Malte Klingenhäger

Der Ainu

Die Städte reihen sich an der Autobahn wie Perlen auf einer Kette. Ballungsgebiet, Jobchancen, alles nah beieinander, den Puls der Stadt schon morgens spüren, wenn die Straßenarbeiter den Teer aufreißen. Aber alles nicht so schlimm, es gibt ja auch Grünflächen. Außerdem: Park ’n‘ ride statt stop ’n‘ go. Doch nach 20 Minuten auf der Stadtautobahn – gelangweilt, entnervt und nicht mehr ganz so frisch riechend – klingt es wie der blanke Hohn. Was bringt einem solch ein Spruch, wenn er das Ziel bewirbt?
Malte Klingenhäger Kurzgeschichte: Der AinuPaul hatte einige naheliegende Hotels als Treffpunkt vorgeschlagen, doch selbstverständlich musste der Ressortleiter – mit Segen der Buchhaltung – ein völlig anderes aussuchen. Entscheidungen, die diesen Weg gehen, kann Paul nicht ernst nehmen. Entscheidungen, die diesen Weg gehen, nehmen Paul nicht ernst. Deswegen werden ihm außer der Übernachtung auch keine Spesen bezahlt. Selbst beim Leihwagen zahlt er drauf, aber er braucht ihn, um pünktlich zu sein.
Paul mag keine Menschen, die sich selbst als Spielball ihrer Umgebung sehen, bei denen immer alle anderen Schuld sind. Paul durchschaut ihre Geschichten, seit er seine Reportagen schreibt. Paul will für sein Schicksal selbst verantwortlich sein. Und wenn diese Verantwortung bloß bedeutet, das eigene Schicksal zu akzeptieren, dann verwirrt Paul das, aber er tut es. Es ist eben kein einfaches Leben.
Endlich findet er die schmale Seitenstraße, in der das Hotel liegt. Warum überhaupt ein Hotel in einer anderen Stadt? Weil das praktischer für den Terminplan dieses Japan-Indianers ist, wie sein Chef den Ainu-Vertreter abfällig nennt.
Ganz schön abgefuckt, sein Chef.
Paul parkt den roten Mietwagen und holt seine Sachen aus dem Kofferraum: Laptop für die Arbeit, Tauchsieder für die Tütensuppe, Jackett für den Notfall – denn der Presseausweis verspricht nie 100 prozentigen Schutz vor ästhetischen Konventionen.
Das Hotel ist ein kleines, unprätentiöses, der Preis entsprechend gering. Für 60 € in Bar und eine unleserliche Unterschrift händigte man Paul die Schlüssel aus.

