Yasmin Alinaghi

Alles, außer umkippen

The Red Centre, Australien, 2009

Heike:

Yasmin Alinaghi Kurzgeschichte: Alles, außer UmkippenAls wir den Jeep mit 4-Rad-Antrieb bei Britz am Flughafen von Alice Springs mieteten, fanden wir es noch total witzig, dass wir gegen alles versichert waren außer Umkippen. Auf den schnurgeraden Teerstraßen von Alice Springs zum Uluru – besser bekannt als Ayers Rock – amüsierten wir uns köstlich über die übertriebenen Versicherungsbedingungen. Ich war froh, dass Gert fuhr. Ich wäre auf dieser monotonen Strecke mit Sicherheit eingeschlafen. Von Alice Springs ging es auf dem Highway 87 zunächst 200 Kilometer fast schnurgeradeaus bis Erldunda. Der verschlafene Ort mit den beiden  langbeinigen Emus, die auf dem Platz umherliefen, erinnerte an das trostlose Setting im Film „Out of Rosenheim“. In Erldunda bogen wir vom Highway 87 ab auf die State Route 4. Der 4 folgen wir weiteren fast kurvenlosen 260 Kilometern. Gert fuhr gern und so konnte ich die Landschaft bewundern und ein wenig in unserem Reiseführer lesen. Die Campingausstattung, die zur  Ausrüstung des Mietwagens gehörte – inklusive Klapptisch (sehr praktisch) nebst Schaufel und Seil (was zum Donner sollten wir damit) –, klapperte nervtötend und laut. Man hatte somit auch bei vorschriftsmäßiger waagerechter Führung des Fahrzeugs während der gesamten Fahrt den Eindruck, als ob sich das Auto bei jeder Lenkbewegung zu überschlagen drohte. Aber abgesehen von der Geräuschkulisse deutet nichts auf eine akute „Umkippgefahr“ hin.

Gert:

Ich genoss die monotone Autofahrt und ließ meinen Gedanken freien Lauf. Ich mache am liebsten Urlaub im Robinson Club. Das Land ist mir dabei völlig egal. Die Ferienclubs gleichen sich überall auf der Welt. Zum Glück, denn so ist Erholung und Komfort garantiert. Ein bisschen segeln oder surfen, lesen und faulenzen, das ist meine Vorstellung von Traumurlaub. Heike dagegen will immer etwas erleben und Neues entdecken. Die Reise nach „Down Under” stellte ihren ausdrücklichen Wunsch zur Silberhochzeit dar. So sehr ich mich auch bemüht hatte, konnte ich leider keine überzeugende Ausrede finden, um ihr diesen Herzenswunsch abzuschlagen. Daher kurvten wir jetzt in einem klapprigen Jeep quer durch Australien. Zu allem Überfluss war Heike fest entschlossen, zu campen. Wenigstens blieb mir die Übernachtung im Zelt erspart, denn der Innenraum des Jeeps ließ sich mit Hilfe des klappernden Campingtischs in einen recht komfortablen Schlafplatz verwandeln. Das gestand ich nach der ersten Nacht auf dem G’days Campground in Alice Springs widerwillig ein. Heike war völlig beseelt von den Mythen der Aborigines, die von Urtieren handeln, wie der Riesenpython Kuniya, der Giftschlange Liru oder der gierigen und unehrlichen Eidechse Lungkata. Während wir den Ayers Rock umwanderten, erzählte sie mir, welches Tier wann und warum der Sage nach zum Uluru kam. Ich hörte nicht wirklich zu, die Märchen interessierten mich null. Ich benötigte meine ganze Konzentration, um kleine schwarze Fliegen zu bekämpfen, die uns zu Tausenden umschwirrten und sich in Schwärmen auf Armen, Rücken und Gesicht niederließen. Ich hätte aus der Haut fahren können. Heike schien sich weder an den Plagegeistern noch an meinem mangelnden Enthusiasmus zu stören. Umso besser! Als wir den Sonnenuntergang am Uluru mit einem Gin Tonic auf der Kühlerhaube unseres Jeeps bewunderten, war ich mit dem Schicksal versöhnt. Die Fliegen hatten sich verzogen und das Farbspiel war spektakulär. Da musste ich meiner Frau zustimmen. Zwei Tage später, während wir durch den 318 Kilometer nördlich gelegenen Kings Canyon im Watarrka National Park wanderten, fühlte ich mich nahezu wie ein erfahrener Globetrotter. Das Umklappen des Campingtischs zur Schlafgelegenheit war inzwischen Routine. Am Ayers Rock Campground vergaßen wir den Klapptisch zwar fast, aber Heike bemerkte das Fehlen des Klappergeräuschs auf unserer Weiterfahrt. Wir kehrten um und packten das wertvolle Möbel ein. Auch sonst verloren die Übernachtungen im Jeep ihren anfänglichen Schrecken für mich. Die Entsorgung des Abfalls vor dem Schlafengehen war lästig, aber notwendig, um keine Dingos anzulocken. Die wilden Hunde sehen total harmlos aus und daher habe ich die ersten Nächte den Müll nur weggebracht, um dem Gezeter von Heike zu entgehen. Seit ich allerdings erfahren habe, dass ein Tourist tatsächlich beim Füttern eines Dingos zwei Finger einbüßte, war ich geläutert. Der arme Tropf musste zudem eine Strafe entrichten, da es streng verboten war, den Viechern Nahrung zuzustecken. In der Gegend kannten wir uns inzwischen aus. So ließ ich mir von den Rangern kein Geld aus der Tasche ziehen, für das Befahren der 330 Kilometer langen State Route 6, die vom Watarrka National Park über Hermannsburg zurück nach Alice Springs führte.

