Dierk Seidel
Vorwort
Wer „Edda“ noch nicht kennt, schaut vielleicht zuerst in die bisherigen Geschichten, sie bauen aufeinander auf.
https://www.kulturkater.de/edda-und-das-nichts/
https://www.kulturkater.de/edda-denkt/
https://www.kulturkater.de/edda-und-der-brief/
https://www.kulturkater.de/edda-geht-in-die-luft/
https://www.kulturkater.de/edda-skuli-und-die-stadt-der-tausend-gesichter/
https://www.kulturkater.de/edda-skuli-und-der-anfang-der-reise/
Die neuste Geschichte heißt nun „Edda sieht nichts mehr“.
Edda sieht nichts mehr
Wenig später standen die beiden vor dem großen Verlagsgebäude. Eine große Glasfassade lächelte sie an, und dennoch wirkte dieses Gebäude nicht einladend. Sie gingen auf die Drehtür zu, ließen sich hineinschieben und merkten innen, dass die Glasfassade wirklich nur eine Fassade war. Hinter der Drehtür verbarg sich ein schmaler Gang mit grauen Betonwänden, der zu einer Treppe, ebenfalls aus Beton, führte. An der Decke leuchteten Neonröhren.
„Damit hatte ich nicht gerechnet“, flüsterte Edda.
Skúli nickte und erwiderte: „Lass uns mal die Treppe hochgehen. Vielleicht ist oben jemand.“
Plötzlich ertönte ein Lauter Knall, so als würde jemand mit viel Kraft die Motorhaube eines großen Autos zuknallen. Das Licht war schlagartig aus.
„Ich sehe nichts mehr“, sagte Edda.
„Ach, nee, glaubst du, ich sehe noch was?“
„Nein, ich meine nicht das Licht, ich hatte vorher immer so Bilder und Wege im Kopf, von dem, was passieren wird, ich war dadurch zuversichtlich, doch die Bilder sind jetzt weg. Einfach so mit diesem Stromausfall.“
„Ich glaube, das war Sabotage, irgendjemand will uns nicht hier haben. Komm, wir gehen die Treppe hoch.“
„Okay“, und Edda tastete in der Dunkelheit nach ihrem Freund und griff Skúlis Hand, dann ging sie vor und streifte mit ihrer anderen flachen Hand an der Wand entlang. Die Treppe war weiter weg und höher, als es zu Beginn den Eindruck machte, doch nach etwa hundert Stufen sahen sie einen Lichtstreifen, der unter einer Tür durchschien. Edda ertastete eine Klinke und öffnete die Tür. Tageslicht von zwei großen Fenstern schoss ihnen entgegen. Beide schlossen reflexartig ihre Augen und gewöhnten sich dann durch Blinzeln an die Helligkeit. Sie betraten einen Raum, der vielleicht so groß war, wie ihr Klassenraum in Sauðárkrókur. Es gab sechs Tische, die in zwei Reihen hintereinander aufgestellt waren. An den beiden mittleren Tischen saßen zwei grüne Echsen, bestimmt zwei Meter groß mit ebenso langen Schwänzen. Die Echsen hatten von den anderen Tischen Telefone zu sich geholt und wechselten im Sekundentakt die Hörer, um Verlagsangelegenheiten zu besprechen. Sie sprachen in deutscher Sprache und schienen gut in dem, was sie taten.
Edda und Skúli öffneten und schlossen immer wieder ihre Münder, sie wollten etwas sagen, doch es ging einfach nicht. Plötzlich hörten sie wieder das Knallen, hinter ihnen war das Treppenhaus nun wieder hell erleuchtet. Die beiden kamen allmählich wieder zu sich und mit Strom kamen auch Eddas Wege und Bilder zurück.
„Skúli, siehst du das? Da! Hinter den Tischen an der Wand?“
„Was meinst du?“
„Siehst du sie nicht? Da an an den Ecken, die Mantelmänner.“