Dierk Seidel

Der Weihnachtszug

(Die folgende Kurzgeschichte erschien am 22.12.2015 auf www.kulturkater.de und steht im Gegensatz zu der restlichen Webseite NICHT unter der Creative Commons Lizenz. Dieses Werk bzw. Inhalt gehört Dierk Seidel. Über diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse können Sie unter www.kulturkater.de erhalten.)

Kinder denken von einem schönen Termin zum nächsten schönen Termin. Nach Weihnachten folgt Silvester, dann bei einigen Karneval, über dessen Verkleidung manche Kinder schon im Oktober sprechen, Ostern, die Sommerferien, Martinisingen, zwischendrin auch nochmal ein Geburtstag und dann beginnt auch schon die Vorfreude auf Weihnachten. Spätestens wenn wieder etliche Prospekte der großen Spielzeughändler ins Haus flattern, ist die Begeisterung nicht zu bremsen. Das große Lego-Flugzeug bekommt ein Kreuz und auch das Playmobilpiratenschiff. In Erinnerung an die Größenordnung der letzten Jahre und die Androhung der Mutter, dass man ja auch noch Kleidung kaufen müsse, wird das Kreuz neben dem Lego- Flughafen wieder wegradiert. Aber das eine kleine Kreuz neben der Eisenbahn bleibt bestehen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Dierk Seidel Kurzgeschichte: Der WeihnachtszugSeit September denkt Lukas an Weihnachten. Er redet täglich davon, wie schön der Weihnachtsbaum im letzten Jahr war, und was dieses Jahr anders gemacht werden könne, und er redet andauernd von der Eisenbahn. Immer wieder. Er weiß, dass er seiner Mutter damit auf die Nerven geht, aber er hat Angst, dass sie in ihrem ganzen Stress die Eisenbahn vergisst und ihm irgendwas anderes schenkt. Er sorgt sich so sehr darum, dass er abends im Bett liegt und betet.

Franziska, Lukas´ Mutter, nimmt das tägliche Gerede über die Eisenbahn wahr und sie ist davon genervt. Seit ihr Vater im Frühjahr ins Krankenhaus kam und jeden Tag nur durch ein Beatmungsgerät übersteht, hat sie keine ruhige Minute mehr. Sie fährt Lukas´ Oma fast täglich zu ihrem Vater und hofft ihn durch Erzählungen über Lukas aufzuheitern. Manchmal hat sie das Gefühl, sie dürfe nicht klagen, damit würde sie ihren kranken Vater nur noch mehr belasten, aber sie kann es nicht vermeiden.

„Wir haben noch nicht einmal Oktober und Lukas redet nur von Weihnachten. Immer wieder. Eisenbahn hier, Eisenbahn da. Als würde es nichts anderes auf der Welt geben. Merkt er denn nicht, dass ich ständig hier zu dir fahre? Er war doch selbst schon hier. Nimmt er das gar nicht wahr?“  Lukas´ Oma reagiert dann immer sehr ungehalten: „Nun sei still, Kind, Papa soll nicht mit deinem Kleinkram belastet werden.“ Und dann schweigen sie und man hört nur das Rauschen des Beatmungsgeräts. Franziskas Vater redet nur noch selten. Es strengt ihn zu sehr an.