Zwei Stunden wartet Paul in seinem Zimmer, schaut hinaus ins Trübe und lauscht dem entfernten Lärm der Autobahn. Datenhighways – Buzzword, Trend, die Realität. Die Hotels vornehmlich Arbeitsspeicher der Stadtcomputer: flexibel verstauen, zwischenschieben, schnell abrufen. Das sind so die Gedanken, die er hat. Paul beruhigt es, genau zu wissen, wo er sich befindet. Ob in einer Schlange stehend, wie kursive Buchstaben erwartungsvoll leicht nach vorne gebeugt, oder im örtlichen Fitnesscenter, wo die Kräuter-Salz-Mischung unsichtbare Poren öffnet und verschließt – alles hat doppelte Bedeutungen, deren Verknüpfungen eine viel genauere Karte seiner Position zeichnet als jedes GPS. Hier sitzt Paul im Zwischenspeicher und wartet auf seine Verwendung.
Dann kommt Hoson-Kai, der Ainu.
Etwas untersetzt, in einem verwaschenen gelben Pullover, mit gepflegtem Bart und vornehmen Schuhen – so sieht Paul ihn das erste Mal. Unten im Hotelcafe, wo der offizielle Vertreter des indigenen Volkes von der japanischen Insel Hokkaido – eben der Ainu – sich einen Tee bringen lässt. Besser: Seine blonde Begleiterin, eine Mittvierzigerin im schlecht sitzenden Hosenanzug, bringt ihm das Getränk. Zumindest auf den letzten zwei Metern, auf denen sie der verdutzten Bedienung entgegen sprintet und mit kühlem Lächeln die Bestellung entwendet. Auch als der Ainu Paul sieht und freundlich nickend begrüßt, springt sie sofort auf und drängt sich dazwischen.
Frau Linda Keerwegen, wie sich die Dame vorstellt, ist Mitglied einer Nichtregierungsorganisation und eigentlich aus Berlin, weil so ein Hauptstadtbüro einfach wichtig ist, wie sie nebenbei erwähnt. Nähe zur Politik ist das A und O, sagt sie. Ihre Gruppe lobbyiert für die politische Anerkennung verschiedener Volksgruppen. So wie früher auch für die der Ainu, die von Frau Keerwegens Organisation im Kampf gegen die einfallende Bürokratie unterstützt wurden, als das Volk 2008 von der japanischen Regierung endlich als indigene Minderheit anerkannt wurden. Das liegt nun einige Jahre zurück. Jetzt organisiert Frau Keerwegen Interviews wie dieses. Hauptsächlich zu Werbezwecken, denn ihre Organisation ist auf Spenden angewiesen. Hoson-Kai wird dafür zwischen zahlreichen Terminen umher gereicht. Heute ist er für Paul gebucht, ganze zwei Stunden, die ausreichen müssen, um zwei Doppelseiten zu füllen. Hier im Ruhrgebiet leben viele Menschen, viele potenzielle Spender, die Frau Keerwegen über das Magazin, für das Paul schreibt, gerne erreichen möchte. Dafür kommt sie auch mal aus der Hauptstadt, denn beim Geld ist die Nähe zum Menschen wichtiger als die zur Politik. Da ist sie ehrlich.
Das Hotelcafe, in dem sie sich in tiefen Sesseln und getrennt von einem flachen Tisch gegenübersitzen, will ein Wohnzimmer sein. Dicke Polster, Sofas, viele Pflanzen und Häkeldeckchen. Theoretisch ein nettes Ambiente, doch in der Praxis wirkt es unangenehm kitschig. Paul fühlt sich nicht wie zuhause. Ein solches Wohnzimmer hat er nie belebt – niemand hat das. Er sitzt in der klischeebehafteten Vorstellung eines zweitklassigen Hotelmanagers, der sich für einen erstklassigen Innenarchitekten hielt.
Hoson-Kai scheint sich nicht daran zu stören. Der Ainu beantwortet Pauls Fragen etwas knapp, aber seine Begleitung füttert jede Übersetzung mit endlosen Erklärungen an, als ob sie den Sinn dieses Interviews – das authentische Gespräch – nie verstanden hätte. Oder sie hat es durchschaut, denn die Ainu müssen sich ihre lange unterdrückte Kultur erst mühsam rekonstruieren. So spricht er mit einem authentischen Menschen, aber rekonstruiertem Ainu, über Dinge, an die sich die Welt kaum noch erinnern kann. Da braucht es anscheinend hin und wieder eine Souffleuse aus der Hauptstadt.
Ainu bedeute in der Sprache Hoson-Kais so viel wie Mensch, das sei ähnlich wie bei den Eskimos, erklärt Frau Keerwegen. Paul verbessert sie, dass die „Eskimos“ eben diese Bezeichnung ablehnen und stattdessen die Bezeichnung Inuit bevorzugen. Umso besser, ruft Frau Keerwegen, das klinge auch viel ähnlicher.
Paul bekommt leichtes Kopfweh.
Hoson-Kai sitzt derweil vornübergebeugt und zupft gelangweilt am Häkeldeckchen, vor allem, wenn Frau Keerwegen spricht. Da sie die Angewohnheit hat, während ihrer Kunstpausen nicht bloß mit ihrer rechten Hand die Luft zu verwirbeln, sondern auch ihre Augen zu schließen, hat Paul etwa jede halbe Minute eine knappe Sekunde Zeit, dem Ainu Grimassen zu schneiden. Mal verdreht Paul die Augen, mal zwinkert er ihm zu oder äfft Frau Keerwegen nach, indem er ebenfalls die Augen schließt. In Hoson-Kais Mundwinkel zuckt es jedesmal, aber irgendwie scheint er über Pauls kindische Späße erhaben.
Nachdem Paul all seine Fragen gestellt hat, entscheidet er sich, den Ainu auf andere Art und Weise zu erheitern. Er hätte eine abschließende Frage zur Kontextualisierung des Interviews auf persönlicher Ebene, um die Text-Leser-Bindung zu konstituieren, wie er Frau Keerwegen erklärt. Die nickt nur und schaut reserviert. Und zwar, beginnt Paul, was denn Hoson-Kai, als Mitglied eines indigenen Volkes, das in seiner Geschichte so häufig seiner Heimat beraubt wurde – ja erst noch im Aufbau einer neuen sei – von seinem Aufenthalt in einem Land voller Menschen halte, die ihre Wohnzimmerkultur so gewöhnt sind, dass sie selbst während ihrer Reisen nicht auf sie verzichten können?
Frau Keerwegen gestikuliert hilflos und behauptet, sie wisse nicht, wie sie Hoson-Kai die Frage vermitteln solle, aber der Ainu blickt auf einmal so neugierig, dass sie schließlich nachgibt und zu formulieren beginnt. Er antwortet lachend, dass es auch bei Ihnen üblich sei, seine Herkunft mit sich zu tragen, ob man nun wolle, oder nicht. Mit Übersetzung dieser Antwort, die sie dieses Mal nicht um eine Erläuterung anreichert, beendet Frau Keerwegen das Interview und wünscht Paul eine angenehme Nachtruhe. Dann taxiert sie ihn eindringlich, bis er endlich seinen Laptop einklappt und sich auf den Weg hinauf in sein Zimmer macht.

