Dierk Seidel
Vorwort
Wer „Edda“ noch nicht kennt, schaut vielleicht zuerst in die bisherigen Geschichten, sie bauen aufeinander auf.
https://www.kulturkater.de/edda-und-das-nichts/
https://www.kulturkater.de/edda-denkt/
https://www.kulturkater.de/edda-und-der-brief/
https://www.kulturkater.de/edda-geht-in-die-luft/
https://www.kulturkater.de/edda-skuli-und-die-stadt-der-tausend-gesichter/
https://www.kulturkater.de/edda-skuli-und-der-anfang-der-reise/
https://www.kulturkater.de/edda-sieht-nichts-mehr/
https://www.kulturkater.de/edda-echsen-und-eine-spur/
https://www.kulturkater.de/edda-skuli-und-hauke/
https://www.kulturkater.de/edda-skuli-und-augustfehn/
https://www.kulturkater.de/edda-und-die-gedanken-die-keiner-kennt/
Die neuste Geschichte heißt nun:
Edda, Skúli und die gerade Zahl
Der Weg
„Wie hast du geschlafen?“, fragte Skúli.
„Ganz gut, ganz gut. Du?“
„Bisschen laut war es, wurde ja noch lange Musik gehört, aber immerhin hatten wir einen Schlafplatz. Lass uns aufstehen und gucken, ob schon jemand wach ist.“
„Okay“, sagte Edda und schob ihren Schlafsack zur Seite, stand auf und ging Richtung Küche. Skúli folgte ihr.
In der Küche saßen Rita und Ronny, die beiden Punks, die Edda und Skúli gestern am Hafen eingesammelt hatten. Sie sahen jetzt beide nicht mehr so punkig aus, jetzt auch nicht spießig, aber auch nicht mehr so wie gestern Abend, dachte Edda. Rita blickte hoch.
„Ah, gut, dass ihr wach seid, wir müssen gleich zur Arbeit.“
„Ihr seht irgendwie anders aus“, sagte Skúli.
Ronny lachte: „Wir sind Teilzeitpunks. Früher haben wir das Haus hier besetzt, jetzt gehört es uns.“
„Na ja, so halb“, ergänzte Rita, „wir müssen gleich zur Arbeit, letzter Schultag hier vor den Sommerferien.“
„Ihr seid Lehrer?“, fragte Skúli ungläubig.
„Ja, sind wir. Aber ganz weg kommen wir nicht aus der Szene, wir mischen uns abends gerne mal unter und helfen Gestrandeten, bevor die Faschos sie holen. Aber kommen wir schnell zu euch, ihr wart gestern ziemlich müde. Was macht ihr hier?“
Edda versuchte eine Schnellfassung. Nach wenigen Minuten stand Ronny auf und holte zwei Bücher aus einem Regal – Perspektbriefwechsel und Onkel Heiner – und legte sie auf den Tisch. Edda blickte auf das Cover von Perspektbriefwechsel.
„Sauðárkrókur, mein Strand.“
„Keiner weiß genaueres über den Autor, die Bücher hat er schon vor einigen Jahren geschrieben, von seinen anderen haben wir zwei gelesen, besitzen sie aber nicht mehr.“
„Wie hießen die?“, fragte Skúli.
„Heiner 1 war das dritte Buch, dann kam Hut hieß das vierte und zuletzt kam wieder eine Geschichtensammlung, die haben wir aber nicht auftreiben können, da wurde hier auch alles schwieriger. Die Echsen kamen, brauchten Arbeit, KI konnte keine Druckmaschinen bedienen, die Echsen auch nicht, telefonieren können die gut. Callcenter, aber sonst, schwierig zu gebrauchen.“
„Ich komme nicht hinterher“, sagte Edda.
„Eigentlich auch nicht wichtig. Wir haben die Geschichten nicht gelesen, vielleicht kommst du drin vor. Vielleicht auch nicht.“
„Wisst ihr noch, wie es heißt?“
„Saundlaug – von Mächten und Märchen.“
Der zweite Weg
Edda zog ihren Schlafsack enger zu sich heran. Die Sonne ging auf und ließ das Leeraner Hafenwasser etwas blitzen. Skúli und Edda saßen auf einer Bank am Hafen und hatten die Nacht mehr schlecht als recht überstanden. Sie hatten sich abends mit ein paar Jugendlichen unterhalten, die schon etwas vor feierten, denn heute war der letzte Schultag vor den großen Ferien.
Doch irgendwann hauten sie ab und Skúli und Edda mussten alleine mit der Nacht klarkommen.
„Der Pascal, du weißt doch, der mit dem Zopf, der hat mir erzählt, wo wir hin müssen“, sagte Skúli.
„Was? Damit rückst du jetzt erst raus, wo müssen wir hin? Was hat er gesagt?“
„Wir müssen zum Julianenpark, da wohnt der wohl an einem See in einem schwarzen Holzhaus.“
„Und woher weiß der Pascal das?“, fragte Edda.
„Das Haus war früher eine Art Geräteschuppen für die Parkanlage. Sein Vater arbeitete für die Stadt. Irgendwann war es ein großes Thema, weil der Autor dieses Haus kaufen wollte und letztlich auch gekauft hat.“
Während Skúli noch erzählte, hatte Edda schon ihren Schlafsack eingerollt und suchte über ihr Smartphone den nächsten Weg.
Das Haus
In dem Haus in der Nähe eines Ententeichs war es ruhig, es bestand aus einem Raum mit einem angrenzenden Badezimmer. Der Raum war karg eingerichtet, ein Bett, ein Sofa, ein Schreibtisch und ein Esstisch, auf dem ein Wasserkocher stand. Es gab eine Eingangstür und eine Tür im hinteren Bereich führte zum Badezimmer. Am Schreibtisch saß der Autor und würfelte. Eine Vier, eine gerade Zahl. Also wird es der zweite Weg, dachte er. Es bedeutete, Edda und Skúli sollten bald bei ihm auftauchen. Unruhe breitete sich in ihm aus, er hatte eine diffuse Angst. Er musste sie noch etwas ausbremsen, nur wie? Dann lächelte er, sie mussten über den Bahnübergang am Bahnhof.