Dierk Seidel

Das Schweigen der intrinsischen Motivation

Wenn am letzten Tag der erste Ton erklingt, dann spüre ich, dass es nach unendlich langer Zeit geschafft ist. Wenn am letzten Tag der erste Ton erklingt, dann weiß ich, dass wir überlebt haben und dass wir nicht die einzigen sind.Denn wir haben den Ton nicht erklingen lassen. Wie eine Ode an die Freude, wie eine kleine Horrorshow oder eine Rockoper a la Tommy, wie Pink Floyd auf Anabolika, wie … Ach, es ist egal wie, denn nach dieser langen Durststrecke, in der wir gefühlt all unsere Melodien verloren haben, ist dieser erste Ton, dem so viele schöne Töne folgen, wie eine Symphonie der Erlösung, ein Erdbeben ohne Zerstörung. Die Töne sind das Wesen der Veränderung und sie werden unsere Rettung sein.

Dierk Seidel Kurzgeschichte: Das Schweigen der intrinsischen MotivationUnd wer sagt denn eigentlich, dass es der letzte Tag ist? Bloß weil die Sonne unterzugehen scheint und der saure Regen unsere Felder bedeckt? Wer sagt, dass es der letzte Tag ist? Die Medien? Die Regierung? Oder Erna, die gute Wirtin der Eckkneipe. „Scheißegal“, sagt sie und alle biertrinkenden Männer nicken und rülpsen. „Scheißegal“ und damit ist die Sache für Erna erledigt. Der Schnaps tötet doch alles, denkt sie, als sie um vier Uhr morgens die Rolladen ihrer Eckkneipe schließt und das unruhige Treiben auf offener Straße beobachtet. Und Erna fragt sich, ob sie was verpasst hat, schließlich wirken alle so, als wäre es der letzte Tag. Erna geht zurück in die Kneipe und stellt den Fernseher an, aber das Bild bleibt schwarz. Das hat Erna in 30 Jahren nicht erlebt. Erna macht sich doch ein wenig Sorgen, bevor sie müde auf dem Sofa in der Ecke einschläft.

Der Ton und die Töne, die folgen, sind so unheimlich laut, dass es eine Freude ist, für alle die ihr Gehör noch nicht verloren haben und sogar Erna wacht für einen kleinen Moment auf, nur um kurz darauf wieder einzuschlafen.
Ich gehe in meinem Schutzanzug auf die Straße und frage mich, ob nun eine neue Ära beginnt und ob man vielleicht den Anzug nur ein klein wenig öffnen könnte. Vielleicht ist die Strahlung ja gar nicht mehr so stark.
Nach einer kleinen Klaviersonate erklingt nun ein Meer von E-Gitarren und mein Herz bebt vor Freude und die Musik wird lauter und immer lauter und plötzlich rollen Maschinen um die Straßenecke und Erna – so hat sie es mir später erzählt – fällt von ihrem Sofa, weil der Boden so sehr wackelt. Die Maschinen haben riesige Lautsprecher und über jedem Lautsprecher steht ein Wesen. Was genau das für Wesen sind, kann man nicht erkennen, aber sie wirken freundlich, unglaublich freundlich. Das hat Erna später auch gesagt.

Und Erna späht durch einen Spalt zwischen den Rollladen und Erna sieht mit Tränen in den Augen, dass alles irgendwie vorbeizieht. „Ich meine, klar, dass das wie eine Offenbarung wirken muss und das ist sicher nicht durch Zufall hier, aber mal ganz ehrlich, du hast doch auch daran geglaubt“ , hört sie jemanden mit einer tiefen Stimme aus dem Lagerraum ihrer Kneipe tönen und Erna fragt sich, was denn noch alles kommen wird. Das ist nun schon ganz schön viel. So was hat sie lange nicht mehr erlebt.

Ich aber kämpfe mich mittlerweile durch die fliehende Meute. Ich schwimme gegen den Strom, es ist nicht einfach. Ich weiß auch nicht, was mich eigentlich dahin treibt. Klar die Musik, die Hoffnung, aber vielleicht ist es auch ein Irrtum. Vielleicht laufe ich dem Verderben genau in die Arme. Die Freundlichkeit, die die Wesen ausstrahlen, dient vielleicht der Ablenkung, um alles zu beenden.

