunden, bis zwei Mitarbeitende der Bahn zumindest die Fußgänger und Fußgängerinnen zwischen zwei Waggons durchführten, und Edda und Skúli, die das Gefühl hatten, man bremse sie absichtlich aus, konnten endlich die 800 Meter zu ihrem Ziel fortsetzen. Am dritten Zebrastreifen bogen sie links ab und liefen auf den Park zu. Ihr Weg führte sie weiter durch einen Fußgängertunnel unter einer Umgehungsstraße durch und dann direkt in den Park. Nach wenigen Abzweigungen liefen sie am Ufer eines Ententeichs entlang. So viel zum Haus am See, dachte Edda.
Mittlerweile war es halb neun und einige Menschen mit Hunden waren unterwegs. An einer T-Kreuzung auf der anderen Teichseite hatten Edda und Skúli keinen Empfang mehr und wussten nicht weiter.
»Entschuldigung, wissen Sie, wo hier in der Nähe ein schwarzes Holzhaus ist?«, fragte Edda eine Frau mit Dackel.
»Ihr kommt wohl nicht von hier«, antwortete die Frau, »geht mal vier Meter in die Richtung und dann rechts zwischen den Tannen durch, dann seid ihr da.«
Sie nickte ihnen freundlich und aufmunternd zu und ging weiter.
Edda und Skúli liefen den beschriebenen Weg und blickten nach kurzer Zeit auf das fensterlose Haus. An der Wand rechts neben der Tür lehnte ein schwarzes Hollandrad. Das Haus wirkte trostlos und unheimlich. Edda griff Skúlis Hand.
»Ich bin bei dir«, flüsterte er.
»Und das ist auch gut so«, erwiderte Edda und klopfte energisch an die Tür.
Hinter der Tür stand der Autor. Es klopfte. Der Mann Mitte vierzig wischte sich nervös durch sein etwas schütteres Haar und öffnete.
»Hallo, ich bin Dierk«, sagte er, »kommt rein.«
Während sie an ihm vorbeigingen, sagte Edda: »Du weißt ja, wer wir sind.«
»Ja, das ist wahr. Ich setze mal Teewasser auf.«
»Es hat etwas gebraucht, bis wir es hierher geschafft hatten. Immer wieder kam etwas dazwischen.«
»Ich war etwas nervös vor diesem Treffen, Tante Elske in Augustfehn, der Güterzug, ich habe Sachen hinzugefügt, aber ich musste mich immer irgendwann geschlagen geben«, sagte Dierk.
»Sind wir real?«, fragte Edda.
»Ja, schon immer gewesen, du warst ja vor mir auf Island. Aber dann hat sich das vermischt, meine Realität mit deiner, beziehungsweise ich konnte dich begleiten, sehen, was du siehst, das hatte ich noch nie so klar, es ist einfach geschehen, beeinflussen konnte ich nur Kleinigkeiten, um den Verlauf zu verlangsamen, und einmal gab es zwei Wege, da hat das Schicksal entschieden, aber alles, was was du aktiv gemacht hast, das warst du beziehungsweise ihr beide.«
»Wie kann das sein? Diese Vernetzung?«, fragte Skúli.
»Das weiß ich nicht, ich bin nur ein Geschichtenerfinder. Ich muss keine Lösungen haben.«
Jetzt endlich blickte Edda sich in dem Haus um.
»Es ist sehr karg hier, lebst du hier?«
»Nur wenn ich mich nicht konzentrieren kann, hier habe ich keine Ablenkung. Kein Empfang, kein Internet. Aber alles mit dem Fahrrad zu erreichen.«
»Bei uns ist es auch karg, auch schön, aber auch karg«, sagte Edda.
»Das Wenige kann befreien, aber auch furchtbar quälend sein«, sagte Dierk.
»Für mich ist es eher quälend. Da ist doch nichts.«
»Du siehst das ganz schön negativ. Im dritten Kapitel hieß es doch, das Sammeln des Nichts, gebe dir Kraft.«
»Es sind deine Geschichten, ich habe sie nicht gelesen, außerdem: wohnen wir da oben oder du? Skúli, sag doch auch mal was.«
»Was soll ich sagen? Mir fehlt nichts bei uns.«
»Nichts, ja, davon haben wir auch genug.«
»Edda«, sagte der Autor, »du hast es in der Hand, nimm deine Sammlung, lass sie frei. Und konserviere stattdessen diese Reise.«
Er stellte jedem einen Becher Tee auf den Esstisch und gab ihnen einen Umschlag.
»Hier ist Geld drin, und Zugtickets, um zu Hildrun zu kommen, und ein paar Kontakte und gute Programmpunkte in Bremen und Hamburg. Ihr habt noch zwei Wochen. Genießt eure Zeit hier.«
»Und du? Genießt du das hier?«
»Das ist nicht meine Geschichte. Gegen meine Dämonen habe ich schon gekämpft. Und mindestens einmal gewonnen. Vor diesem Haus hatte ich als Kind immer Angst. Jetzt nicht mehr.«
»Du solltest es heller streichen«, sagte Skúli.
Der Autor nickte, sagte aber nichts weiter dazu. Sie tranken ihren Tee und sprachen danach über die nächsten zwei Wochen.
Gegen 13 Uhr verließen Edda und Skúli das Haus und liefen schweigend zum Bahnhof. Am geschlossenen Bahnübergang sagte Skúli: »Jetzt also noch zwei Wochen hier im Norden Deutschlands.«
»Ja, und danach«, erwiderte Edda, »danach ziehe ich zu meiner Mutter nach Reykjavik.«