Mittlerweile ist es Mitte Dezember, Lukas Opa geht es immer schlechter und Franziska versucht alles unter einen Hut zu bekommen. Am 24. würde ihr Mann Paul morgens am Flughafen ankommen, sie könnten dann Oma abholen, zum Krankenhaus fahren, danach nach Hause, den Braten fertig machen, in die Kirche gehen, Bescherung. Irgendwie versuchen für Lukas ein schönes Weihnachten hinzuzaubern. Und irgendwie vorher einen Baum kaufen und mit Lukas schmücken und Geschenke besorgen und alles wofür man unter normalen Umständen viel mehr Zeit hätte. Und als fühlte sie sich nicht schon genug unter Druck gesetzt, spricht ihr Vater, als sie am 18. Dezember an seinem Krankenbett sitzt und seine Hand hält, mehr als nur ein Wort zu ihr. „Kind, bald ist Weihnachten. Ich befürchte mein letztes. Ich will bei euch feiern, ich will sehen, wie Lukas seine Eisenbahn aufbaut.“ „Was? Wie? Welche Eisenbahn? Weihnachten bei uns? Wie, wann?“ Franziska ist sichtlich durcheinander. Da spricht ihr Vater langsam, aber durchdacht, weiter: „Ich habe mit dem Arzt alles besprochen. Ich kann am 23. Dezember für 2 Tage entlassen werden und bekomme ein tragbares Beatmungsgerät mit. Wir gehen dann zusammen einkaufen. Es kann ja nicht angehen, dass der Junge keine Eisenbahn hat. Wir kaufen die Bahn und ich feiere mit Euch Weihnachten. Danach am 25. kann Paul mich wieder ins Krankenhaus bringen.“ Franziska stockt der Atem. Wie soll sie das denn nun alles bewerkstelligen? Hatte sie sich nicht für alles schon einen genauen Zeitplan gemacht? Jetzt soll sie auch noch mit ihrem todkranken Vater in die Stadt und eine Lego- Eisenbahn einkaufen. Hätte sie bloß nicht darüber geklagt. Ihrem Vater konnte man genauso schnell Flausen in den Kopf setzen wie ihrem Lukas.

Am 23. Dezember holt sie ihren Vater ab. Er ist frisch rasiert und hatte seinen zweitbesten Anzug an. Den Besten bewahrte er sich für Heiligabend auf. Gestützt durch Franziska und seine Frau schafft es Lukas` Opa zum Auto und lässt sich in den Sitz fallen. Er hatte sich extra von einem Zivildienstleistenden Prospekte mitbringen lassen und er weiß genau, was er sucht. Einen Güterzug mit einer gelben Lokomotive und drei Waggons. Einem blauen Postanhänger, einem grauen Containertransporter und einem roten Schotterwaggon. Im ersten Geschäft ist der Güterzug ausverkauft. Die Verkäuferin zuckt nur mit den Schultern und sagt: „Was erwarten Sie? Es ist einen Tag vor Weihnachten.“ Im nächsten Geschäft gefällt Lukas` Opa die Verpackung nicht, da eine Ecke eingedellt ist. „Darauf achtet der Junge doch sowieso nicht“, sagt Franziska, aber es soll alles perfekt sein. Und jedes Mal ist es ein Kampf, den alten Mann in und aus dem Auto zu hieven und durch das nächste Geschäft zu stützen. Im dritten Geschäft dann die Erlösung. Er hat zwar ein vor Anstrengung verschwitztes Gesicht, aber Franziska sieht, dass ihr Vater Zufriedenheit ausstrahlt. Es war das richtige, ihn aus dem Krankenhaus geholt zu haben, fuhr es ihr durch den Kopf.

In der Nacht zum Heiligabend bekommt Lukas schweres Fieber, so dass für ihn der Weihnachtsgottesdienst mit dem Krippenspiel ausfallen musst. So bleiben er und sein Opa, beide geschwächt von ihrer Krankheit, zu Hause und fiebern der Bescherung entgegen. Lukas spielt mit seinen Hot Wheels Autos und sein Opa schaut ihm dabei zu und fällt ab und an in einen unruhigen Schlaf. Als die restliche Familie aus der Kirche kommt, hofft Lukas auf eine baldige Bescherung, aber seine Eltern bestehen erst aufs gemütliche Essen. Danach werden die Kerzen angemacht und gemeinsam gesungen. Schon beim Singen schielt Lukas immer wieder auf das große rechteckige Paket und er kann sich, als es soweit ist, gar nicht zurückhalten und reißt so schnell er nur kann das Geschenkpapier ab und bestaunt mit großen Augen sein Geschenk. Es ist nicht der Zug, den er sich gewünscht hatte, aber das stört ihn in diesem Moment überhaupt nicht. Sein Beten und sein ständiges Gerede hatten Erfolg gehabt und er umarmt hastig seinen Großvater, der über die Freude im Gesicht seines Enkels genauso strahlt wie Lukas selbst.

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