Heike:

Schade, ich hatte mich auf die Fahrt auf der State Route 6 gefreut, denn es war eine Off-Road-Strecke. Ich fragte mich nämlich, wozu wir einen Jeep mit 4-Rad-Antrieb fuhren, wenn wir keine einzige Off-Road-Straße nutzten. Ich studierte die Straßenkarte. Da wir nicht den Weg via Hermannsburg nahmen, mussten wir einen riesigen Umweg in Kauf nehmen. Ich erklärte Gert, dass wir stattdessen die State Route 3 in südlicher Richtung zurückfahren müssten, bis wir auf die Abzweigung zur Bundesstraße treffen würden, die wir vom Uluru raufgekommen waren. Gert fuhr los. Ich berechnete die Strecke auf der Karte. Zunächst 164 Kilometer auf der 3 südlich und dann 110 Kilometer gen Westen auf der 4 bis Erldunda; der trostlosen Heimat der beiden Emus. Von dort ging es 200 Kilometer über den Highway 87 Richtung Norden zurück nach Alice Springs. Ich stöhnte innerlich, 174 Kilometer Umweg und eine Fahrtroute, die wir zum Großteil schon vom Hinweg kannten. Wie langweilig! Ich ärgerte mich und studierte die Karte auf der Suche nach einer Alternative. Und tatsächlich! Es gab eine Abkürzung: Wir konnten auf der State Route 3 bei der Wallara Ranch auf eine Off-Road-Straße abbiegen. Diese traf westlich bei Henbury auf den Highway 87. Von dort führten nur 140 Kilometer rauf in den Norden nach Alice Springs. Die Strecke wäre der ideale Rückweg, erstens deutlich kürzer und zweitens kam ich auf diesem Weg doch noch zu meiner Off-Road-Fahrt. An der Wallara Ranch bog Gert ohne Widerspruch ab. Als „Mac Scout“ und „Mac Drive“ waren wir ein eingespieltes Team. Bisher zumindest … Warnschilder wiesen darauf hin, dass die Schotterpiste bei Regen unbefahrbar sei. Nun, seit wir in Australien urlaubten, hatte es kein einziges Mal geregnet; Wasser dürfte also kaum ein Problem darstellen. Aber die Schotterstraße befand sich in einem deutlich schlechteren Zustand als erwartet. „Straße“ war zudem nicht die richtige Bezeichnung für die rote, rutschige Sandpiste, über die unser Jeep schlingerte. Obwohl das australische Red Center mehrere niederschlagsfreie Monate erlebt hatte, standen große, langgezogene Wasserlachen auf der Fahrbahn. Wir zogen es vor, nicht auszuprobieren, wie tief diese Wasserpfützen waren. Der Jeep neigte sich teilweise gefährlich zur Seite. Das schlammige Wasser reichte mehrmals bis auf die Höhe der Beifahrertür direkt bis unter das Wagenfenster. Unwillkürlich kamen mir die Versicherungsbedingungen wieder in den Sinn. Dass wir ausdrücklich gegen alles versichert waren, außer Umkippen, konnte mir jetzt kein Lächeln mehr entlocken.

