Dierk Seidel

Der alte Hannes

Schon morgens früh, Tag für Tag, bewegst du dich zum REWE-Markt nicht weit entfernt von deiner Schlafstelle. Da soll noch mal einer sagen, Obdachlose wären energielos, perspektivlos und total faule Schmarotzer.

11-2016-dierk-seidel-kurzgeschichte-mein-name-ist-hannes-schroederDie Kunden um sieben Uhr morgens geben nie viel. Sie sind meist in Eile, noch schnell die Zeitung, ein Brötchen, Butter oder einfach nur was zu trinken besorgen, da bleibt keine Zeit für Menschen wie mich. Die, die so ab acht kommen, sind anders. Mütter ohne Kinder, Mütter mit Kindern, Väter mit und ohne Kinder, Omas mit Opas, manchmal Opas alleine, die Omas, die alleine sind, kommen häufig erst gegen späten Vormittag oder nachmittags. Sie lesen weniger Zeitung und schlafen länger, hat mir mal eine erzählt, bevor sie mir ganz aufrichtig ein 50 Cent Stück in die Hand gedrückt hat. Dabei schmunzelte sie und sagte: „Aber nicht alles auf einmal ausgeben.“

Die alten Menschen, die, die ich mag, werden auch immer weniger. Sicher, es kommen neue alte Menschen, aber die haben keine Güte mehr in den Augen oder sie müssen selbst im Mülleimer nach Pfandflaschen wühlen. Ich habe auch mal überlegt, ob ich in das Business der Pfandsammler einsteigen soll, aber der Konkurrenzdruck ist sehr hoch und dieser Druck hat mich letztendlich schon mal zum Scheitern gebracht.

Und da vorne kommt Heinz. Er verkauft die draußen!, diese Obdachlosenzeitung. Er kann einem schon leidtun, denn gerade zum Ende des Monats haben alle, die sich dafür interessieren, die Zeitung schon gekauft. Ich habe das auch mal gemacht, aber im Endeffekt betrügt man sich damit selbst. Man meint, man macht was sinnvolles und braucht sich nicht zu schämen, weil man nicht bettelt, aber diese Zeitung ist der letzte Dreck. Da sind die Zeitungen in anderen Städten besser. Asphalt würd ich auch lesen, wenn es die hier geben würde.

Frau Ahrens kommt zur Schicht, das heißt, ich bin schon vier Stunden hier mit der kurzen Unterbrechung in meiner Frühstückspause. 2,80 Euro hab ich verdient abzüglich 60 Cent für ein Brötchen. Beim Bäcker um die Ecke hab ich es mir geholt. Bei REWE sind sie günstiger, aber schon mein Vater hat immer gesagt, man kauft nicht, wo man arbeitet.

Noch eine Stunde, dann mach ich Mittagspause im Park. Manchmal räume ich dann die alten Spritzen weg und trinke einen Wodkawasser. Schröderbrause haben Freunde das früher immer genannt. Und hinter vorgehaltener Hand sagten sie, dass ich wieder zu viel trinke. Aber davon abgehalten haben sie mich auch nicht.

Mittlerweile habe ich neue Freunde. Kalle, Rüdiger und Axel. Axel war mal Punk, hat aber irgendwann gemerkt, dass ihn von uns nur die grünen Haare trennen. Jetzt ist er auch nur einfach einer von der Straße. Einer von uns. Rüdiger ist schon länger dabei, sagt aber nie viel. Kalle kriegt in letzter Zeit nicht mehr so gut Luft. Axel musste ihn schon mehrfach bei seiner Frühschicht aus Hauseingängen kratzen und ihn wachrütteln. Ich habe Angst um Kalle.

Gegen 15 Uhr steh ich wieder bereit. Die Studenten sind so ein Glücksspiel. Manche müssen nicht so extrem auf ihr Geld achten, aber geben trotzdem nichts. Manche müssen extrem drauf achten und geben trotzdem was und manche wollen, aber können einfach nicht. Und ein paar sind sich jedes Mal von neuem unsicher.

Wenn ich mir morgens mein Hemd in die Hose stecke und mein altes Sakko überwerfe, meine Habseligkeiten in ihr Versteck packe, dann blicke ich kurz in meinen kleinen Spiegel, streiche mir durch meinen zerlodderten Bart und bilde mir für ein paar Sekunden ein, dass ich noch was wert bin. Ich weiß, dass das in den Augen vieler Leute nicht so ist, aber ohne diese morgendliche Illusion könnte ich mich auch gleich umbringen.

Von weitem höre ich Eisenhower, den Hund von Frau Hansen. Frau Hansen ist gutherzig. Sie hat mir mal gesagt, sie mag meine Stimme. Hätte sowas von Tom Waits. Ich hab keine Ahnung wer Tom Waits ist. Frau Hansen schon.

Es ist halb sieben, ca. ich verabschiede mich von denen, die da sind, gehe zu Penny und kaufe mir eine Flasche Wodka, Zigaretten und Brot. Man kauft nicht, wo man arbeitet.

Früher hab ich mir mal Nachts mein Essen aus den Müllcontainern geholt. Heute nicht mehr. Linke Studentengruppen machen das heute. Containern nennen sie das. Containern, ich nannte das Überleben.

Ich öffne die Flasche, es ist mein erster Schluck am Tag, man kann nicht betteln, wenn man betrunken ist. Bis abends halte ich es immer durch, aber dann, schon nach zwei Stunden, wenn die Flasche leer ist, wünsche ich, dass ich mir noch eine leisten kann.

Ich gehe am Kanal entlang bis zur Rasenfläche in der Nähe der Feuerwache. Das Feuer brennt schon und ein paar Weggefährten sitzen drumherum. Nur einer fehlt. Ich tippe Axel auf die Schulter. Er hat Tränen in den Augen, er muss nichts sagen.

Mein Name war Hannes Schröder. Ich bin 68 Jahre alt und lebe seit 33 Jahren auf der Straße. Meine Freunde nennen mich nur noch: der alte Hannes. Ich habe heute meinen besten Freund verloren.

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