Eine halbwarme Tütensuppe und zwei Spielfilme später liegt Paul wach in seinem Bett. Es ist noch keine 12 Uhr und seine Augen tun ihm weh. Er blickt lange in seinen dürftig bestückten Geldbeutel, entscheidet dann doch, dass es schon für ein oder zwei Biere reichen wird und wirft sich sein Notfalljackett über. Unten an der Hotelbar trifft er auf Hoson-Kai.
Allein.
Der Ainu ist gerade damit beschäftigt, dem Barkeeper, der nachts gleichzeitig auch Concierge und Rezeptionist ist, im gebrochenem Englisch zu erklären, dass er einen Tee möchte. Paul setzt sich neben ihn und hilft ihm dabei. Hoson-Kai blickt dankbar aus müden Augen mit wachem Funkeln, ein widersprüchlicher Ausdruck, den Paul schön findet.
Hoson-Kai versucht Paul zu erklären, dass er sich bewusst sei, diese Tour mehr aus Dankbarkeit für die Organisation von Frau Keerwegen zu machen, als das es für ihn und sein Volk Sinn machen würde. Paul versucht sich seinerseits dafür zu entschuldigen, während des Interviews so albern gewesen zu sein und fügt hinzu, als er merkt, dass Hoson-Kai kein Wort versteht, dass er sich eigentlich allen Menschen gegenüber schuldig fühlt, die direkt oder indirekt von irgendjemandem irgendwann einmal unterdrückt wurden. Aber das er das nicht schlimm fände, denn es gäbe dunklere Gedanken. Der Ainu zuckt nur mit den Schultern, sein Basismanöver in diesem mühseligen Gespräch.
Eine gemeinsame Sprache finden, das ist der Grundstein für eine Verständigung der Völker, nur nicht nachts um halb eins, wenn man aus Höflichkeit bloß Tee trinkt, denkt Paul. Die beiden schweigen. Irgendwann hüpft Hoson-Kai von seinem Hocker, klopft Paul auf die Schulter und verabschiedet sich mit dem universellen Symbol für Schlaf: den Mund gespitzt, die Augen geschlossen, den Kopf auf die zusammengefalteten Hände gelegt und dilettantische Schnarchgeräusche produzierend. In der Tür macht er jedoch noch einmal kehrt und kramt in seinen Taschen. Er zieht eine kleine Holzfigur hervor, einen Baum, dessen Stamm ein Fisch ist. Tourist, sagt er und zuckt mit den Schultern, dann gibt er die Figur an Paul, der sie einsteckt und seinerseits zu kramen beginnt. Aus seinem Schlüsseletui fischt er eine alte Zinnfigur des heiligen Christophorus hervor. Seine westfälische Großmutter hat sie ihm vor Jahren zur Führerscheinprüfung geschenkt. Sie war Teil eines Deals gewesen: Der Heilige bekam einen Platz in jedem Auto, das Paul fuhr, dafür bekam er die Hälfte seiner Fahrstunden bezahlt. Vorsichtig streicht er mit dem Finger über das Zinn. Katholisch, sagt Paul und drückt Hoson-Kai die Figur in die Hand. Dann sieht er dem Ainu nach, wie er die Treppen hinaufsteigt und dreht sich zurück zum Tresen, um ein Gute-Nacht-Bier zu ordern.

Wieder in seinem Zimmer, wirft Paul sein Jackett über den einzigen Stuhl im Raum und schmeißt sich selbst ebenso lustlos in das Bett. Dann steht er doch noch einmal auf und sucht in der Jackettasche nach der Holzfigur des Ainu. Mit der Figur in der Hand legt sich Paul ein zweites Mal hin und entzieht sich für die folgenden 6 Stunden und 25 Minuten der Wirklichkeit.
Als er am nächsten Morgen im Hotelcafe tief in einen der Sessel gerutscht seinen Kaffee schlürft und auf seinem Laptop Zeitung liest, sieht er Frau Keerwegen die Treppe hinunter hasten. Sie nickt ihm kurz zu und rauscht an ihm vorbei zur Rezeption, um dort mit wichtiger Miene zu warten, bis jemand aus einem Nebenraum kommt und sie auscheckt. Jetzt kommt auch Hoson-Kai die Treppe hinunter, winkt Paul zu und zieht mit seinem Rollkoffer durch die Lobby in Richtung Eingangstür. Draußen wartet bereits ein Taxi. Paul beobachtet durch die zur Vorderseite des Hotels weisende Fensterfront des Cafes, wie Hoson-Kai die schwere Reisetasche von Frau Keerwegen in den Kofferraum des Wagens wuchtet. Seine Begleitung steigt derweil auf dem Beifahrersitz ein.
Bevor Hoson-Kai hinter ihr Platz nimmt, läuft er noch einmal um das Taxi herum und drückt sein Gesicht an das Fenster des Cafes. Als er Paul sieht, streckt er ihm die Zunge raus, verdreht seine Augen und lacht. Dann steigt auch Hoson-Kai in das Taxi, das ihn wahrscheinlich zu seinem nächsten Termin fährt und lässt Paul mit zwei Doppelseiten Interview und einer kleinen Holzfigur in der Tasche zurück.

Das kann Paul akzeptieren.

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