Dierk Seidel

Der Mensch, der nicht Verstand

1.

„Aha, aha, aha“, sag` ich zu dir. Und du nickst mit dem Kopf und wippst mit dem Beat.

Pegida, Pegida, Pegida, sagst du zu mir und wippst mit dem Beat.

Von Aha zu Pegida ist jetzt aber mal ganz schön weit hergeholt, sag‘ ich und wippe nicht mit dem Beat.

Wie wär’s mit Islam, Islam, Islam, frag‘ ich und schnief mit dem Beat.

Was hat denn der Islam schon wieder mit Pegida zu tun? Und ich frag mich, wie ich dir das erklären soll, schließlich bist du ein weißes Kaninchen und ich grade auf LSD. Außerdem hab‘ ich mich das grade selbst gefragt und das verwirrt mich.

Es geht doch gar nicht um den Islam. Ob man nun Schweinefleisch isst oder lieber Lamm. Es geht einfach nur um Fame.
Geh mal wieder auf die Straße, geh mal wieder demonstrieren, über Jahre spricht man von Politikverdrossenheit und nun gehen Leute auf die Straße und dann ist das auch scheiße.
Dierk Seidel Kurzgeschichte: Der Mensch, der nicht Verstand.Ja, das ist scheiße, weil sie vorher nicht nachdachten. Schreien was von Lügenpresse und lassen sich von Parteien und Menschen instrumentalisieren, die gerne Sätze mit „aber“ verwenden, um über ihre Gesinnung hinwegzulügen.
Wer Nazi ist, kann es doch auch sagen?, denk‘ ich. Und wenn jemand sagt: „Ich bin kein Nazi, aber …“, dann denk‘ ich, aha, aha, aha, und du nickst und ich kotz mit dem Beat. Weil ich euch von Pegida nicht lieb hab.
Und dann nenn mich halt intolerant! Denn das bin ich vielleicht, wenn ich eure Meinung nicht akzeptieren will. Denn eure Meinung ist hohles Geschwätz. „Die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg, die Ausländer belasten unser Sozialsystem.“ Ja, was denn nun? Frag ich mich und du rufst: „Wir sind das Volk, wir sind das Volk!“
Ich denk‘: „Aha, aha“, und du wippst mit dem Beat in deinem Kopf. Mit dem kleinen Hammer, der immer wieder gegen deine Synapsen schlägt. Ah, aaaah, aaaaah, aaahhh.
Woran liegt es, dass Menschen mit Ängsten durch die Gegend gehen?
Woran liegt es, dass Terroristen mit Maschinenpistolen gegen Stifte angehen?
Woran liegt es, dass Europa sich nur für Europa interessiert und nicht für Massensterben in Nigeria?
Woran liegt es, dass Europa sich nur noch für Europa interessiert und nicht für Flüchtlingssterben im Mittelmeer?
Woran liegt es, und wo liegst du mit deiner Meinung? Warum steckst du fest in deinem Manifest von Hass und Gewalt? Warum findest du den Ausknopf nicht, warum hörst du nicht auf den Aufschrei in deinem Kopf?
Warum sind wir das Volk?
Wir sind doch nur zwei von Millionen. Und du kennst keinen Ausländer, weil sie in Asylantenbaracken außerhalb der Stadt wohnen. Und trotzdem hast du Angst in deinem Kopf.

Wir sind in einer Zeit angelangt, in der du Reisen kannst von Land zu Land. Du kannst Kulturen kennen und verstehen lernen, du kannst fremde Sprachen sprechen und vergangene Zeiten als Vergangenheit benennen und trotzdem hast du Angst.
Ja, ich hab ja nichts gegen Ausländer, aber, aber, in meinem Land will ich sie nicht sehen.“
Dann mach die Augen zu, lauf geduckt durchs Land der kulturellen Vielfalt. Und lasse dich führen von Fremden, aber schau sie nicht an. Sie zeigen dir die Welt. Es könnte gefährlich sein.
Pegida, Pegida, Pegida, sagst du und ich wipp‘ mit dem Beat, Pegida, da werd ich verstanden, sagst du und ich wipp und wipp.
Und flehe dich an, mal nachzudenken, was denn ein Mensch aus einem andern Land für dich kann. Er kann nichts dafür, dass du so feindlich bist, er kann nichts dafür, dass du so unsicher bist, er kann nichts dafür, dass du selbst nichts geschissen kriegst. Also, warum bist du gegen ihn? Oder ist es grade das?
Und du wippst mit dem Kopf und wippst mit dem Beat, und dann fragst du mich, ob ich das nochmal sagen kann, du warst grad mit deinen Gedanken in einem ganz anderen Land.
Im Land der Angst vor dem Gespenst, das herumrennt. Es zieht rum und es greift uns an, das Gespenst der Angst, das alles auseinanderfällt. Und mein Land, mein Land brennt, sagst du.
Mein Land ist mir egal, denk‘ ich. Ob Länder oder Grenzen. Was uns verbindet in diesem Land ist vielleicht noch die Sprache.
Wir sind alle individuell, schrei ich und der Beat in meinem Kopf ist zu schnell.
Wir sind alle individuell. Alle unterschiedlich. Alle gleich und doch. Reich von Vielfalt. Mach das nicht kaputt mit deiner Angst. Sei mutig, tritt ein, für ein tolerantes …

2.

Ich rühre mit meinem Arm in einem Eimer voll Scheiße. Jeden Morgen in den Nachrichten das ________.
Pegida, Merkel, Kauderwelsch.
Chaos in meinem Kopf. Chaos an diesem Tag. Ich bin wach. Du auch. Ich bin, ach du auch. Wir führen in meinem Kopf einen Dia log die Lügenpresse, ich drehe die Spulen in meinem Verstand auf der linken Hand, durch die Synapsen der Katastrophe des Lebens.
Meine Freundin kommt rein, und ich gehe raus, meine Mutter ruft an und ich geh nicht dran. Mein Parteivorstand kommt vorbei und sagt. Renn, renn schnell. So lang du kannst.
Montag ist Demotag. Ich bin doch so demotiviert. Wir demonstrieren gegen etwas, das eh nie passiert. Wir sind Pegida, und die Islamisierung ist nie da. Nur in unseren Köpfen läuft die Angst, das Gespenst.

Aber jetzt, jetzt nach Paris, da haben wir was in der Hand, die Islamisten drohen uns, das zeigt doch, dass wir recht haben.“
„Ring, Ring“, eine andere Stimme in meinem Kopf ruft mich an, geh nicht dran, sag‘ ich, geh nicht dran, sag‘ ich, geh nicht, sag‘ ich.
Und da ist sie wieder: Aha, aha, aha … die Stimme mit dem Beat, sie wippt in meinem Kopf. Sie erklärt meine Angst, meine Furcht, ich werde selbst zum Gummigeschoss. Meine Meinung nicht rational, meine Sehnsucht überemotional und voller Vorurteile. Mein Wahnsinn…

„Aha, aha“, sag‘ ich zu dir. Und du nickst mit dem Kopf und wippst mit dem Beat.

Pegida, Pegida sagst du wiederum zu mir und wippst mit dem Beat.
Von Aha zu Pegida ist jetzt aber mal ganz schön weit hergeholt, sag‘ ich und wippe nicht mit dem Beat.
Wie wär’s mit Toleranz, Toleranz, Toleranz für deinen Verstand, sag‘ ich und schnief mit dem Beat.

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