Plötzlich bin ich zwischen den ganzen Maschinen. Sie fahren langsam an mir vorbei. Einen Moment lang habe ich Angst, dass ich mich die Lautstärke taub machen wird, aber die Musik hat sich meinen Ohren angepasst, oder ich bin schon ein wenig taub. Ich drehe mich im Kreis, immer wieder, die Menschen rennen weiter panisch durch die Gegend. Es kommen immer mehr Maschinen mit Wesen und sie scheinen sich nicht daran zu stören, dass ich zwischen ihnen stehe.
Nach gefühlten oder auch realen drei Stunden – wer weiß das schon so genau – werden die Abstände zwischen den Maschinen größer und die Wesen auf den Maschinen werden kleiner und die Maschinen werden auch kleiner. Immer kleiner, bis sie ganz verschwunden sind. Und dann drehe ich mich weiter im Kreis, die Musik ist verklungen, aber die Sonne am Horizont, sie geht auf. So strahlend wie schon lange nicht mehr und mein Blick fällt auf Ernas Kneipe und ich gehe rein.

Erna ging in der Zwischenzeit – kurz nachdem sie die Stimme aus ihrem Lagerraum gehört hatte – mal eben nachschauen. Da muss doch was sein, dachte sie und so war es dann auch. Ein Mann und eine Frau, beide wirkten sie wie alte Hippies, aber nur ein bisschen, dachte Erna, schließlich weiß ich ja wohl, wie alte Hippies aussehen müssen und dann sprach sie die beiden alten Hippies an und sie erzählten Erna ihre Geschichte und nun sitzen sie am Tresen und Erna schenkt ihnen Wein ein, als ich zur Tür reinpoltere.
Erna fragt sich, wie ich reingekommen bin, da sie ja die Rolladen verschlossen hat, aber eigentlich wundert sie sich heute über gar nichts mehr und ich weiß, dass ich nun mal reingepoltert bin. Nicht mehr, nicht weniger.
Der alte Hippie nickt mir zu und fragt mich, ob ich Musikmaschinen gelauscht habe und ich sage, Lauschen ist vielleicht etwas untertrieben.

Daraufhin erzählt er, dass nun alles neu beginnt. „Die Menschen werden wieder an die Musik glauben und irgendwann auch an die Freundschaft und dann auch an Gemeinschaft und ein Gemeinwohl und an Frieden. Bis dahin ist ein Weg ein weiter und bis wir wieder selbst Musik machen können, wird es wohl auch noch ein wenig brauchen, aber jede Musikmaschine ist ein Anfang.“
Die Hippiefrau blickt ihn glücklich an und geht auf das kleine Kofferradio zu, welches auf einem kleinen Tisch in der Ecke steht und dreht den An-Knopf. Ein Rauschen.
Sie sagt, Rauschen enthält Töne, die wir seit Jahren nicht als Töne wahrgenommen haben.

Erna spült ein Bierglas aus, füllt mir ein Glas ein. „Aus meinen letzten Vorräten“, sagt sie und schiebt es mir rüber. Dann geht sie rüber zur Eckbank, klappt die Sitzfläche hoch und holt eine Gitarre heraus und ein Akkordeon.
Wenn ihr Musik wollt, dann macht Musik, aber feiert nicht so ’nen Rauschen ab, als wärt ihr bekifft.
Ich trinke einen Schluck Bierplörre, schaue Erna lange an und frage sie: „Erna, die Menschheit vermisst seit Jahren Musik, die Machthaber haben Musik aus den Gedanken verbannt, bei allen und jedem und du bunkerst hier Instrumente?“
Erna denkt kurz nach, überlegt, dass sie bald nochmal ’nen kleines Nickerchen machen muss, bevor sie dann sagt: „Mich hat ja keiner gefragt. Und so richtig was mitbekommen von diesem ganzen Trubel habe ich auch nicht. Und jetzt austrinken, ich brauch mal Urlaub.“

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