Gert:

Warnschilder wiesen darauf hin, die Höchstgeschwindigkeit von 110km/h nicht zu überschreiten. Mit einem Blick auf unseren Tacho, der gerade mal 40km/h anzeigte, lachte ich hysterisch auf. Wie sollte ich hier auf 110 Stundenkilometer beschleunigen? In der ersten halben Stunde wurden wir von drei Autos überholt. Die Fahrer schienen auf dem rutschigen Untergrund deutlich routinierter zu sein. Nach weiteren 40 Minuten kamen uns dieselben Fahrzeuge wieder entgegen. Das war beunruhigend! Wir hatten keine 35 Kilometer hinter uns gebracht. Ratlos schaute ich zu meiner Frau. Warum drehten die Wagen um? Wurde die Piste etwa noch schlimmer? Ich plädierte für Weiterfahren. Nachdem Heike diesmal todernst daran erinnerte, dass wir nicht gegen Umkippen versichert seien, stimmte sie zu. Also fuhren wir weiter. Inzwischen konnte ich das Tempo unseres Jeeps immerhin auf halsbrecherische 60km/h steigern. Geht doch! Die Wasserlöcher wurden allerdings breiter. Das machte mich nervös. Ich bat Heike, im Innenraum des Wagens zu schauen, ob die Schaufel und das Seil griffbereit lagen. Für alle Fälle!

Heike:

Gert fuhr verbissen und konzentriert. Ich studierte die Straßenkarte und versuchte herauszufinden, wie viele Kilometer sich noch vor uns ausbreiteten. Wir hatten fast zwei Stunden für die ersten 50 Kilometer gebraucht. Plötzlich wurde mir heiß. Ich stutzte. Auf der Karte war ein Fluss eingezeichnet. Das war mir bisher entgangen. Der Palmer River quert die Piste ungefähr auf der Hälfte der Strecke. Ich überlegte, ob es wohl eine Brücke über den Flusslauf gibt. Da ich die Antwort ahnte, verzichtete ich wohlweislich darauf, Gert nach seiner Einschätzung zu fragen. Was sollte ich tun? Wenn ich Gert jetzt bat, umzukehren, flippte er ganz sicher aus. Also beschloss ich, erstmal zu schweigen und die Sache ganz cool auf uns zukommen zu lassen. Die Straße wurde immer feuchter. Offensichtlich kamen wir dem Palmer River näher. Ich räusperte mich: „Schatz, ich glaube, gleich erreichen wir einen Fluss, und ich fürchte, dass es keine Brücke gibt.“ Gert fluchte: „Ein Fluss! Welcher Fluss? Bist du verrückt? Wie sollen wir denn durch einen Fluss kommen?“

Gert:

Wie sich zeigte, war kontinuierliches Weiterfahren die richtige Devise. Man sollte keinesfalls im Schlamm oder mitten im Wasser anhalten. Obwohl wir nicht umgekippt sind, kann mir die Episode im Gegensatz zu Heike bis heute kein Lächeln entlocken. Das nächste Urlaubsziel bestimme ich. Gestern war übrigens der neue Katalog vom Robinson Club in der Post.

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