Dierk Seidel
Vorwort
Wer „Edda“ noch nicht kennt, schaut vielleicht zuerst in die bisherigen Geschichten, sie bauen aufeinander auf.
https://www.kulturkater.de/edda-und-das-nichts/
https://www.kulturkater.de/edda-denkt/
https://www.kulturkater.de/edda-und-der-brief/
https://www.kulturkater.de/edda-geht-in-die-luft/
Die neuste Geschichte heißt nun „Edda, Skúli und die Stadt der tausend Gesichter“.
Edda, Skúli und die Stadt der tausend Gesichter
Eigentlich sollten Edda und Skúli in Hamburg landen, Hildrun treffen, den Verlag aufsuchen, den Autor treffen, klären, was zu klären war, zu Hildruns Tante nach Bremen fahren, dort noch zwei Wochen verbringen und dann wieder zurück nach Island kommen. Eigentlich, doch Eddas Vater hatte gar nicht mit Hildruns Tante telefoniert, sondern mit Hildrun, was er aber erst in einigen Jahren erfahren sollte. Und Hildrun hatte gar nicht vor, nach Hamburg zu kommen, denn dann wäre unter Umständen alles aufgeflogen und so mussten sich Edda und Skúli erst einmal orientieren, als sie in Hamburg gelandet waren. Nachdem sie ihr Gepäck vom Band gezogen hatten, folgten sie den Schildern Richtung S-Bahnhof und fuhren in die Stadt. Während der Fahrt stiegen immer wieder Männer mit grauen Mänteln und grauen Hüten ein, starrten einen Moment auf die beiden Jugendlichen und verschwanden dann wieder.
„Skúli, ich habe doch letztens dieses Buch gelesen, Momo, ich hatte dir davon erzählt, Reitgäste hatten es liegen gelassen, da gab es auch so graue Männer wie hier im Zug. Das macht mir Angst. Diese ganzen Gesichter, die uns anstarren.“
„Ich weiß überhaupt nicht, was du meinst“, erwiderte Skúli.
„Das macht mir dann umso mehr Angst.“
Edda nahm sich vor die grauen Mantelmänner im Blick zu behalten, sie sollten bloß spüren, dass Edda sie im Visier hatte, sie wollte den Spieß umdrehen. Edda nahm es fortan mit jedem Mantelmann auf und starrte sie so lange an, bis sie die S-Bahn wieder verließen. Skúli hingegen, der diese Männer ohnehin nicht sehen konnte, langweilte sich und versuchte Werbeplakate zu entziffern.
Das Verlagsgebäude lag in der Innenstadt, nicht weit entfernt vom Hauptbahnhof und so mischten sie sich unter die Massen, die zu den großen und teuren Geschäften dieser Stadt wollten. Hin und wieder tauchten Mantelmänner auf, doch Edda forderte sie durch ihren harten Blick sofort zum Rückzug auf. Und sie gingen.
Skúli betrachtete die vielen Menschen, die es in die Stadt zog.
„Ich habe jetzt schon mehr Gesichter gesehen, als in den letzten drei Jahren in Island.“
„Ich habe nur ein Gesicht gesehen, immer wieder das gleiche graue Gesicht.“
„Edda, mach dich mal locker, das bildest du dir doch nur ein.“
„Locker machen? Irgend so ein Typ kennt alles von mir, packt mich in sein Buch, der Verlag schickt Flugtickets, weiß aber nichts davon und du sagst mach dich mal locker. Man, Skúli, ich bin so richtig aufgeregt, da kann ich nicht locker.“
„Bleib mal stehen“, sagte Skúli und sie blieb stehen. An ihnen zogen Menschen vorbei, sehr viele Menschen, und sehr viele graue Mantelmänner. Skúli nahm Eddas Hände und hielt sie, nicht zu fest, nicht zu lasch. Die Welt um sie herum bewegte sich in Zeitlupe. Die Welt wurde langsam. Und die Mantelmänner lösten sich auf.